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// Bücher

Der stochastische Faktor


Joachim Castan
Der rote Baron
Klett-Cotta 2007

Heimo Schwilk
Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben
Piper 2007

Diese beiden Biografien könnten im Grunde nicht unterschiedlicher sein. Die erste über Manfred von Richthofen, einem jungen Mann, der als Jagdflieger im Ersten Weltkrieg umkam und nur 26 Jahre alt wurde, die andere, über Ernst Jünger, der fast achtzig Jahre älter als Richthofen wurde. Und doch sind sich Richthofen und Jünger ähnlich.

Im Ersten Weltkrieg nannten die Militärs die Grenze zwischen einem bloß zufälligen und einem wahrscheinlichen Tod, den stochastischen Faktor. Er half zu berechnen, wann man in der Truppe mit Fahnenflucht zu rechnen hatte. Eine Anfechtung, die weder Richthofen noch Jünger kannten. Warum eigentlich nicht?

„Wir sterben alle, ohne erkannt zu sein“ sagt Balzac. Und so macht sich Joachim Castan daran, eine der ganz bedeutenden Fliegerasse des Ersten Weltkriegs zu erkennen. Dabei erzählt er fasziniert und begeistert von den Einsätzen, der technischen Entwicklung und dem Verlauf des Krieges. Vor allem erzählt er die Geschichte Manfred von Richthofens als Mediengeschichte, deren Ergebnis ja auch nicht zuletzt sein eigenes Buch ist. Castans gelegentlich eingestreute psychologische Erklärungen über das was die Jagd und der Krieg aus jungen Männern macht: Kampfmaschinen, die nicht desertieren, weil sie süchtig werden, wirken da etwas hineingeklebt.

Den Orden Pour le Mérite, übrigens – die Freunde der Militaria werden das wissen – von Friedrich dem Großen 1740 als exklusiver Verdienstorden eingeführt – erhielten beide, Richthofen wie Jünger. Ein Jahrhundertleben heißt das Buch von Heimo Schwillk im Untertitel, als bestände die wesentlichste Leistung Ernst Jüngers darin, über hundert Jahre alt geworden zu sein, vom Bundeskanzler besucht und in einer Illustrierten abgebildet zu werden. Aber vielleicht ist da doch was dran, insofern er als der Überlebende immer auch derjenige ist, der den Tod, und zwar den Tod der anderen überlebt. Bei Jünger wird das Leben immer gesteigert, manchmal als bloßes Überleben.

// Sachbuchforschung

Autoren der Sachen an sich

Über Sach- und Fachbuchkritik veröffentlicht Felix Struening eine Analyse zur Verbreitung und Struktur. Man bekommt darin eine Theorie der Sachliteratur und dazu noch eine Theorie der Literaturkritik geliefert, die dann in einem dritten Teil empirisch an Hand der Rezensionen von FAZ, NZZ und ZEIT etc. überprüft werden. Sachbücher können da nicht auch noch erwartet werden, mit den üblichen Verdächtigen wie C. W. Ceram und Stefan Klein als Ausnahmen. Die Ergebisse, die Strüning hier im Rahmen dieser Arbeit vorlegt, sind hochinteressant. Interessant und aufschlussreich ist aber auch der Rahmen, innerhalb dessen sich die Arbeit liest.

Rillenabhängigkeit im akademischen Tross

Die ewig gleiche Spur und Rille, auf der Sachbücher in Deutschland geführt werden, da ist sich der akademische Tross mit dem publizistischen Feuilleton offenbar einig, wird auch hier nur noch einmal vertieft. Diese Rille heißt Inhalt statt Form, Faktum statt Funktion, Fundiertheit statt Fun, heißt Unterhalt statt Unterhaltung, heißt schließlich Sturheit statt Stil. Diese Rillenabhängigkeit findet sich dann begreiflicherweise auch bei Struening. Eingeklemmt zwischen akademischen Anforderungen im Sachbuch zu suchen und dann auch nach Maßgabe des Feuilletons vorzufinden, was diese Rille hergibt, bleibt er hier auf Spur. Fatal immerhin, dass die Selbstaussagen der Autoren zum Sachbuch, die der Autor alle bringt, nicht weniger fragwürdig sind.

Autoren, Rezensenten und Beobachter auf Spur

In seiner Auswertung schreibt Strüning: „Die Ergebnisse der Untersuchung zur Mehrfach-Erfüllung der Kriterien zeigten einen starken Fokus auf Inhalt und Kontext der besprochenen Bücher. Dies kann als Hinweis auf die hohe Wichtigkeit der Sache an sich (im Gegensatz zum Stil) gewertet werden.“ (S. 119) Die Gefahr, die ich darin erblicke, ist folgende: Man stelle sich vor, auch unsere deutschen Autoren von Sachbüchern haben einen solchen starken Fokus auf den Inhalt? Und sie haben ihn! Und so schreiben sie manchmal auch. Autoren spuren da nicht weniger als ihre Rezensenten und die Beobachter von Autoren und Rezensenten.

Stilkritik außer Sichtweite

Strüning ist daher schon fast gezwungen den oben zitierten Satz mit der Fußnote zu kommentieren: „Ob stilistische Merkmale in der Literaturkritik eine größere Rolle spielen, wäre an anderer Stelle zu untersuchen.“ Ja, leider, bei der Literaturkritik der Sachbücher und in einer Analyse zu ihrer Verbreitung und Struktur, wie sie Strüning vorlegt, ist Stilkritik, ist Kritik der Machart weit außer Sichtweite. Woran das liegt? Na, man kommt in Wahrheit gar nicht auf den Gedanken, hier Literatur vor sich zu haben. Denkbar ist also, dass eine solche Untersuchung ohne Ergebnis bliebe, eine solche Magisterarbeit also gar nicht geschrieben werden könnte. Da hat sich Felix Strüning, was unbedingt für ihn spricht, zweifellos richtig entschieden.

Auf seinem Rezensionsblog www.BuchTest.com kann er das ja dann in Zukunft auszugleichen suchen.

Hier der Link zur Magisterarbeit von Felix Strüning, die bei Erhard Schütz im Rahmen des Forschungsprojektes zum Sachbuch in Berlin enstanden ist. Sie wurde im Verlag LiteraturWissenschaft von Thomas Anz als Online-Publikation veröffentlicht: http://www.literaturwissenschaft.de/content_onlineStruening_Sachbuchkritik.php

// Bücher

Oral history


Margarete Dörr
Der Krieg hat uns geprägt
Campus 2007

Bereist 1988 veröffentlichte Margarete Dörr drei Bände über die Frauenerfahrungen im Zweiten Weltkrieg. In ihrem neuen Werk stellt sie die hundertfältigen Aspekte des Lebens von Kindern im und nach dem Zweiten Weltkrieg dar. Dabei werden von ihr die gesammelten Erinnerungen im Originalton wiedergegeben und, dies vielleicht der wichtigste Unterschied zu Kempowski, vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse interpretiert und kommentiert. Wollten doch, wie die Dörr vor zwanzig Jahren, die Alpha-Mädchen der F-Klasse auch nur einmal den Frauen heute zuhören, statt beständig und ausschließlich als Frauen von heute zu reden.