Rapunzel, lass deinen Bart herunter

Hans Ulrich Gumbrecht schreibt in der FAZ an einem Mittwoch im Mai unter dem Titel “Die Rückkehr des totgesagten Subjekts” über eine neue Konjunktur der Biografie und führt dafür u.a. Thomas Karlaufs Buch über Stefan George an: “Diese Konjunktur wäre viel weniger interessant, wenn sie einfach die Rückkehr einer früher einmal beliebten Gattung wäre, von der sich Autoren und Leser etwas ermüdet abgewandt hatten.” Habe nun ach, möchte man denken und kann sich doch nicht erinnern, je genug von Biografien bekommen zu haben. Gumbrecht weiter: “Aber gegen die Biographie waren ja, zumal in der Literaturwissenschaft und zuerst vom amerikanischen ‘New Criticism’ ganz verschiedene, aber stets vernichtende und als absolute Verbote wirksam werdende Verdikte formuliert worden. ‘New Criticism’ und Strukturalismus warnten vor der Konzentration auf das Leben der Autoren als Ablenkung vom Text, dem einzig legitimen Gegenstand der Reflexion und Deutung. Marxismus und Rezeptionstheorie hatten das biographische Interesse als Symptom eines nicht hinreichend demokratischen Blicks auf die Geschichte abgelehnt. Für die Dekonstruktion, den Neohistorismus im Stil Foucaults und auch für die in Deutschland so beliebte Medientheorie war jegliche Zuwendung zur biographischen Form das Anzeichen eines philosophisch längst nicht mehr haltbaren, also naiven Glaubens an die Kohärenz des ‘Subjekts’ und damit an die rundum abgelehnte ‘abendländische Metaphysik’.”

Daran ist vielleicht nichts falsch. Allein, dass sich irgendwer, der vorgehabt hätte eine Biografie zu schreiben, sich um diese Verschwörung der Experten um Frau Gotel in ihrem Rapunzelturm aus Waschbeton irgendwie je geschert hätte, das ist ein Irrtum. Damit, dass die Literaturwissenschaft sich just Thomas Karlaufs George-Biografie vornimmt, ist weniger über die Gattung der Biografie als die universitäre Literaturwissenschaft verraten. So sind die Thesen, die Gumbrecht zur “Wiederkehr des biographischen Interesses während des vergangenen Jahrzehnts” vorlegt, nicht Thesen zur Biografik, sondern Thesen zur Stellung der Literaturwissenschaft zur Biografik. Umgekehrt sind die von Gumbrecht vorgeschlagenen Thesen alles andere als literaturwissenschaftliche, vielmehr ins allgemeine Lebensgefühl zielende Überlegungen. “Indem sich heute die Normalform der Arbeit und des Alltags, nicht nur in der westlichen Welt, in einer Fusion von Bewusstsein und Software vollzieht, sind die Menschen in einem solchen Maße kartesianische, von der Schwere des Körpers befreite Subkjekte geworden, dass wir unter der Vielfalt unserer geistigen Möglichkeiten - als Abwesenheit des Konkreten und des Kohärenten - ebenso leiden wie unter der wachsenden Funktionslosigkeit der physischen Seite unserer Existenz. Daraus mag eine, vielleicht für immer nostalgische, Sehnsucht nach prägnanten Lebensbildern und Lebensmustern erwachsen.” So läßt Rapunzel nun tatsächlich ihren Bart herunter.

Hätte Reiner Stach mit seiner wunderbaren Kafka-Biografie denn gewartet, bis das von Gumbrecht anvisierte Jahrzehnt der “Funktionslosigkeit der physischen Seite” unter Literaturwissenschaftlern vollendet wäre? Ich nenne nur noch einen weiteren, der neben vielen unten am Turm steht und Rapunzel am Bart zupft: Dieter Kühn.


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