Die Akkumulation des Ideals

Henriette Kaiser, Joachim Kaiser
“Ich bin der letzte Mohikaner”
Ullstein 2008

Wer sich als Der letzte Mohikaner bezeichnet, erzählt eine Geschichte vom Ende her. Die Lebensgeschichte des Joachim Kaiser beschreibt eher ein anderer Titel von J. F. Cooper: Der Lederstrumpf. Es mag ja sein, dass er heute der letzte seiner Art ist, wichtiger aber ist, dass er zu den Pionieren gehörte. Wie Lederstrumpf gehört er der Art von Pionieren an, die mit der Ausstattung einer fortschrittlichen Moderne (dem Vorderlader oder den neuen atemberaubenden Aufnahmetechniken) in den letzten übrig gebliebenen Jagdgründen der Hochkultur herumstreifen, einiges von der ursprünglichen Genialtät der Ureinwohner bewahren konnten (der Wurftechnik des Tomahaws wie artistische Perfektion am Klavier), ansonsten aber den Untergang bloß moderierten.

Wir tun alle immer so, als sei Wissenwollen, das Behalten und Bewundern unsere persönliche Leistung. Dass das Wissenwollen auch immer ein Versprechen war, ein Jobversprechen in jedem Fall, manchmal ein Versprechen auch auf eine kleine Karriere und dann aber auch, wie im Falle einer Biografie wie sie Joachim Kaiser gelang, auf eine bewundernswürdige große Karriere, bleibt da zu sehr unberücksichtigt. Joachim Kaiser ist zweifellos eine Ausnahmeerscheinung, die den Vorderlader nicht weniger als den Tomahawk beherrscht.

Wie aber wird man zum Letzten seiner Art? Indem die Leistungsbereiten aussterben? Das Wissenwollen außer Kurs gerät? Die geeigneten Persönlichkeiten fehlen? Von all dem etwas. Aber es ist auch noch etwas anderes am Werke. Vor fünfzig Jahren war das harte Erarbeiten und unbedingte Erreichenwollen allein schon dadurch plausibel, dass man einen Job bekam. Diese Plausibiltät ist heute fast rettungslos verloren. Das heißt, angesichts des Verkaufs des Brockhaus Verlags an Bertelsmann, des Aufstiegs von Wikipedia, der Einrichtung des Bachelor ist die gesamte objektive Grundlage einer Anstrengung des Wissenwollens partiell nicht aussichtsreich.

Oder nehmen wir die Musik. Die sagenhaften Möglichkeiten, die beispielsweise in dem intelligenten Musikangebot von bessersingen.de angeboten werden, senken oder heben die Ansprüche vielleicht, sie verändern sich aber in jedem Fall. Ein Angebot, dass Kaisers Lehrer Adorno nur als barbarisch empfunden hätte, weil die Kulturindustrie nicht nur das Kunstwerk reproduziert, sondern nun auch noch seine Ausübung mechanisiert. Dass Kaisers Klassik ein Misserfolg war, verschweigt das Buch denn nun auch, unterzieht sich auch nicht den Anstregungen, die Veränderungen mehr als nur zu konstatieren.

Wie überhaupt die ökonomische Dimension dieser Karriere in diesem Buch, das die Tochter, Henriette Kaiser, aus Gesprächen aufgezeichnet hat, mit nur sehr allgemeinen oder indirekten Hinweisen versehen wird. Der junge Kaiser, der auf das Elitegymnasium der ostelbischen Junker, das berühmte Joachimsthalsche Gymnasium in Templin, geht, erzählt später Geschichten von uralten Autos und zeigt Bilder stark ausgewetzter Sitzpolster. Das ist die alte Schablone der Generation Anfang zu gleichen Bedingungen. Musik und Literatur werden in dieser Generation gerne als Wert an sich verstanden, dem man sich auch ohne die vielversprechenden ökonomischen Verwertungsmöglichkeiten gewidmet hätte.

Die letzten Mohikaner tun alle so, als seien ihre Anstrengungen allein ihrer Persönlichkeit und nahezu gar nicht auf objektiv vorhandene und realistisch abschätzbare Bedingungen der Lebenswelt zurückzuführen. Ihnen ist zunächst die Erosion und der Transport der ästhetischen Ideale ihrer Vorgänger gelungen. Die waren nämlich kompromittiert oder einfach zu alt. Dann wurde es ihnen ermöglicht, eine Akkumulation der Ideale zwischen Buchdeckeln und auf Schallplatten zu betreiben, deren Verwertung ihnen als Lebensleistung zugerechnet wurde. Dabei gelang ihnen höchst erfolgreich, sich unter den Bedingungen genau der Kulturindustrie, die sie verachteten, als ihr Gegenteil zu stilisieren und zu vermarkten.

Den heute Zwanzigjährigen ist allerdings unmittelbar klar, dass so keine Karrieren mehr verlaufen. Sie sehen richtig. Sie handeln richtig. Und auch dafür müssen sie sich Vorwürfe genug gefallen lassen. Früher entboten die Studenten der Geisteswissenschaften, wenn man die Frage nach ihrem späteren Verbleib im Berufsleben stellte, ein wissendes Lächeln, was wusste der naive Frager schon von der Investition in die Geisteswissenschaften, die den gesellschaftlichen Status, den man ohnehin schon einnahm, nur von innen her nochmals auspolsterte. Aus diesem Lächeln wurde in Laufe der Jahrzehnte ein stilles Lächeln, wusste der Frager doch nichts von den inneren Abenteuern und Fortschritten, die das Studium der Geisteswissenschaften bereiten konnte. Und heute ist dieses Lächeln, wo nicht eingefroren ein verlegenes. Aber davon schweigt der Mohikaner.


Kommentar schreiben