Lest Stadtpläne
Wenn man neu in einer Stadt ist, lernt man bestimmte Ecken immer nur getrennt voneinander kennen. Der Weg zur Arbeit wird als ein ganz anderer wahrgenommen, als der zu den abendlichen Vergnügungstätten. Oft begreift man erst viel später, wie nah alles miteinander in Verbindung steht. Dass diese Verbindung von Arbeit und Freizeit schon länger als Aussicht auf Arbeit als Freizeit verstanden wurde, davon handelt das vortreffliche von Irene Götz und Barabara Lemberger herausgegebene Buch Prekär arbeiten, prekär leben. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf ein gesellschaftliches Phänomen. Im Blick haben einige der Autoren Bücher wie Holm Friebes und Thomas Ramges Marke Eigenbau. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion. Interessant immerhin, dass beide Titel im Campus Verlag erschienen sind und sich nun als sehr nahe beieinander liegende, aber auch sehr unterschiedliche Stadtteile erweisen.
Wirtschaftshandeln und Kulturwissenschaft
In seinem ungemein erhellenden Beitrag setzt Lutz Musner Wirtschaftshandeln und Kulturwissenschaft in Beziehung: “Die Deregulierungen der Wertschöpfungsprozesse und der öffentlichen Institutionen, die im Vordergrund der aktuellen Politik stehen, gehen im intellektuellen Bereich ironischerweise und wohl auch nicht zufällig mit einem Siegeszug des Kulturalismus und der Kulturwissenschaften einher.”
Dass der Bereich des Wirtschaftshandelns sich basaler Grundüberzeugungen der Ethik und Kultur entledigt hat, ist bekannt. Die vormalige Standortgebundenheit der Wirtschaft war immer auch mit ihrer gewissermaßen landschaftlichen Einzäunung verbunden. Im Umkehrschluss wird diesem Wirtschaftshandeln nun jede Kulturlandschaft zum Anlass der Produktentwicklung. “Erleichtert wird diese Ökonomisierung des Kulturellen” schreibt Lutz Musner, “durch den Verlust der Kultur der Ökonomie.”
Produktion ohne Verstetigung, Kreativität ohne Kontrakt
Lutz Musner bringt zwei Entwicklungen zusammen, die Romantik der digitalen Piraterie und den realen Mangel an Perspektiven. Letzteres ist die Basis des ersteren.
Musner schreibt dazu: “Wenn Forschungs-, Universitäts- und Arbeitsmarktpolitiken zunehmend dazu übergehen, Produktion ohne Verstetigung, Qualifikation ohne Vertiefung, Innovation ohne Institution und Kreativität ohne Kontrakt anzustoßen und dergestalt signifikante Teile der hoch qualifizierten Jugend in prekäre Berufsperspektiven entlassen werden, wird eine neue Mentalität befördert, die den Erfordernissen einer nachhaltigen Wissenschaftsentwicklung fremd gegenüber steht. Es entsteht so nämlich eine freubeuterische, opportunistische und egomanische Geisteshaltung, der die Regeln einer libertären Gelehrtenrepublik und eines Wissenschaftsethos gleichgültig sind oder die den Regelverstoß sogar zum Prinzip individuellen Fortkommens erhebt.”
Auch hier liegen zwei Stadtteile plötzlich sehr nah beieinander. In den Debatten werden die Perspektiven derjenigen nicht diskutiert, die vor dreißig Jahren noch alle Lehrer wurden. Anlässlich der Lebenserinnerungen von Joachim Kaiser kann man sich die Unterschiede nochmals klar machen. Sie wurden hier bereits unter dem Titel Akkumulation des Ideals besprochen. Wer weiß aber, ob die hippen und jungen Leute je sich so lange in einer Stadt aufhalten, dass ihnen die Zusammenhänge aufgingen. Wahrscheinlich kommen sie nicht einmal dazu, sich einen Stadtplan zu kaufen.