Corine-Sachbuchpreisträger 2010

Mit dem Corine-Preis werden literarische Leistungen ausgezeichnet, die sich nach Ansicht des Kuratoriums durch Qualität, Aktualität und Interesse beim Publikum hervorgetan haben. In der Kategorie “Sachbuch” wurde 2010 kein Preis vergeben.

Wirtschaftsbuchpreis:

Wolfgang Kersting, Verteidigung des Liberalismus (Murmann)

Bilderwelten:

Herlinde Koelbl, Mein Blick (Steidl)

Focus-Zukunftspreis:

William Kamkwamba und Bryan Mealer, Der Junge, der den Wind einfing (Irisiana)

// SachBuchhandel

SachBuchhandel widmet sich dem Buchhandel unter dem Aspekt der Vermarktung, des Vertriebs und des Verkaufs von Sachbüchern.

Prinzessin Lillifee geht in die Politik - Mädchensachbücher

Was hat Prinzessin Lillifee mit Politik zu tun? Zunächst einmal gar nichts, wird man sagen. Eher ist davon die Rede, dass es sich bei Lillifee um ein Geschmacksmuster handelt, das sich durch seine besondere Wirklichkeitsferne auszeichnet. Lillifee wird unterstellt, dass sie gerade über ihre Distanz zur Gesellschaft und Politik erfolgreich ist.

Ein Weg diese Haltung ein wenig in Zweifel zu ziehen, wäre die Beobachtung der Lesebiografie der Mädchen. In ihren mal feinen, mal groben Übergängen wird es tatsächlich möglich, eine Verbindung von Lillifee und Politik herzustellen. Das Trägermedium dieser Metamorphose sind die Bücher.

Der erste Schritt wäre der von Lilifee zu Sisi. Zweifellos befinden sich die Mädchen bei Sisi immer noch in einer überhöhten Prinzessinnenwelt. Aber sie droht jederzeit von der Wirklichkeit eingeholt zu werden. Irgendwann, spätestens in Wien, erfährt das träumende Mädchen, dass Sisi ermordet wurde. Von wem? Von einem Anarchisten. Was ist das denn? Da fängt die Beschäftigung mit Politik in der Tat an. » weiter lesen

Wo fehlt’s denn?

Gattungsfragen werden im Feuilleton nicht weniger als in der Forschungsliteratur, wenn es darum geht, etwas als neu herauszustellen, ziemlich leichtfertig gehandhabt. Nimmt man sich die Gattung der Krankheitserzählung vor, wird behauptet diese sei neu.

Der Grund für diese Behauptung hängt allerdings damit zusammen, dass nur als Novität auf dem Markt der Gattungen eine Interpretation ansteht. Dass da nun etwas Neues aufkommt, wird als Aussage über die Gesellschaft aufgefasst und als solche der Interpretation bedürftig. Die Verständigungshilfe liefert dann der Artikel im Feuilleton oder der Aufsatz in der Fachzeitschrift. Umgekehrt geschlossen rechtfertigt die Novität einer Gattung also nichts weniger als den Artikel. Ich glaube absolut nicht, dass die Krankenerzählung neu ist.

Ein Umstand ist allerdings als neu anzuerkennen: die Medizin ermöglicht den Bericht. Dass wir Berichte über Krankheitsverläufe erhalten, ist einer Medizin zu verdanken, die den Berichtenden erhält. Wo es nicht die Medizin ist, die den Bericht ermöglicht, sind es, wie im Fall von Georg Diez, die Nachkommen. Wir erhalten so Protokolle der Zersetzung und Zustörung, die manchmal aufgehalten wird. Im Fall von Christoph Schlingensief ein Protokoll, das von ihm selbst als Wiederholung, Widerstand und Versuch der Heilung bezeichnet wird. In seinem Vorwort gibt er an, dass sein Buch über das Innenleben der Kranken all denen Auskunft geben könnte, die mit Kranken zu tun haben. Ein Ratgeber also.

Die Medizin ermöglicht, dass diese Berichte auf uns kommen. Und sie ist zugleich der Grund dafür, dass diese Berichte entstehen. Denn sie nimmt, von der Diagnose, ihren Medikamenten, ihren Vertretern bis zu ihren einzelnen Verrichtungen einen nicht unbeträchtlichen Teil der Erzählungen ein. Die Medizin markiert eine Grenze, die die Kranken von ihrem früheren Leben trennt. An dieser Grenze zum früheren, normalen Leben schreiben sie fast alle entlang.

Auch Walter Kohl, den die Ärzte nach einem schweren Fahrradunfall zwar am Leben erhalten, dem aber fortan nichts weiter als der Geruchssinn fehlt. Was für Katastrophen aus diesem winzigen fehlenden Baustein unseres Perzeptionsapparats sich ergeben, schildert Walter Kohl intensiv und absolut ungeschönt. Ein wirklich großes Buch.

Ein Beispiel für die mit Wahrscheinlichkeit noch viel weiter zurückreichende Geschichte der Krankenerzählung muss aber noch genannt werden: Helen Kellers Mein Weg aus dem Dunkel. Auf den Spuren dieses berühmten Bestsellers geht auch Sarah Neef, die ihre Eroberung der Welt der Hörenden erzählt.

Christoph Schlingensief
So schön wie hier kann es im Himmel nicht sein
Tagebuch einer Krebserkrankung
Kiepenheuer & Witsch 2009

Georg Diez
Der Tod meiner Mutter
Kiepenheuer & Witsch 2009

Walter Kohl
Wie riecht Leben?
Bericht aus einer Welt ohne Gerüche
Zsolnay 2009

Sarah Neef
Im Rhythmus der Stille
Wie ich mir die Welt der Hörenden eroberte
Campus 2009

Katja Behrens
Alles Sehen kommt von der Seele
Die Lebensgeschichte der Helen Keller
Beltz 2008

Corine-Sachbuchpreisträger 2009

Mit dem Corine-Preis werden literarische Leistungen ausgezeichnet, die sich nach Ansicht des Kuratoriums durch Qualität, Aktualität und Interesse beim Publikum hervorgetan haben:

Sachbuchpreis:

Richard von Weizsäcker, Der Weg zur Einheit (C. H. Beck)

Wirtschaftsbuchpreis:

Reinhard Marx, Das Kapital (Pattloch)

Bilderwelten:

Alex MacLean, Over. Der American Way of Life oder Das Ende der Landschaft (Schirmer/Mosel)

Focus-Zukunftspreis:

Nicholas Stern, Der Global Deal (C. H. Beck)

Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten:

Rüdiger Safranski für sein Lebenswerk (Hanser)

Nicht ohne Bedeutung mag sein, dass der Corine-Preis im Fernsehen übertragen wird. Dieser Umstand lässt vermuten, dass es sich bei den Preisträgern um eine Schnittmenge von Sachbuch und Präsentabilität zu handeln scheint. Die Würde der Preisträger und des Kuratoriums scheint dies nicht in jedem Fall zu dienen. Man muss sehen, ob sich dieser Preis dieser medialen Zwangslage auf die Dauer einmal zu entziehen weiß.

Allein, Ehre wem Ehre gebührt. Wenn Safranskis letztes Buch über die Freundschaft von Schiller und Goethe sicherlich nicht preisverdächtig ist, ist er doch neben Barbara Beuys einer der Autoren, die dem Sachbuch als eigenständige Gattung ein neues Gewicht verschafft haben. Diese Ehrung trifft besonders zielgenau, da sie das Lebenswerk meint.

Reinhard Marx erhält seinen Preis doch nicht etwa für schriftstellerische Leistungen? Erst im Innenteil des Buches erfährt man nämlich, dass Dr. Arnd Küppers Mitverfasser ist. Worum also genau handelt es sich? Einem Flickenteppich aus Vorträgen, Predigten und Artikeln von Reinhard Marx.
Der müde Scherz der Namensgleichheit wird auch nicht überzeugt haben. Die Biege zu Marx ist schon auf dem Klappentext von erstaunlicher Naivität: “Die wirtschaftliche Globalisierung wird von vielen Menschen als existentielle Bedrohung erfahren. (…) Auch die Thesen von Karl Marx werden in dieser Debatte genannt und allzu häufig verklärt.” Von wem? Wer hat überhaupt etwas gegen Menschen, dass es nötig wurde “ein Plädoyer für den Menschen”, wie der Untertitel lautet, zu schreiben?
Worin liegt also genau die Qualität dieses Buches? Vermutlich genau darin, dass diesen Texten an keiner Stelle widersprochen wird, dass ihm alle zustimmen können.

Schließlich, auch dies ist ein Ernst zu nehmender Aspekt, wird der Buchhandel schon jetzt von hoch produktiven Autoren bestimmt, die zum Teil weit über achtzig Jahre alt sind: Siegfried Lenz, Günter Grass, Helmut Schmidt, Hans Magnus Enzensberger. Daraus sollte man ihnen keinen Vorwurf machen. Da kommt so leicht kein Jüngerer, schon gar nicht eine Jüngere nach vorne, die im Zugriff auf den Stoff etwas wagt. Zu diesen aufmerksamkeitsökonomischen Klemmbolzen, die ihre Ämter auf Lebenszeit innezuhaben scheinen, gehört auch Richard von Weizäcker. Ein solides Buch in gepflegter Sprache, etwas zu ausgleichend, etwas zu abwägend, etwas zu verantwortungsbewusst, daher aber sicherlich so fernsehtauglich wie sein Autor.