Mitteilung an junge Schreibkräfte! Das 28. Poetenfest in Erlangen

Auf dem 28. Poetenfest in Erlangen widmet man sich zum ersten Mal unter der Leitung von Florian Felix Weyh dem Sachbuch. Dazu hier die hartnäckigsten Irrtümer über Sachbücher. Nebenbei wird darin der Versuch unternommen, begabten jungen Leuten, die ein Berufsziel vor Augen haben, das sich irgendwo zwischen Poet und Schreibkraft bewegt, das Sachbuch als eine Form anzuempfehlen, die es verdient, ausprobiert zu werden. Dabei werde ich meine Mitteilung über einige falsche Meinungen zu Sachbüchern durch treffende Gegenbeispiele und den allzu leichtfertigen Umgang mit Sachbuchlesern mit abschreckenden Textbeispielen illustrieren.

Sachbücher sind sachlich geschrieben.

Sachbücher sind nicht sachlich geschrieben. Sachbücher sind nicht objektiv, oft nicht einmal objektivierend geschrieben. Das Sachbuch ist vielmehr eine besondere Form, die eine große Fülle von literarischen Strategien ermöglicht. Dabei ist gerade die Subjektivität der Autoren besonders wichtig, was Tom Reiss in seinem bewunderswürdigen Orientalisten zweifellos begriffen hat. Wo die Subjektivität, die man immer im Augenwinkel halten sollte, fehlt, verbirgt sich hinter dem Autor meistens ein vorgeblich interesseloser deutscher Professor. Besonders tollkühn im Zugriff, grandios an den eigenen Versprechungen und deren Einschränkungen scheiternd, Wolfgang Schuller: „Es soll also erzählt werden, soweit es möglich ist, und zwar in historischer Reihenfolge; eine übersichtartige Darstellung der äußeren Lebensbedingungen der Hetären, die sich auf die griechischen und römischen Verhältnisse bezieht, steht in der Mitte zwischen beiden Teilen. Ich werde im übrigen nicht in eher trockener Weise eine nach Sachgruppen geordnete Untersuchung vorlegen, sondern von den Hetären selbst erzählen, von den antiken Quellen ausgehen und dabei möglichst viele von ihnen direkt zitieren. Die historische Anordnung ist deshalb nötig, weil nur so bei dem sehr großen Zeitraum, den das Buch umfasst, der Entwicklung des Hetärenwesens und dessen Veränderungen im Lauf der Jahrhunderte Rechnung getragen werden kann. Außerdem wird die Erzählung zur Folge haben, dass von vielen konkreten Hetären die Rede ist, dass also viele Namen fallen. Das wird hoffentlich nicht verwirrend, sondern anschaulich wirken.“

Sachbücher vermitteln populäre Inhalte.

Sachbücher lassen sich niemals über den Inhalt bestimmen. Ein populärer Inhalt, sei dies nun ein Pominenter, eine Automarke oder ein alltägliches Genussmittel, ist kein Garant dafür, dass das Buch populär wird. Diese Spekulationen sind bei Verlagen sehr verbreitet und führen in der Regel zu herben Enttäuschungen. Populär, verbreitet, verkäuflich oder was man immer zur Bemessungsgrundlage des Erfolgs machen will, kann jeder Inhalt werden, auf lange Sicht aber nur ein gut geschriebenes Buch. Wie Orlando Figes Flüsterer. Ich weiß, dass nun tausende miese, dumme und gemeine Sachbücher der Bestsellerliste genannt werden. Das ist im Vergleich zum Roman eine absurde Argumentation, denn diese Gattung wird niemals an ihren misslungensten unter den erfolgreichen Exemplaren gemessen. Diese Argumentation scheint aber damit zusammen zu hängen, dass im Vergelich zum Roman bei uns der Kanon der Sachliteratur irgendwie auf dem Kopf steht.

Sachbücher sind Tagesware.

Ganz im Gegenteil, Sachbücher sind Literatur, die längst kanonisiert ist. Innerhalb dessen, was unser literarisches Gedächtnis der Literatur zuordnet - also halbbewusst der fiktionalen Literatur - verstecken sich eine Fülle von Sachbüchern: Biografien, Reportagen und Reiseberichte. Hier für viele sei Gides Reisebericht aus dem Kongo genannt. Erläutern kann uns diese Panik vor der Tagesware der Verfasser des berühmten Briefs an einen jungen Dichter in einer Passage, die er - es handelt sich um Rilke - in einem Bettelbrief an Ellen Key am 3. April 1903 geschrieben hat: „Und der Gedanke an das Geld, der sonst für mich nicht so einzeln bestanden hat, hat andere Qualen mitheraufbeschworen: diese z.B., dass ich nun auf einmal weiss, dass meine Bildung zu gar keiner bestimmten Stellung ausreicht, kaum zu einer journalistischen Tätigkeit. Und vor der gerade habe ich ein namenloses Grauen! Ich fühle zu deutlich die Schein-Verwandtschaft zwischen Litteratur und Journalismus, von denen das eine Kunst ist und also die Ewigkeit meint und das andere ein Gewerbe mitten in der Zeit: mehr in der Zeit als irgend eines sonst.“

Sachbücher werden aus Interesse an der Sache gelesen.

Da die Vorstellungen über das Sachbuch immer um Sachlichkeit kreisen, haben die Vorstellungen über mögliche Leser auch vage mit irgendeinem sachlichen Interesse zu tun. Dass es leidenschaftliche Leser biografischer Werke gibt, die unterschiedslos alles lesen, was zu dieser Gattung gehört, wird dabei leicht übersehen. Das Bekenntnis, das Robert Fossier in seinem Schlusswort abgibt, drückt die unklaren Vorstellungen über die Sachbuchleser sehr deutlich aus: “Ich habe in dieser Untersuchung viele Felder berührt, wobei ich mich auf einigen zugegebenermaßen nicht sehr gut auskenne. Was bedeutet das nun für meine potenziellen Leser? Tatsächlich weiß ich nicht einmal, an wen ich mich eigentlich wende. Diese Seiten können einen ausgewiesenen Fachmann für das mittelalterliche Familienrecht oder die damaligen Ernährungsmethoden und noch viel weniger einen Kenner der Dogmengeschichte sicherlich nicht zufriedenstellen. Ich erwarte, von dieser seite durchaus Proteste zu hören. Andererseits spiele ich immer wieder auf Untersuchungen, Menschen und Ereignisse an, die nicht unbedingt zum´kollektiven Gedächtnis der aufgeklärten Leserschaft gehören. Vielleicht ist dieses Buch ja tatsächlich zu vereinfachend für den Gelehrten, zu verwirrend für den Studenten und zu unverständlich für den gewöhnlichen Interessierten - ich weiß es nicht. Ich wollte einfach nur all dies zu Papier bringen. Und nun möge der geneigte Leser darüber entscheiden.” Nach dieser Liste von Lesern, für die dieses Buch nicht geschrieben ist, muss man am Ende glauben, es sei nur für mich allein geschrieben, was im Grunde auch nicht übel ist. Sachbücher werden manchmal, wie das Buch über Astronomie von Ulrich Woelk, für nur eine Person geschrieben, seine Tochter Stella. Aber liest Stella dann aus Interesse an der Astronomie dieses Buch?

Glück, Glanz und Ruhm versprechen nur Romane, niemals Sachbücher.

Das stimmt auch nicht, und wenn doch, dann ganz gewiss nicht für die Zukunft. Der Nimbus, der die fiktioniale deutsche Literatur umgibt, ist in Deutschland endgültig verloren. Dies hängt auch damit zusammen, dass die Rollen, die die deutschen Schriftsteller gespielt haben - sei es die des stirnrunzelnden Mahners, des tief Einsamen, des blitzenden Intellektuellen, des bigotten Unbequemen, bräsigen Querdenkers oder schlicht des eitlen Preisträgers - zu nichts mehr taugen, nicht einmal mehr zur Parodie. Zu den Gründen später einmal. Gegenüber fiktionaler Literatur wird dagegen Sachliteratur in den nächsten Jahrzehnten mächtig aufholen. Allein, was Glück, Glanz und Ruhm angeht, wird es bescheidener, um nicht zu sagen sachlicher zugehen. Dies also als dringende Empfehlung an die jungen Schreibkräfte: Schreibt Sachbücher!

Tom Reiss, Der Orientalist. Osburg 2008
Wolfgang Schuller, Die Welt der Hetären. Klett-Cotta 2008
Orlando Figes, Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland. Berlin 2008
Andre Gide, Kongo und Tschad. Olms 2008
Robert Fossier, Das Leben im Mittelalter. Piper 2008
Ulrich Woelk, Sternenklar. Ein kleines Buch über den Himmel. Dumont 2008


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