Eine erschreckende Klarheit

28011494_9783351036652_xl Olga Grjasnowa
Gott ist nicht schüchtern
Roman
Aufbau 2017

Olga Grjasnowa erzählt in Gott ist nicht schüchtern von Amal und Hammoudi. Amal ist eine erfolgreiche Schauspielerin in Syrien. Hammoudi ein junger Arzt, der kurz vor dem Bürgerkrieg nach Syrien zurückkehrt, um seinen Pass verlängern zu lassen. Ihre Leben konnten sie sich auch Dank des Assad-Regimes aufbauen, das sie zugleich verachten. Sie sympathisieren uneingeschränkt mit der Revolution, engagieren sich und verlieren alles.

Grjasnowas Erzählkunst ist zurückhaltend und wirkungsvoll. Das Leben von Amal und Hammoudi ist ohne die Entwicklung des Landes nicht denkbar, aber sie werden an keiner Stelle erzählt, die Geschichte des Landes zu illustrieren.

Zugleich werden den Figuren keine Gefühle zugeschrieben, die eine angestrengte Kunst der Imagination als Leistungsschau vermuten lassen. Im Gegenteil, das neusachliche Erzählen der Gjasnowa zeigt die Tatsachen von Krieg, Flucht und Asyl ohne die üblichen Anzeiger des Entsetzens.

Wir sind so an der Ästhetisierung des Schreckens gewöhnt, dass die Leerstelle, die die Kunst der Gjasnowa bietet, mit einem Schlag deutlich wird. Ein entsetzliche Leere. Wo sonst in Romanen Ästhetisierung herrscht, dadurch dass Lebenslinien zusammengeführt werden, Details der Handlung das große Ganze der Geschichte abbilden und figurenzentrierte Innenwelten anzeigen, was davon zu halten sei, ist hier nur Klarheit und Unerschrockenheit. Eine entsetzliche und erschreckende Klarheit, die eine Erzählperspektive erfordert, die alles andere als Schüchternheit verlangt.


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