Kontaktmomente

Ein merkwürdiges Bekenntnis war unlängst von Marcel Beyer zu lesen: „Man trifft einen Spinnenforscher, der eine Art erforscht, die in Costa Rica auf Blättern einer bestimmten Pflanzensorte lebt. Man denkt: ‚Ah, das ist jetzt ein Fachmann, und sein Wissen bezieht sich auf den Horizont dieses Blattes.’ Und dann sieht man, das stimmt nicht, der weiß über Verhalten bei ganz anderen Tieren genauso viel, über Gedächtnis, Genetik und so weiter. In meinem eigenen Kulturbereich, der Literatur, treffe ich dagegen so viele Menschen, die eigentlich sehr bescheiden sind, in dem, was sie wissen wollen.“ (FAZ, Nr. 112, 15.05.2008)

Das Sachbuch ist ein Medium, dessen öffentliche Wahrnehmung, wie man aus Beyers Einlassung vielleicht auch ein wenig schließen darf, aus verschiedenen Gründen seiner Bedeutung noch nicht gerecht wird. Sicher, Sachbücher werden reichlich rezensiert, Sachbücher lösen mitunter heftige Debatten aus und Bestsellerlisten orientieren über Sachbücher in hohen Auflagen. Allein, durch unseren eingeschränkten Literaturbegriff, der unter Literatur lediglich Epik, Drama und Lyrik, buchhändlerisch formuliert und nochmals eingeschränkter, Belletristik und Jugendbuch versteht, bleibt das Sachbuch als eigene Form ein Stück nicht festgestellter Literatur. So wie das links abgebildete Buch, in dem der Hund den Menschen zur Rede stellt.

Aber, wie Beyer zeigt, wird Literatur gelegentlich zur Kippfigur, bei der plötzlich der privilegierte Zugang zur Wirklichkeit durch Literatur als nie eingelöste Behauptung erscheinen mag. Der ewig grüne Trieb der Literatur wächst da aus einem aus Dummheit und Stolz zusammengesetzten Holz. Bei Beyer ist der berüchtigte Fachidiot offensichtlich nur noch der Idiot der Familie, und zwar der literarischen. Wenn man innerhalb dieser Familie, nach Beyer, so bescheiden ist, in dem, was man wissen will, ergibt sich daraus nicht auch umgekehrt eine gewisse Unbescheidenheit, in dem, was man da alles zu wissen behauptet?

Betrachtet man unseren Umgang mit Sachbüchern genauer, stellt man schnell fest, dass sie, in Rezensionen zumal, wie Fachbücher behandelt werden, die, wie geradezu schamhaft hinzugesetzt wird, im Übrigen auch gut zu lesen seien. Hier lässt die fundierte Kenntnis einer Sache alle leichte und einfache Beschäftigung mit Sachbüchern als frivol erscheinen. Das müsste man es doch einmal, so der Gedanke, umgekehrt angehen, und, die fundierte Kenntnis außer Acht lassend, vor allem gut zu lesende Sachbücher aussuchen. Was wohl nichts anderes bedeutet, als dass man den Versuch machen müsse, Sachbücher wie Literatur zu behandeln. Auch dies eine Kippfigur.

Inzwischen kann man erfreulicherweise den Eindruck gewinnen, dass das Sachbuch in seiner Bedeutung als eigene Literaturform deutlich mehr Aufmerksamkeit erfährt, als noch vor Jahren. Diesen Wandel in der Germanistik, der Buchwissenschaft und Publizistik zu beobachten, zu begleiten und natürlich nach Kräften zu unterstützen, habe ich diesen Blog eingerichtet, der auch für die Beiträge anderer Sachbuchleser offen ist.

Neben den Seminaren und den Sachbuchvorstellungen, gibt es auch Themenabende. Einer dieser Abende heißt Alles fühlt – Sachbücher über Tiere und Natur zum Darwin-Jahr 2009, in dem auch aus Chip Walters spannendem Buch über die Entwicklung des Menschen vorgelesen wird.

Zu den Tieren sagt Marcel Beyer im Interview: „Man weiß immer, dass man von Tieren umgeben ist, aber man macht sich das nicht klar, dass sie wie in einem Paralleluniversum leben, das räumlich mit unserem eigenen Universum identisch ist. Und dann gibt es Kontaktmomente.“ Das sind die Momente, die gebraucht werden, ob es nun die Tiere oder die Leser betrifft.


Kommentar schreiben