Was wir sehen müssen

28011463_9783351036706_xlGusel Jachina
Suleika öffnet die Augen
Roman
Aufbau 2017

Unsere Verbindung zu den früheren Generationen ist durchbrochen, sie ist abgerissen, schreibt Gusel Jachina. Nun hat sie den Roman über die Generation geschrieben, die die Stalinzeit und die Zeit der Deportationen erlebte und zeitlebens schweigen musste. Suleika öffnet die Augen wurde in Russland „Buch des Jahres“. Gusel Jachina erhielt den Jasnaja Poljana-Preis.

Gusel Jachina beherrscht virtuos die zwei wichtigsten Instrumente, die Verbindung zur eigenen Vergangenheit wieder herzustellen: Imagination und Information, mit anderen Worten Geschichten und Geschichte. Sie erzählt das Leben von Suleika, der verschleppten jungen Frau eines Bauern, der, als sogenannter Kulake, nach den Vorstellungen der kommunistischen Partei ein Feind der Revolution ist. Sie erzählt von Wolf Leibe, der von den Schrecken des Bürgerkriegs halb irrsinnig und bei der GPU denunziert wird und im Irrsinn der Deporation wieder zu sich kommt. Und der Roman erzählt von Ignatow, dem überzeugten Rotarmisten, der die Deportation leitet.

Die Bedingungen des Lagerlebens – die erste Gruppe wird mit nichts weiter als ein wenig Werkzeug und einem Gewehr am Ufer der Angara in Sibirien ausgesetzt – werden zum größeren Teil von der Natur bestimmt. Den anderen Teil bestimmt der Hunger. Alles andere ist Ideologie. Und die wird rein funktional eingesetzt. Mitte Februar 1930 fassen das Zentralexekutivkomitee und der Rat der Volkskommissare der Tatarischen ASSR den Beschluss „Über die Liquidierung des Kulakentums in Tatarien als Klasse“. Da sich diese Liquidierung nicht wie gewünscht entwickelt, erreicht man das Ziel auf dem Wege der Klassifizierung: Gefangene der GPU werden kurzerhand zu Kulaken erklärt. Unter diesen dann Wolf Leibe.

Kulak ist ein volkstümlicher Begriff, der im Russland des 19. Jahrhunderts entstand, er bedeutet wörtlich ‚Faust‘ und bezeichnete mitunter auch den durch Faulheit und Alkoholismus verarmten und der Gemeinschaft zur Last fallenden Bauern. Um ihren Klassenkampf aufs Land zu tragen, schlossen die Bolschewiki an diese abwertende Bedeutung an.

Als es den aus Tatarstan verschleppten Bauern nach einigen Jahren der Verbannung in Sibirien eine halbwegs gesicherte landwirtschaftliche Existenz aufzubauen gelingt – einige haben die Baracken verlassen, sich eigene feste Häuser gebaut und Familien gegründet – spricht man in Moskau 1937 vom „Wachstum des Kulaken“. Neue Repressalien und Bestrafungsaktionen bis in den Geheimdienst des NKWD hinein beginnen. Unter diesen Opfern Ignatow.

Suleika öffnet die Augen ist ein großartiger Roman, der die Geschichte, die im Gedächtnis der russischen Gesellschaft kaum einen Platz bekam, in Geschichten erzählt und damit die Verbindung zur Vergangenheit wieder herstellt. Suleika öffnet die Augen und wir mit ihr.

// Immer schön sachlich

// Leseabend

Oktober 17 – ein Leseabend zur Russischen Revolution mit Michael Schikowski

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„Russland zerfällt wie ein Klumpen nassen Lehms“, schreibt Konstantin Paustowskij in seiner Autobiografie über die Zeit der Russischen Revolution.

Während sich der Erste Weltkrieg für Russland zur militärischen und wirtschaftlichen Katastrophe entwickelt, kommt es im Februar 1917 zu Aufständen. Nach dem Sturz des Zaren ist die provisorische Regierung zu schwach, den Staatsstreich der Bolschewiki unter der Führung Lenins zu verhindern.

Wir folgen an diesem Leseabend der Zeitzeugin Sinaida Hippius durch die Straßen Petersburgs und dem Revolutionär Viktor Schklowskij durch Moskau. Beide hielten die Ereignisse des Bürgerkriegs und der Revolution mit beeindruckender Genauigkeit fest. Nicht weniger bedeutsam ist die Darstellung der russischen Verhältnisse, die Michail Ossorgin mit seinem grandiosen Romanzyklus im Exil publiziert.

Die Russische Revolution erscheint hier als ein Ereignis, das vor allem als erschütternde Erzählung von Zerfall und Neubau einer Gesellschaft denn als genaues historisches Datum zu existieren scheint. Die bedeutenden russischen Selbstdeutungen der neuen Gesellschaft, die an diesem Abend zu Wort kommen, stammen von so unterschiedlichen Autoren wie Artjom Wesjoly und Boris Pasternak.

Einige scharfsinnige zeitgenössische Analysen von Valeriu Marcu und René Fülöp-Miller und neuere Sachbücher ergänzen den Blick auf die Bolschewiki, Lenin und den Leninismus, als dessen gelehriger Schüler sich zuletzt Steve Bannon entpuppte, der Berater von Donald Trump.

Michael Schikowski ist Lehrbeauftragter der Universität Düsseldorf und seit vielen Jahren als leidenschaftlicher Vorleser unterwegs.


Gummersbach: Bergischer Geschichtsverein
Donnerstag, den 27. April 2017
Beginn: 18.30

Frankfurt: Buchhandlung Hugendubel, Steinweg
Freitag, den 27. Oktober 2017
Beginn: 18.00 Uhr

Leseabende zu: AustenBalzacBöllDie Schwestern BrontëDickensDostojewskiFalladaFontaneGrimmelshausenThomas MannTolstoiTwain / Historische Abende: „Heeresbericht“. Texte zum Ersten WeltkriegNapoleonOktober 17. Texte zur Russischen Revolution / Neuerscheinungen des Jahres / Sinn und Sinnlichkeit des Buches

Bücher zum Leseabend

Zu Michael Schikowski

// Leseabend

Mark Twain oder das abenteuerliche Leben. Ein Leseabend mit Michael Schikowski

Es ist die Sehnsucht, die uns der Roman ins Herz pflanzt, die Sehnsucht nach den Abenteuern des Anfangs. Weit entfernt, selbst der Jugend ein Vorbild zu sein, ist es in den Romanen von Mark Twain die Jugend, die uns ein Vorbild gibt.

Nicht zuletzt darum ist Mark Twain bis heute einer der beliebtesten amerikanischen Schriftsteller – sicherlich aber auch aufgrund seines Humors, der an diesem Abend nicht zu kurz kommen wird.

Sehr erfolgreich war Twain mit seinen Reiseberichten. Erstmals auf Deutsch erschienen 2012 die bis dahin unter Verschluss gehaltene Geheime Autobiographie.

Tom Sawyers Abenteuer und Die Abenteuer des Huckleberry Finn gelten als die Abenteuer-Bücher schlechthin, dass Hemingway sagen konnte: „Die ganze moderne amerikanische Literatur stammt von Mark Twain ab.“

19038016_19038016_xl Was liegt also näher, als sich an Twain als Ratgeber für ein abenteuerliches Leben zu wenden, zeigt er doch, dass das Abenteuerliche kaum ohne das Komische auskommt.

Kulturgemeinde Ennepetal
Mittwoch, den 15. März 2017
Beginn 19.30 Uhr
Link zur Ankündigung.

Leseabende zu: AustenBalzacBöllDie Schwestern BrontëDickensDostojewskiFalladaFontaneGrimmelshausenThomas MannTolstoiTwain / Historische Abende: „Heeresbericht“. Texte zum Ersten WeltkriegNapoleonOktober 17. Texte zur Russischen Revolution / Neuerscheinungen des Jahres / Sinn und Sinnlichkeit des Buches

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// Bücher

Die Frau berichtet

25478367_25478367_xlGabriele Tergit
Käsebier erobert den Kurfürstendamm
Roman
Schöffling & Co. 2016

Erika Mann schrieb über die Autorinnen der Neuen Sachlichkeit als einen neuen Typ: „Die Frau, die Reportage macht, in Aufsätzen, Theaterstücken, Roman. Sie bekennt nicht, sie schreibt sich nicht die Seele aus dem Leib, ihr eigenes Schicksal steht still beiseite, die Frau berichtet, anstatt zu beichten.“ Gemeint sind zugleich auch Vicki Baum, Irmgard Keun und Marieluise Fleißer.

Gleichwohl steht das ‚eigene Schicksal nicht still beiseite‘, ist doch, zumindest im Fall von Gabiele Tergit, der Roman Käsebier erobert den Kurfürstendamm nichts weniger als eine beißende Satire, eine entlarvende und auch verehrende Darstellung der Welt der Zeitungen, die Gabriele Tergit als Gerichtsreporterin für das „Berliner Tageblatt“ gut kannte – die Figur Emil Gohlisch ist ein Portrait Walther Kiaulehns.

Der Roman erschien erstmals im Winter 1931. Und der Vergleich mit Kleiner Mann – was nun? von Fallada 1932 publiziert, der sich im Nachwort von Nicole Henneberg (angestellt aber von Gabiele Tergit selbst) findet, führt in die Irre. Denn im März 1931 erschien bereits Falladas Bauern, Bonzen und Bomben, der als Zeitungs- und Prozeßroman den eigentlichen Vergleich abgibt.

Falladas Welterfolg über Johannes Pinnerberg schildert einen ganz anderen kleinen Mann, einen, der nicht die Bühne sucht, sondern ganz im Gegenteil in Ruhe gelassen werden will. Bei Gabriele Tergit erobert Käsebier gar nichts, sondern ist ein von Zeitungsreportern hochgeschriebener Volkssänger. Hier wird der kleine Mann medial vergrößert nicht um seiner selbst, sondern um der Zeitungsmedien willen.

Im Unterschied zu Fallada, der in Bauern, Bonzen und Bomben das Partei-, Bauern- und Zeitungsmilieu zugleich schildert, bekommt man von Gabriele Tergit einen interessanten und tiefen Einblick in die Arbeitsweise der Redaktionen, ihre Diskussion der Themen, der Sprache und Sprachkritik und sogar des gesetzten Textes.

Der ältere in der Redaktion, Miermann, überarbeitet Gohlischs Artikel über Käsebier: „Ihr Artikel sieht wieder aus! Es gibt sowohl Punkte als auch Kommata, wenn man als auch sagt, muß irgendwo sowohl stehen. Dieser Satz endet mit und. Gohlisch, Gohlisch! Lernen Sie weiter. Bilden Sie sich fort. Finden Sie es schön, immerzu irgendwie zu sagen? Nein. Sie sind mein Sorgenkind. Lesen Sie Fontane. Und lesen Sie Heine und alles, alles von Anatole France.“

In Gabriele Tergits Roman werden die modernen Orte, die das eigentliche Thema der Neuen Sachlichkeit sind, die Hotels, die Büros, die Varietés und Straßen erzählt, als nur vorübergehender Aufenthalt, als Räume des Übergangs so wenig gesichert wie die Beziehungen, die Ansichten und das Einkommen.