Routinen des Teilerfolgs - Anmerkungen aus Anlass des einjährigen Bestehens von Immer schön sachlich
Der Wissensbetrieb wird von einer nahezu unheimlichen Mühelosigkeit erfasst. Verantwortlich ist dafür vielleicht nur der banale Medienwechsel der Texte. Allein, Texte bleiben auch am Bildschirm Texte. Dass sich mit ihrem Wechsel ins Netz oder auf elektronische Datenträger ihr Charakter ändere, ist falsch. Was sich allerdings ändert, ist unser Umgang mit Texten. Dieser Umgang wird von zwei Gruppen bestimmt, denjenigen, die nicht lesen und denen, die nur lesen was ihnen auf Anhieb verständlich erscheint. Die objektiven Ökonomien und die subjektive Mentalität strukturieren das Feld des Wissenerwerbs neu. In diesem Feld scheint für Wissenserwerb als Anstrengung und das Sachbuch als Lektüre immer weniger Platz zu sein.
Barrierefreies Lernen
Texte werden in elektronischer Form als prinzipiell zugänglich aufgefasst. Wo sie diesen selbstverständlichen Zugang verweigern, fordern sie die Leserinnen und Leser immer weniger zur Analyse heraus. Denn die zur Regel gewordene Lesesozialisation über elektronisch zur Verfügung stehende Texte ermuntert zu nur noch zwei Rezeptionshaltungen: Texte sind entweder selbstverständlich oder unverständlich. Der Grund dafür allerdings ist weder Dummheit noch Faulheit. Es ist Mühelosigkeit. Was sich nicht mühelos erschließt, scheint nun bloß noch Barrieren aufzuweisen, die im Grunde gar nicht nötig wären.
Bildungsdebatten bestärken diese Auffassung, insofern Bildungsferne fast wie eine Behinderung behandelt wird. Das Recht auf Zugang zu Bibliotheken ohne Barrieren für Rollstuhlfahrer wird dem Recht auf Zugang zur Bildung fast gleich gesetzt. Aber eine Treppe am Eingang der Bibliothek ist etwas anderes als die Komplexität der dort lagernden Bücher. Was beim Textverstehen fehlt, sind Routinen des Teilerfolgs. Sie werden ersetzt durch das Konzept der Meinung. Wird man Inhaber einer Meinung, deren Mangel an Begründung sie paradoxer Weise stärkt, so hat man oft genug ein pädagogisches Ziel erfüllt und wird durch Respekt belohnt.
Das große Durchlüften: Open Access
Die Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen von 2003 lässt den Medienwechsel wissenschaftlicher Texte als unaufhaltbar erscheinen. Denn wer sich dagegen äußert, kann doch nur eines wollen: sein Wissen zurückbehalten. Und diese Haltung gilt als prinzipiell antiaufklärerisch. Allein, diese Erklärung leistet mehr, als sie vielleicht selbst intendiert: Wissen zu einem der Luft vergleichbaren Gut zu erklären. Man könnte glauben und glaubt es vielleicht tatsächlich, Wissen auf eine Art und Weise vergesellschaften zu können, dass man es zu seiner Aufnahme bloß einzuatmen brauche.
Rechthaben mit Wikipedia
Auch in dem elektronischen Abschreibesystem Wikipedia wird geistiges Eigentum sozialisiert. Hier wird Wissen leichter, dadurch dass es leichter zugänglich wird. Da wir es aber mit Menschen zu tun haben, deren Lesesozialisation sich an elektronischen Medien vollzieht, wird der Eigensinn der Texte so wenig erkannt wie das Eigentum der Gedanken. So werden Texte mit der Zeit eigentümlich.
In der Folge sind bei bloßen Meinungsinhabern auch die eigenen Gedanken nicht mehr eindeutig zuschreibbar und werden anonymisiert. So wird mit der Begründung einer Meinung gleich auch ihre Zuschreibung aufgegeben. Mehr noch: individuell zuschreibbare Verantwortung für Texte wird aktiv verhindert und damit auch die Möglichkeit zu irren, sich zu korrigieren, zu lernen. Wikipedia kann sich nicht irren.
Belletrister Buchhandel
Die im Vergleich schwindelerregenden Umsätze im Bereich der Belletristik degradieren das Sachbuch
von Jahr zu Jahr mehr. Gigantische Stapelverkäufe in der Belletristik stehen gegen vereinzelte Stammelverkäufe im Sachbuch. Der Aufschwung des einen ist der Niedergang des anderen. Es ist recht einfach auf dem Bestellwege auf jeden belletristischen Trend aufzuspringen, an dessen Erzeugung man im übrigen keinerlei Anteil hatt. Also wird gesprungen. Dass man diese Bücher nicht gelesen haben muss, um sie erfolgreich zu verkaufen, verschäft die Sachlage. Selbst Pierre Bayards Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat kann ungelesen bleiben, denn über Bücher spricht man dort schon lange nicht mehr.
Durch simple Berechnungen kann man begründen, warum in Zukunft die Verkaufsfläche vermehrt dem Sachbuch abgezogen und der Belletristik zugeschlagen wird. Nichtlesen erleichert die Umsetzung. Eine Entwicklung, die in Teilen dazu führt, dass Sachthemen zur Tapete verkommen. Deren Sinn ist allerdings Kompetenz zu zeigen, die dann in nichts besteht, als dass man diese Bücher zeigt.
Instabile Seitenlage
Wenn die oben gesammelten Beobachtungen aber stimmen und die Entwicklung dahin führt, dass einerseits strukturell die von allen Inhalten abgelösten ökonomischen Prozesse und andererseits personell die Lesesozialisation weiterhin von Mühelosigkeit bestimmt wird, dann wird die stabile Seitenlage des Sachbuchs nicht mehr lange andauern und der Tapetenbuchhandel zur Regel. Was man tun kann? Nur lesen!