Johann-Heinrich-Merck-Preis 2010


Karl-Markus Gauß
Zu früh, zu spät. Zwei Jahre
dtv 2010

Der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay geht im Jahr 2010 an den Publizisten Karl-Markus Gauß. In seinem Buch Zu früh, zu spät schreibt Gauß anlässlich einiger Bemerkungen zu Varnhagen von Ense: “Man muß bedenken, der ‘Essay’ war in seinen Anfängen auch als Ort der gesellschaftlichen Selbstverständigung gedacht, erst in neuester Zeit ist er zu einem literarischen Selbstgespräch geworden, das im glücklichsten Fall seine vereinzelten, nachdenklichen Leser findet. In den Medien allerdings wird die Gattungsbezeichnung ‘Essay’ heute geradezu für jede Form von Meinungsprosa verwendet, ja der Essay selbst bereits mit der medialen Intervention verwechselt, auf die er heruntergebracht wurde.” Diese Bemerkungen werden von Gauß nicht aus literarischer Arroganz zu Papier gebracht. Ganz im Gegenteil. Karl-Markus Gauß ist ein unvoreingenommener Leser, der allen Sinn für die Gattungen der Non Fiktion hat. Wer die Gattungen kennt, kommt nicht darum herum, sie auch zu verteidigen.

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Preis der Leipziger Buchmesse 2010

In der Kategorie Sachbuch erhielt den Preis der Leipziger Buchmesse 2010:

Ulrich Raulff
Kreis ohne Meister
Beck 2009

Die Stile, die Konventionen und die Schemata der Sachliteratur wie der Literatur werden von preiswürdigen Autoren mal genutzt und mal verkehrt. Ulrich Raulffs Buch ist ein ebenso ausgezeichnetes wie seltenes Beispiel dafür, wie durch Humor etwas, das durch hohles Pathos albern zu werden droht, auf eine raffinierte Art und Weise erträglich gemacht wird. Er hat in Kreis ohne Meister ein Buch über das Nachleben Georges und das Schicksal der einzelnen Mitglieder des Kreises geschrieben. Eine Apostelgeschichte, wenn man so will. Die Zeit nach dem Tode Georges nennt Raulff einmal „nachpharaonische Zeit“. Einige Germanisten im George-Kreis nennt er die „Jungtürken der Geisteswissenschaften“. Edith Landmann war nach Raulff „alles andere als eine heilige Johanna vom Proseminar“. Über Hubertus zu Löwenstein, der nicht zum Georgekreis zu rechnen ist, schreibt er, dass dieser als Brillenträger “an der ästhetischen Türkontrolle gescheitert“ wäre. Humor als Stil? In der Tat. Diese Einsprengsel, manchmal gar Anachronismen oder Formulierungen, die Stefan George geradezu erbost hätten - alles zugegeben Scherze, die hier leicht dürftig wirken könnten - treffen nur dann, wenn man sie im Kontext des Textes genießen kann. Durch sie wird die ganze Ehrpusseligkeit des George-Kreises überhaupt erträglich und, Sie werden es selbst feststellen können, interessant. - Die ungeheure Wurschtigkeit des Buchumschlags, den der Autor im Verlag durchgesetzt haben wird - er zeigt eine Bucht, in der die Asche Ernst Kantorowiczs dem Meer übergeben wurde - wird zwar auf der Umschlagrückseite des Buches erklärt, ist aber im Grunde auch so eine heitere Fopperei des allzu flüchtigen Buchhandelsflaneurs.

Nominiert waren:

Michael Hampe
Das vollkommene Leben
Hanser 2009
Link zur Besprechung.

Steffen Martus
Die Brüder Grimm
Rowohlt 2009
Link zu einer Besprechung von Berthold Friemel.

Frank Schirrmacher
Payback
Blessing 2009

Wolfgang Ullrich
Raffinierte Kunst
Wagenbach 2009
Link zur Besprechung.

Von der Liste der Nominierten wurde aufgrund von “Ungereimtheiten in der Biografie des Autors” (Jury) entfernt:

Norbert Leithold
Graf Goertz
Osburg 2010

Zum Corine Sachbuchpreis 2009

Götter, Gräber und Geräte

Im Januar-BuchMarkt hatten Arnd Roszinsky-Terjung und Andreas Meyer Prognosen für die Buchbranche in zehn Jahren aufgestellt. Als über die Branche hinaus bekannte Berater hat ihr Wort Gewicht. An Mitteilungen wie diesen orientieren sich die Funktionsträger der Branche nicht weniger als Auszubildende. Letztere stehen in der Branche am Anfang und zählen vermutlich zur ersten Generation, die ausschließlich oder fast ausschließlich über das elektronische Lesen sozialisiert wurde.


Wer verschenkt schon Dateien? Mit einem guten Buch wäre das nicht passiert!

Im Augenblick scheinen sich die Ereignisse zu überschlagen und mit jeder Neuerung im digitalen Lesegerätehandel, die die lässigen Halbgötter ohne Krawatte präsentieren, wird in den Printmedien vor allem ein Texttyp mit besonderer Inbrunst gepflegt, der des Totenscheins ihrer eigenen Gattungen, der Reportage, des Ratgebers, des Sachbuchs überhaupt.

Es sind vor allem die Autoren der analogen Welt, die ihrer Zunft die Gräber schaufeln. Werden es ihnen dienjenigen nachtun, die ausschließlich über das elektronische Lesen sozialisiert wurden? Mit Sicherheit nicht.

Um allerdings die allzu hochfliegenden Prognosen über die Zukunft der digitalen Welt ein wenig auf den Hosenboden der Tatsachen zurückzubringen, erschien im Februar-Heft des BuchMarkt der Text Bücher entstehen im Gespräch.

Michael Schikowski: Bücher entstehen im Gespräch. BuchMarkt Februar 2010. S. 42 ff. Hier die Datei des Textes im pdf-Format

Arnd Roszinsky-Terjung und Andreas Meyer: 2020: Der Leser entscheidet. BuchMarkt Januar 2010. S. 28 ff. Hier die Datei des Textes im pdf-Format.

Arnd Roszinsky-Terjung und Andreas Meyer in einem Interview mit dem BuchMarkt, Januar 2010.