Deutscher Sang

Bernt Ture von zur Mühlen
Hoffmann von Fallersleben
Biographie
Wallstein 2010

Dass man über Hoffmann von Fallersleben eigentlich mehr wissen müsste, als dass er der Verfasser der deutschen Nationalhymne ist, wird erst bewusst, wenn man sich mit Kindern beschäftigt. Dann wird im Gedächtnis gekramt und gesungen was sich noch findet: “Alle meine Entchen”, “Winter, ade” oder “Morgen, Kinder, wird’s was geben”. Da das meistens nicht so ohne Nachschlagen klappt, stößt man in den Liederbüchern immer wieder auf Hoffmann von Fallersleben.

Wer dieser Heinrich Hoffmann war, der seinem Namen den Geburtsort Fallersleben anhängte, erfährt man aus dieser ersten Biographie von Bernt Ture von zur Mühlen. Von zur Mühlen ist dabei der ideale Biograph, da er nicht allein Hoffmanns dichterisches Werk in einen literaturwissenschaftlichen Fokus zu stellen vermag, sondern als Buchwissenschaftler die ökonomischen Bedingungen der Publizistik dieser Zeit genau übersieht. Dichter sind offensichtlich eben solche Konjunkturritter und Spekulanten wie ihre Zeitgenossen. Nach Ausbruch des französisch-österreichischen Krieges 1859, so liest man zum Beispiel bei von zur Mühlen, lässt Hoffmann schnell eine Neuauflage älterer nationaler Lieder drucken, die unbeachtet bleiben, denn einige Tage später ist der Krieg bereits beendet.

Aber von zur Mühlen ist auch der ideale Reisebegleiter des leidenschaftlichen Büchermenschen Hoffmann. Hoffmanns Lebensweg ist mit einer ganzen Reihe von bedeutenden Funden von Büchern und Handschriften in den Bibliotheken Deutschlands verbunden. Diese Funde machte er der Germanistik und Niederlandistik erstmals zugänglich. Dabei lässt Bernt Ture von zur Mühlen auch seine Leser nicht allein, gibt im Text alle Erklärungen über Orte und Namen, die heute ungeläufig sind, lässt im Anhang Anmerkungen und Literaturverzeichnis folgen und schließt den Band mit einem Register ab.

Für von zur Mühlen, das merkt man seinem Buch auf jeder Seite an, ist ein publiziertes Buch nicht einfach ein Text, sondern ganz entschieden auch ein Handelsprodukt. So antwortet der Verleger Campe dem Kritiker Heinrich Heine, der Hoffmanns 1840 erschienen Unpolitische Lieder einfach nur “spottschlechht” fand: “Ganz meine Ansicht. Aber sie gehen.”

Das Buch ist ein gemachter und hergestellter Gegenstand, der sich auf vielerlei Weise, gewiss nicht nur literaturwissenschaftlich, erfassen lässt. So erscheinen Bücher bei von zur Mühlen nicht nur irgendwo und irgendwann, sondern sie werden von jemandem hergestellt und gelagert, gezielt gewidmet oder anonym gedruckt, und sie werden von jemandem verkauft oder einfach nur losgeschlagen. Hier wird eine Seite des Dichtens und Forschens deutlich, die man sich für die Veröffentlichungen über unsere heutigen Schriftsteller und Wissenschaftler noch vergebens wünscht.

Dabei war man schon zu Zeiten der Begründung der deutschen Germanistik so weit. Wilhelm Scherer, der 1877 den ersten Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte erhielt, schrieb in seiner Poetik bereits, dass “eine Geschichte der Preise sehr wünschenswerth” sei, und darunter verstand er ausdrücklich “eine Geschichte der Honorare”. Auch diese Geschichte, wie der im Deutschlandlied genannte “deutsche Sang” von klingender Münze begleitet wird, diese Geschichte hat Bernt Ture von zur Mühlen großartig lesbar aufgeschrieben. Die deutsche Hymne, die erst 1922 national wurde, setzt von zur Mühlen übrigens genau in die Mitte seiner Biographie. Beim Namen Hoffmann von Fallersleben dreht sich noch heute alles um sie.

// Immer schön sachlich

„Ein Meister der Lebenskunst überlässt es anderen, zu beurteilen,
ob er arbeitet oder sich vergnügt.“
Chateaubriand

// SachBuchforschung

Technikerzählung und Erzähltechnik - Die Technik im populären Sachbuch

Erläuterungen zur Sachbuchgeschichte
von Michael Schikowski


Karlsruhe Institute of Technology
Studienzentrum Kulturarbeit (SZK)
30.91 Raum 016
Montag, den 12. Juli 2010

Gerät, in dem sich Technik und Erzählen vereint darstellt.

Die Technikerzählungen des populären Sachbuchs sind Orientierungshilfen, jedoch nicht etwa für Laien, sondern von Beginn an für Techniker. Ausgewählte Beispiele verschaffen einen ersten Überblick. Dabei wird sich zeigen, dass die Leserschaft dieses populären Buchtyps eine Rezeptionshaltung einnimmt, die von denen, die lieber Gedichte lesen, gar nicht so weit entfernt ist. Technikerzählungen sind aufschlussreiche Dokumente der Techniken des Erzählens.

Zum Literaturverzeichnis (Auswahl)

// SachBücher

Dass keiner allein herumläuft

Beim Fußball von einer reduzierten Komplexität zu sprechen, die uns von der erhöhten Komplexität der Lebenswelt entlaste, ist schon länger nicht mehr gut möglich, ganz sicher nicht mehr seit Rainer Moritz’ Abseits. Christoph Biermann zeigt zudem, dass es zahlreiche Berechnungsversuche des Fußballs gibt, eine Fußball-Matrix gar, bei der entscheidend ist, dass - wie Felix Magath formulierte - “keiner allein herumläuft”.


Tor! Tor! Tooooooooooooor!

Metin Tolan verspricht mit einer Physik des Fußballs: So werden wir Weltmeister! Wie und wann wir aber alle zusammen miteinander Fußball spielen und herumlaufen und wo nicht, zeigt schließlich Gunter Gebauer in seiner faszinierenden Sozialphysik des Fußballs. Dabei gibt es klare Festlegungen, wo gespielt werden darf und was genau ein Tor ist und was man nur irrtümlich dafür halten könnte.

Christoph Biermann
Die Fußball-Matrix
Kiepenheuer & Witsch 2009

Gunter Gebauer
Poetik des Fußballs
Campus 2006

Rainer Moritz
Abseits
Kunstmann 2010

Metin Tolan
So werden wir Weltmeister
Piper 2010

// SachBuchhandel

Preis der Leipziger Buchmesse 2010

In der Kategorie Sachbuch erhielt den Preis der Leipziger Buchmesse 2010:

Ulrich Raulff
Kreis ohne Meister
Beck 2009

Die Stile, die Konventionen und die Schemata der Sachliteratur wie der Literatur werden von preiswürdigen Autoren mal genutzt und mal verkehrt. Ulrich Raulffs Buch ist ein ebenso ausgezeichnetes wie seltenes Beispiel dafür, wie durch Humor etwas, das durch hohles Pathos albern zu werden droht, auf eine raffinierte Art und Weise erträglich gemacht wird. Er hat in Kreis ohne Meister ein Buch über das Nachleben Georges und das Schicksal der einzelnen Mitglieder des Kreises geschrieben. Eine Apostelgeschichte, wenn man so will. Die Zeit nach dem Tode Georges nennt Raulff einmal „nachpharaonische Zeit“. Einige Germanisten im George-Kreis nennt er die „Jungtürken der Geisteswissenschaften“. Edith Landmann war nach Raulff „alles andere als eine heilige Johanna vom Proseminar“. Über Hubertus zu Löwenstein, der nicht zum Georgekreis zu rechnen ist, schreibt er, dass dieser als Brillenträger “an der ästhetischen Türkontrolle gescheitert“ wäre. Humor als Stil? In der Tat. Diese Einsprengsel, manchmal gar Anachronismen oder Formulierungen, die Stefan George geradezu erbost hätten - alles zugegeben Scherze, die hier leicht dürftig wirken könnten - treffen nur dann, wenn man sie im Kontext des Textes genießen kann. Durch sie wird die ganze Ehrpusseligkeit des George-Kreises überhaupt erträglich und, Sie werden es selbst feststellen können, interessant. - Die ungeheure Wurschtigkeit des Buchumschlags, den der Autor im Verlag durchgesetzt haben wird - er zeigt eine Bucht, in der die Asche Ernst Kantorowiczs dem Meer übergeben wurde - wird zwar auf der Umschlagrückseite des Buches erklärt, ist aber im Grunde auch so eine heitere Fopperei des allzu flüchtigen Buchhandelsflaneurs.

Nominiert waren:

Michael Hampe
Das vollkommene Leben
Hanser 2009
Link zur Besprechung.

Steffen Martus
Die Brüder Grimm
Rowohlt 2009
Link zu einer Besprechung von Berthold Friemel.

Frank Schirrmacher
Payback
Blessing 2009

Wolfgang Ullrich
Raffinierte Kunst
Wagenbach 2009
Link zur Besprechung.

Von der Liste der Nominierten wurde aufgrund von “Ungereimtheiten in der Biografie des Autors” (Jury) entfernt:

Norbert Leithold
Graf Goertz
Osburg 2010

Zum Corine Sachbuchpreis 2009