// 2013

// Bücher

Frauenbadetag in Aachen? Die Details sind unbekannt


Johannes Fried
Karl der Große
Gewalt und Glaube
Eine Biographie
C. H. Beck 2013

Johannes Fried versucht die erhebliche Zeitspanne von 1200 Jahren, die uns von Karl dem Großen trennt, zu überbrücken. Und er bietet eine ernorme Fülle an Informationen, die zu überblicken und geordnet vorzutragen, gewiss ein ganzes langes Forscherleben notwendig ist. So weit, so erforscht. Gleich im ersten Satz bekennt Johannes Fried aber: Das folgende Buch ist kein Roman, dennoch eine Fiktion. Wenn das mal kein Schlag ins Badewasser ist.

Denn Vorworte sind eine tückische Angelegenheit, am Ende werden sie noch gelesen und ernst genommen. Offensichtlich hat sich schon einmal der Buchgestalter nicht lumpen lassen und es im Vertrauen auf diese Ankündigung an schmückenden Elementen, wie Initialen und Schmuckseiten bei Kapitelanfängen, nicht fehlen lassen.

Johannes Fried beruft sich gleich auf der ersten Seite auf seine Imagination, was er aber imaginiert ist lediglich, dass dieses Buch Imagination enthielte. Da sie nicht vorhanden ist, wird sie kein Kritiker, wie Fried an derselben Stelle kokett befürchtet, kritisieren. Wo es auf sie ankäme, findet der Leser bei Fried die typische Wendung: Darüber kann die Wissenschaft nichts sagen in unzähligen Varianten:Genaueres ist nicht bekannt.(S. 158) Auszuschließen ist das keinesfalls. Doch Details sind unbekannt. (S. 381) Solche kollegialen Desideratehinweise sind in einem Buch, das man vorgeblich mit einem Roman verwechseln könnte, überflüssig.

Einige Kapitel beginnen mit einem Zitat, das ist immer gut, da es Authentizität verbürgt. Gleich das erste Kapitel macht sich das zu Nutze und bringt ein anschauliches Zitat, das Fried nicht sofort als solches kennzeichnet. Solche scharf gestellten historischen Vignetten stimmen Leser ein, lassen hoffen, einen Text lesen zu dürfen, der die Höhe hält. Vielleicht nimmt Johannes Fried auch an, dass seine überaus zahlreichen rhetorischen Fragen auf seine Leser anregend wirken. Zuweilen mag das so sein.

Karl herrschte über ein Riesenreich. Welche Vorstellungen machte er sich von demselben? Von dem weiten Raum zwischen Nordsee und Kampanien, hin zu den Pyrenäen oder zum Ebro, zwischen Atlantik und Elbe, in dem er sein Königtum zur Geltung brachte, von den regionalen Gewalten hier und dort? Wir wissen es nicht. (S. 245)

Klar wissen wir es nicht, die Leser von demselben schon mal gar nicht, aber, so fragt man, wo ist die angekündigte Imagination? Hier ist sie wohl irgendwo zwischen Nordsee und Pyrenäen verloren gegangen.

Pferdemist und Jauchegruben, Hühnerhöfe und Schweinezucht, Ochsen und Gemächlichkeit – Karl wuchs in ländlicher Umwelt auf. Sattel und Zaumzeug von klein an, der Geruch der Ställe, der Ruf der Knechte, das Quietschen der Lastkarren – das war seine Welt. (S. 33) Der arme Karl, er wuchs inmitten einer Reihe von Substantiven auf, die derjenige, der sie willkürlich aneinander reiht, mit Imagination verwechselt.

Ein anderes von einer Schmuckseite eingeleitetes Kapitel beginnt so: Karl lag im Bad, wie er es so gerne tat. Er war ein paar Züge geschwommen, jetzt lehnte er am Beckenrand. Er war nicht allein, viele Hofleute badeten mit ihm. Er winkte Alkuin zu sich. (…) Es muß ein Heidenspektakel gewesen sein. Einhard, der kleine Mann, der es berichtete (c.22), dürfte hin und wieder am Badespaß teilgenommen haben; vielleicht hänselte man ihn da wegen seiner kurzen Glieder. Von den Töchtern des Königs oder den Damen des Hofes war keine Rede. Badeten sie nicht? Gab es einen eigenen Frauenbadetag? Ein spezielles Frauenbad? Ob die Prinzessinnen heimliche Blicke zu den Badenden warfen? Wie immer, Karl hatte seine Freude am Bad. (S. 375 f.)

Ja, wie immer, es ist eh wurscht, denn man erkennt sofort, die Imagination von Johannes Fried reicht auch hier nicht weiter als bis zum Frankfurter Hallenbad um die Ecke. Die Reihung der rhetorischen Fragen reizt im Gegenteil zur Verulkung. Fragen über Fragen und Einhard, der Trottel, hat es nicht aufgeschrieben und auch Badekappe und Fotoapparat vergessen. Johannes Fried geht hier, das mögen diese wenigen Beispiele zeigen, mit Karl und seinem Hof in Aachen formal und stilistisch baden.

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Vermögensverwaltererzählung


Georg von Wallwitz
Mr. Smith und das Paradies
Die Erfindung des Wohlstands
Berenberg 2013

Die Ökonomie, meint von Wallwitz, sei zu wichtig, um sie den Ökonomen zu überlassen. Sie ist auch zu wichtig – das weiß Wallwitz – um sich von ihr langweilen zu lassen. So ist sein Nachfolger des Erfolgtitels von 2011 Odysseus und die Wiesel. Eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte in vielen Punkten anschlussfähig.

Auf dem Cover sieht man Schumpeters Vorstellung von der schöpferischen Zerstörung dargestellt, nach der aus dem Niedergang eine neue Konjunktur erwächst. Fragt sich nur wer genau da liegen bleibt und wer sich erneut erhebt. Und ob es nicht Figuren gibt, die weder liegenbleiben noch aufsteigen, sondern am Abstieg wie Niedergang verdienen. Als Mitinhaber einer Vermögensverwaltung ist von Wallwitz gewiss Fachmann, aber auch Sachwalter dieses blinden Flecks der Gesellschaft.

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Die junge Republik der alten Männer

Joachim Radkau
Theodor Heuss
Hanser 2013

Für Theodor Heuss gilt dasselbe was für seinen Biographen Joachim Radkau gilt, sie haben sich beide durch ein beeindruckend umfangreiches schriftstellerisches Werk im Genre des Sachbuchs eine eigene Lesergemeinde geschaffen. Nur dass Heuss schriftstellerisches Werk mit der Gründergeneration der alten Bundesrepublik untergegangen und vergessen ist. Allein die kleine Schrift Hitlers Weg von 1932 erschien in der Bibliothek verbrannter Bücher bei Olms. Überhaupt ist von dieser jungen Republik der alten Männer nicht mehr viel im kulturellen Gedächtnis. Selbst Radkau und sein Verlag halten es für unnötig, das schriftstellerische Gesamtwerk Heuss‘ aufzulisten.

Es kommt gar nicht so selten vor, dass sich Rezensenten bei den Büchern, deren Verfasser man nicht mag oder deren Gegenstand man schon immer skeptisch betrachtete, für eine Quälerei von nicht unter dreihundert Seiten mit einem gehörigen Verriss rächen. Umgekehrt, also im Falle der Nähe, droht aber auch Gefahr.

Vom Mögen und Nichtmögen mit und ohne Gründe kann vielleicht auch beim Verhaltnis Heuss-Radkau die Rede sein. Nach Technik in Deutschland, Holz, Das Zeitalter der Nervosität, Max Weber und Die Ära der Ökologie nun also die voluminöse und vom Gestus der Sympathie getragene Darstellung von Theodor Heuss. Radkau schreibt ebenso elegant wie sympathisierend über diesen Glücksfall für die junge Republik. Sympathie, die sich gerade darin beweist, dass die Fehler, wie Heuss Zustimmung zum ‚Ermächtigungsgesetz‘, und die Torheiten, wie den Versuch, eine neue Nationalhymne durchzusetzen, nicht wegerklärt oder bagatellisiert werden.

Die ganze Lebens- und Denkungsart eines Theodor Heuss verbindet sich mit einem Geschmacksmuster, das etwas opahaftes an sich hat, mit einer Vorliebe für Idyllen, die mit Behagen einverleibt werden. Die Generation der über den Bauch bis unter die Achseln hochgezogenen Hosen. Freundlich und allzu nachsichtig mit Tätern. Der Ort des Urteils ist bei Heuss und seinen Zeitgenossen nicht der Kopf, sondern das Herz. Nicht immer und überall, aber dann doch häufig genug und vor allem aus dem Blickwinkel der nachkommenden jungen Männer der alten Republik.

Hier zu einer Kurzbesprechung von Joachim Radkaus Buch Holz unter dem Titel „Stoffgeschichte“.