Non Fiktion in Bonn. Zwischen Verlagspraxis und Sachliteraturforschung
Eine Zwischenbilanz von Michael Schikowski
Der Anspruch der Germanistik und vergleichenden Kulturwissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, auch verlagspraktische Aspekte im Studium zu berücksichtigen, macht es notwendig, im Feld der Gebrauchstexte schärfer hinzusehen. Denn die Verlagsbranche erhält sich nur zu einem geringen Teil von belletristischen Werken. Ein wesentlicher Bestandteil der praktischen Verlagsarbeit besteht in der Herstellung und dem Vertrieb von Gebrauchstexten. Dass diese Texte sowohl ästhetischen als auch wissenschaftlichen Kriterien genügen können, ist eine der wichtigsten Bedingungen erfolgreicher Verlagsarbeit.
Die Übungen Non Fiktion. Übungen zur praktischen Verlagsarbeit sind Teil des Praxismoduls in Bonn. In ihnen wurden bislang die Buchformen gängiger Gebrauchstexte ins Zentrum gestellt: Reportage (2010), Streitschrift (2010/11), Ratgeber (2011), Biografie (2011/12), Sachbuch (2012), Sachbuchgeschichte (2012/13), schließlich kleine Formen: Sachtexte (2013). Vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) ist die Germanistik in Bonn im Hochschulranking im ZEIT Studienführer beim Praxisbezug unter der Spitzengruppe aufgeführt (Pressemitteilung Mai 2013).
Dem Zugriff auf die Sachliteratur nach Gattungen werden in Zukunft Übungen folgen, die sich bestimmten Inhalten, Sujets und Themen widmen. Den Auftakt bildet Der Erste Weltkrieg im Sachbuch. Übung zur praktischen Verlagsarbeit (2013/14).
Populäre Sachliteratur
Populäre Sachliteratur wird hier als legitime Möglichkeit der Verständigung, der Sozialisation, der Argumentation und des Konsums verstanden. In der Regel aber wird populärer Sachliteratur, statt Verständigung nur Konformismus, statt guter Argumente nur Manipulation und des Rechts auf Glück nur Konsum unterstellt. Daher hat diese Übung auch die das Vorverständnis leitenden Vorstellungen der Kulturkritik aufzuarbeiten.
Eine der unvergleichlichen Vorzüge der Fiktion ist ihr Kanon. Er ermöglicht es, einen im Vergleich winzigen Kernbestand fortgesetzten Lektüren und Analysen zu unterziehen. Dagegen besteht für die Non Fiktion nicht nur kein Kanon, sie ist zudem weder in ihrer Geschichte, noch in ihren Ausprägungen einzelner Gattungen erforscht. Non Fiktion, da nur als ungeordnetes Konvolut zugänglich, zerfällt geradezu in die einzelnen Beispiele, die sich zufällig vorfinden. In Bonn behilft man sich mit verschiedenen strukturierenden Rastern, die den überaus vielfältigen Forschungsgegenstand Non Fiktion eingrenzen.
Ein erstes Raster sind die Gattungen. Ein weiteres Raster sind nun zukünftig thematische Konjunkturen, z. B. psychologische Ratgeber ab den 1910er Jahren, Erziehungsratgeber, Streitschriften zur Demografie Deutschlands oder Tiersachbücher. Durch die Konzentration auf Autoren, die ausschließlich als Sachbuchautoren hervorgetreten sind, gelingt eine schärfere Erfassung des Untersuchungsgegenstands. Für das 19. Jahrhundert sind Emil Adolph Roßmäßler, Alfred Brehm, Aaron Bernstein, Max Eyth und Wilhelm Bölsche, für das 20. Jahrhundert Ricarda Huch, Valeriu Marcu, Friedrich Sieburg und Barbara Beuys zu nennen.
Sachliteraturgeschichte
Die Sachliteraturgeschichte in Bonn geht von der Hypothese aus, dass erst mit der Aufklärung die Vorstellung des schmucklosen nicht-fiktionalen Textes aufkam, die Vorstellung eines alle barocke Rhetorik beiseite lassenden reinen Sachtextes. Von hier aus wäre Sachliteraturgeschichte dann die Beschreibung der Annäherung und der Abweichung von diesem Ideal.
Die grobe Gliederung einer Sachliteraturgeschichte folgt den großen politischen Zäsuren. Sachliteraturgeschichte kennt dabei eigene Konjunkturen, die dem politischen Sachbuch Bedeutung geben und eigene Themen in den Mittelpunkt rücken. Mit der Literaturgeschichte bleibt sie dabei ebenso eng verbunden, unterscheidet sich aber in dem Punkt, dass es der Literaturgeschichte der Non Fiktion keine auch nur annähernd durchsetzungsfähige Kanonisierung gibt.
Die Sachliteraturgeschichte folgt dabei den gesellschaftlichen Umbrüchen und Katastrophen: Dem Kaiserreich folgt die Neue Sachlichkeit, dem Nationalsozialismus die verbissene Normalität der 1950er Jahre. In beiden Zeitabschnitten nach dem „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawm) gab es eine klar abgrenzbare und eigene Traditionen ausbildende Sachliteraturgeschichte, die sich auch als Versachlichung deuten lässt. Inwiefern die Sachliteraturgeschichte des 19. Jahrhundert sich ebenso darstellen lässt, muss sich noch zeigen. Nach dem Wiener Kongress und nach den Enttäuschungen der 1848er Revolution erfassten die Literatur zwei große Ernüchterungen. Inwiefern sich aber im Biedermeier und Realismus diese Sachliteraturgeschichte findet und darstellen lässt, bleibt abzuwarten.
Schließlich sind aus der Literaturgeschichte diejenigen Texte für die Non Fiktion u. U. zu reklamieren, deren selbstverständliche Zuordnung zur Fiktion zumindest fragwürdig ist. In historischen Literaturgeschichten des 19. Jahrhunderts und des frühen 20. Jahrhunderts finden sich zahlreiche interessante Versuche, die Non Fiktion zu berücksichtigen. Innerhalb der Verlage bildeten sich dafür Sammelbegriffe wie „Schöne Wissenschaft“, „Realienbuch“, „Rohstoffromane“ oder ab den 1960er Jahren „Sachbuch“ heraus.
Theorie
Mit der Diskurstheorie, der Literatursoziologie und Erzähltheorie stehen Methoden zur Verfügung, die die Non Fiktion erschließen helfen. Ob sich eine eigene Theorie der Non Fiktion entwickeln lässt oder geradezu eine „Theorie des Sachbuchs“ bleibt abzuwarten. Sicher ist nur, dass einfache Texte nicht einfache Instrumente ihrer Erfassung benötigten. Die unbestreitbare Leserorientierung der Non Fiktion ist für Studierende eine neue Erfahrung, vor allem im Falle des populären Sachbuchs, und ermöglicht ihnen in der Analyse den Einsatz des Gelernten.
Praktische Verlagsarbeit
Praktische Verlagsarbeit ist im Kern Herstellung und Verbreitung von Büchern. Textverstehen ist dazu eine unerlässliche Voraussetzung, ganz gleich in welcher Abteilung man tätig ist. Üblicherweise unterscheidet man die Abteilungen Lektorat, Herstellung, Presse, Marketing und Vertrieb. Inzwischen ergeben sich höchst vielgestaltige neuere Berufsfelder. Dazu zählen vor allem Dienstleistungen, die von externen Agenturen übernommen werden: Veranstaltungsmanagement, Lizenzverkauf, Öffentlichkeitsarbeit, Schreibseminare, Literaturhäuser, Homepages, Literaturfestivals, Ghostwriting, Museen, Ausstellungen und Literaturagentur. Auch darüber Auskunft zu geben und Perspektiven zu eröffnen, im Idealfall ein Volontariat zu vermitteln, ist Zweck der Übung.
Die Texte der Non Fiktion sind im Prinzip nie anders als im gestalteten Buch greifbar. Das Buch ist damit in seiner zeittypischen oder textadäquaten Gestaltung von Typographie, Bindung, Satzspiegel und Buchumschlag ebenso Gegenstand der Verlagspraxis wie der Analyse. Vom fact sheet zum Buch finden eine Fülle von Sitzungen, Gesprächen und Diskussionen statt. In heutigen Herstellungsprozessen ist die Frage leitend: Was ist dem Text angemessen? Im analysierenden Rückblick der Übung wird gefragt: Was hielt man für angemessen und warum? Die Rhetorik des Textes ist der Rhetorik der Buchgestaltung analog. Diesen Zusammenhang zu sehen und an Beispielen selbstständig erfassen zu können, ist ein wichtiges Ziel der Übung.
Texte erscheinen in Büchern, Bücher in Verlagen. Praktische Verlagsarbeit ist allerdings nicht zeitlos. Daher sind Publikationen auch Zeiterscheinungen und der Einfluss der Verlage und Verleger bei der Non Fiktion mitunter überaus hoch. Texte erfahren in Büchern eine spezifische Formgebung. Die Aufgabenstellung der Verlagsabteilungen Herstellung, Vertrieb und Marketing vor allem, besteht darin, den Text im Buchkörper selbst zum Ausdruck zu bringen. In der gewählten Typografie, in der jeweils gewählten Gestaltung des Umschlags und in den Paratexten wird denen, die das Buch zur Hand nehmen, ein spezifisches Textverständnis mitgeteilt.
Zweifellos aber sind Buchkörper, allemal aber Paratexte und Epitexte Formen der Werbung. Hier ist die Frage leitend: Wer wurde vom Verlag für ein so oder so getiteltes und gestaltetes Buch als möglicher Käufer gesehen? Mit welchen Faktualitätssignalen hat man das Buch ausgestattet? Eine Frage, die sich mit Vergleichen der Buchgestaltung aus den letzten hundert Jahren gut beantworten lässt. Dazu sind Kenntnisse der soziale Lagen und Grundorientierungen der Leserschaft von Bedeutung.
Kooperationen
Die Non Fiktion ist nicht allein hinsichtlich des erfolgreichen Praxisbezugs, sondern auch in Hinsicht der Sachliteraturforschung in Bonn angekommen. Ein entscheidender Beleg dafür bildet die im November 2013 in Bonn statt findende Tagung Materialschlachten. Der Erste Weltkrieg und seine Darstellungsressourcen in Literatur, Publizistik und populären Medien 1899-1929. Organisation und Durchführung: Christian Meierhofer, Michael Schikowski, Jens Wörner.
Zur Tagung erscheint in der Zeitschrift NON FIKTION. Arsenal der anderen Gattungen ein Heft mit dem Schwerpunkt Materialschlacht - der Erste Weltkrieg im Sachbuch mit Beiträgen von Manuel Köppen, Erhard Schütz, Sandra Oster, Martin Nissen, Jens Wörner und Christian Meierhofer.
Als Objekte sind Bücher Teile einer Dingwelt, die sprachlich zuallererst erfasst und dann auch gedeutet werden kann. Hier ist die Buchforschung von Bedeutung. Als Sachbücher fallen die Texte der Non Fiktion aus dem überlieferten Literaturkanon heraus. Hier ist die Sachbuchforschung, die von David Oels an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz am Institut für Buchwissenschaft betrieben wird, ein wichtiger Kooperationspartner. Gemeinsame Projekte: Kolloquium zum Sachbuch (Januar 2010), Kolloquium zum Ratgeber (Januar 2012), gemeinsame Herausgebertätigkeit bei NON FIKTION.
Bei Gebrauchstexten geht man davon aus, dass die Texte der Non Fiktion die Dinge selbst darstellen. Durch die Erzählforschung wird deutlich, dass die Texte der Non Fiktion Erzählungen sind und als solche sich mit Gewinn analysieren lassen. Matías Martínez und Christian Klein an der Bergischen Universität Wuppertal und ihrem Zentrum für Erzählforschung (ZEF) ist ein wichtiger Kooperationspartner gewonnen. Gemeinsame Projekte: Publikation zum Ratgeber in NON FIKTION, Publikation eines Themenheftes Biografie für Non Fiktion.
Als hergestellte Dinge sind Bücher aber auch Objekte wirtschaftlichen Handelns. Autorschaft beinhaltete immer schon einen Anspruch auf eine spezifische Marktteilnahme, was allein schon durch die Fragen des Urheberrechts erhellt. Michael Buchmann ist als Lehrbeauftragter am Karlsruher Institut für Technologie und dort am Studienzentrum Kulturarbeit für Literaturbetrieb zuständig. Seine Überlegungen zur Geschichte des Literaturbetriebs erscheinen in loser Folge in TEXTUREN. Zeitschrift für den Literaturbetrieb, die derzeit online unter http://www.texturen-online.net/ erscheint. Michael Buchmann ist mit einem Vortrag zum Literaturbetrieb regelmäßig zu Gast in Bonn. Gemeinsame Projekte: Redaktion Texturen.
Non Fiktion in Bonn befindet sich im regen Austausch mit den Buchhandlungen und Verlagen der Region. Bei der Vermittlung von ca. sechswöchigen Praktika während der Semesterferien oder von Volontariate mit der Aussicht auf eine Ausbildung zum Lektor kann diese Übung helfen.
Publikationsmöglichkeiten
Die Forschungsergebnisse werden in einer zweimal jährlich erscheinenden Zeitschrift publiziert: NON FIKTION – Arsenal der anderen Gattungen. Wehrhahn Verlag. Herausgegeben von David Oels, Michael Schikowski, Ute Schneider, Erhard Schütz.
Auf dem Internetportalen www.sachbuchforschung.de, das vom Institut für Buchwissenschaft der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (David Oels) aus betreut wird, und www.immerschoensachlich.de werden Materialien, Rezensionen und Bibliografien zur Verfügung gestellt.
Douwe Draaisma
Horst Bredekamp