Gattungsfragen werden im Feuilleton nicht weniger als in der Forschungsliteratur, wenn es darum geht, etwas als neu herauszustellen, ziemlich leichtfertig gehandhabt. Nimmt man sich die Gattung der Krankheitserzählung vor, wird behauptet diese sei neu.
Der Grund für diese Behauptung hängt allerdings damit zusammen, dass nur als Novität auf dem Markt der Gattungen eine Interpretation ansteht. Dass da nun etwas Neues aufkommt, wird als Aussage über die Gesellschaft aufgefasst und als solche der Interpretation bedürftig. Die Verständigungshilfe liefert dann der Artikel im Feuilleton oder der Aufsatz in der Fachzeitschrift.
Umgekehrt geschlossen rechtfertigt die Novität einer Gattung also nichts weniger als den Artikel. Ich glaube absolut nicht, dass die Krankenerzählung neu ist.
Ein Umstand ist allerdings als neu anzuerkennen: die Medizin ermöglicht den Bericht. Dass wir Berichte über Krankheitsverläufe erhalten, ist einer Medizin zu verdanken, die den Berichtenden erhält. Wo es nicht die Medizin ist, die den Bericht ermöglicht, sind es, wie im Fall von Georg Diez, die Nachkommen. Wir erhalten so Protokolle der Zersetzung und Zustörung, die manchmal aufgehalten wird. Im Fall von Christoph Schlingensief ein Protokoll, das von ihm selbst als Wiederholung, Widerstand und Versuch der Heilung
bezeichnet wird. In seinem Vorwort gibt er an, dass sein Buch über das Innenleben der Kranken all denen Auskunft geben könnte, die mit Kranken zu tun haben. Ein Ratgeber also.
Die Medizin ermöglicht, dass diese Berichte auf uns kommen. Und sie ist zugleich der Grund dafür, dass diese Berichte entstehen. Denn sie nimmt, von der Diagnose, ihren Medikamenten, ihren Vertretern bis zu ihren einzelnen Verrichtungen einen nicht unbeträchtlichen Teil der Erzählungen ein. Die Medizin markiert eine Grenze, die die Kranken von ihrem früheren Leben trennt. An dieser Grenze zum früheren, normalen Leben schreiben sie fast alle entlang.
Auch Walter Kohl, den die Ärzte nach einem schweren Fahrradunfall zwar am Leben erhalten, dem aber
fortan nichts weiter als der Geruchssinn fehlt. Was für Katastrophen aus diesem winzigen fehlenden Baustein unseres Perzeptionsapparats sich ergeben, schildert Walter Kohl intensiv und absolut ungeschönt. Ein wirklich großes Buch.
Ein Beispiel für die mit Wahrscheinlichkeit noch viel weiter zurückreichende Geschichte der Krankenerzählung muss aber noch genannt werden: Helen Kellers Mein Weg aus dem Dunkel. Auf den Spuren dieses berühmten Bestsellers geht auch Sarah Neef, die ihre Eroberung der Welt der Hörenden erzählt.
Christoph Schlingensief
So schön wie hier kann es im Himmel nicht sein
Tagebuch einer Krebserkrankung
Kiepenheuer & Witsch 2009
Georg Diez
Der Tod meiner Mutter
Kiepenheuer & Witsch 2009
Walter Kohl
Wie riecht Leben?
Bericht aus einer Welt ohne Gerüche
Zsolnay 2009
Sarah Neef
Im Rhythmus der Stille
Wie ich mir die Welt der Hörenden eroberte
Campus 2009
Katja Behrens
Alles Sehen kommt von der Seele
Die Lebensgeschichte der Helen Keller
Beltz 2008