Literarische Sachbücher

Formen – Funktionen – Praktiken

Organisation: Christian Meierhofer (Karlsruhe/Bonn), Gunther Nickel (Darmstadt), Michael Schikowski (Köln)

Workshop von Non Fiktion in Verbindung mit dem Deutschen Literaturfonds
Bonn, 14. und 15. September 2023

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// Sachbuchforschung

Der ehrbare Kaufmann

Alte Sachbücher kommen immer wieder in Mode und sei es nur durch den Titel. So ist in den Zeiten der Krise der Finanzmärkte häufiger wieder vom ehrbaren Kaufmann die Rede. Was das denn für einer sei, hat 1936 bereits Theodor Bohner in seiner Geschichte des Handels und der Gewerbe versucht festzustellen. Im ersten Kapitel verteidigt er das Altfränkische des Titels gegen neuere Formulierungen, denn die gerade heute wieder entdeckte Realwirtschaft bildete auch schon damals die Basis aller Wertschöpfungen. Eine Neuauflage des Buches erschien 1956. Die Einleitung und das Inhaltverzeichnis der Erstausgabe lässt sich hier lesen: http://www.sachbuchforschung.de/SBDB/pix/PDF/Bohner-Kaufmann-Inhalt.pdf

Theodor Bohner
Der ehrbare Kaufmann. Ein Jahrhundert in Deutschlands Kontoren und Fabriken
Meiner Verlag

// Bücher

Der Ursprung des Aufklebers


Adam Hochschild
Sprengt die Ketten. Der entscheidende Kampf um die Abschaffung der Sklaverei
Klett-Cotta 2007

Haben Sie schon einmal eine Unterschrift geleistet, gar ein Plakat geklebt oder einen Aufkleber auf eine nicht dafür vorgesehene Fläche, einem Polizeiauto beispielsweise, aufgeklebt? Wenn ja, kann ich Ihnen verraten, dass Sie in diesem Buch den Ursprung und Anfang, die Keimzelle aller dieser zivilbürgerlichen Unmutsbekundungen finden. Jeder kennt die Grundrisse eines Sklavenschiffs. Sie wurden eine Ikone der Empörung, mit der das Komitee der Abolitionisten die Wände Londons beflasterten.

// Bücher

Die überwältigende Geschichte

Orlando Figes,
Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland.
Berlin 2008

Vor über 20 Jahren erschien von Anatoli Rybakow der auch heute noch beeindruckende Roman Die Kinder vom Arbat. Der Erfolg dieses Romans, wie vielleicht überhaupt der fiktionalen Erzählliteratur, hängt vermutlich auch damit zusammen, dass die Historiker sich vor allem der Politik, der Ideologie, dem Kollektiv gewidmet haben, und daher das Einzelschicksal, an dem man erst wirklich begreift, was vor sich geht in Russland, in fiktionaler Literatur geschildert wird. Der ungeheure innere Monolog Stalins am Ende von Rybakows Zyklus, dem auch unbewältigte Einarbeitung historischen Materials vorgeworfen wurde, kommt auf die überindividuellen Themen der professionellen Historiker zurück. Da im kommunistischen Russland die Soziologie verboten war, hielt man sich weiterhin an die Romane, die in Frankreich in den großen Zyklen von Zola und Balzac einmal die Vorläufer der neu entstehenden Wissenschaft Soziologie bildeten.
Mit Orlando Figes Buch ist nun auch die professionelle Geschichte, Kempowskis kollektivem Tagebuch vergleichbar, wieder dorthin zurückgekehrt, wo sie bewältigt werden muss, bei den einzelnen Menschen. Die Familien Simonow und Laskin, Buschujew und Golowin, Fursej-German und Golownja-Babizki, Konstantinow und Nisowzew-Karpizkaja, Slawin und Delibasch-Liberman werden in diesem Buch in ihren Schicksalen, Meinungen und Handlungen geschildert, als Objekte der Politik und Ideologie und schließlich eines Kollektivs, das sie alle auch überwältigt.