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Denen die Zukunft entgegen kommt

 

 

Tove Ditlevsen
Kindheit
Aufbau Verlag 2021

Jugend
Aufbau Verlag 2021

Abhängigkeit
Aufbau Verlag 2021

Nach der Lektüre dieses Buches erscheint es unbegreiflich, dass von den drei Bänden der Kopenhagener Trilogie nur der letzte Band, Abhängigkeit, ins Deutsche übersetzt wurde.

Aber das kennzeichnet zugleich die Klassiker, ihnen kommt die Zukunft entgegen, bis sie wieder zeitgemäß sind.

So auch hier, denn Tove Ditlevsen schreibt im Genre des autofiktionalen Erzählens, im Genre des Memoirs. Autorinnen wie Sigrid Nunez und Arnie Ernaux haben es gerade wieder populär gemacht.

Hörprobe aus Kindheit:

Hörprobe aus Jugend:

Hörprobe aus Abhängigkeit:

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Wer schreibt die Ost-Biografie?

 

 

 

Alexander Osang
Fast hell
Aufbau Verlag 2021

„Ich habe immer mal diese Momente von Klarheit, Hoffnung und der plötzlichen Gewissheit, die große Geschichte in einer einfachen Parabel erzählen zu können,“ schreibt Alexander Osang. Osang begegnet Uwe. Er erzählt Alexander Osang bei einer gemeinsamen Reise aus seinem Leben, in dem es kaum eine Begebenheit gibt, die nicht mit bekannten Daten und Orten der Geschichte der letzten vierzig Jahre in Verbindung steht. „Uwes Leben klingt wie ein Broadway-Musical.“

Der Spiegel, für den Osang regelmäßig arbeitet, bringt diese Geschichte nicht – alles nicht so einfach nachzuweisen. Osang meint aber: „Soweit ich das sagen konnte, stimmte alles, und doch erschien Uwe auch mir jetzt eher wie ein Romancharakter. Kein grauer Ostbürger. Niemand, den man sich in einem Nachrichtenmagazin vorstellen konnte.“

Die Kontrolle über die Biografie eines Ostdeutschen liegt immer noch nicht da, wo sie hingehört.

Hörprobe:

 

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Eine restlos von ihm Besitz ergreifende Idee

 

 

Leonid Zypkin
Ein Sommer in Baden-Baden
Roman
Aufbau 2020

Das Phantastische gehört heutzutage ins Irrenhaus und nicht in die Literatur, sie ist etwas für Ärzte, nicht für Poeten. So der Literaturkritiker Belinski, Zeitgenosse Dostojewskis, über dessen Erzählung „Doppelgänger“, die 1846, vor seiner Zeit in der Verbannung und Kartoga erschien.

Vielleicht entspringt die Faszination Leonid Zypkins, wenn er sich Zeit seines Lebens mit Dostojewski befasst, weniger der Verehrung als vielmehr der Beschäftigung mit einem Rätsel, vielleicht sogar mit einem Gegner. Leonid Zypkin ist ein Autor, der in vollkommener Isolation schreibt, der in der stalinistischen Diktatur niemals publiziert, nicht einmal in den als Samisdat kursierenden Schriften.

Ein Strom von Ereignissen, Eindrücken und Emotionen setzt fast zugleich ein. Mit der Reise des Paares durch Deutschland, belastet von dem Trauma der Misshandlungen Dostojewskis in der Haft, belastet durch seine epileptischen Anfälle, Süchte und Halluzinationen beginnt dieser Roman. Begleitet von der Lektüre des Erzählers, den Erinnerungen der Dostojewskaja, die er während seiner Zugfahrt von Moskau nach St. Petersburg liest.

Dostojewskis Leben und Werk scheint von Leonid Zypkin restlos Besitz ergriffen zu haben. Dostojewski beherrscht ihn, begleitet ihn immer und überall mit hin. Und er ist, wie auf seiner Reise von Moskau aus, immer schon auf dem Weg zu ihm. Er ist das Medium, mit dem wir uns der Gegenwart Leonid Zypkins nähern können.

Eine Gegenwart, die so von der Wirklichkeit der Wirklichkeit überzeugt war, dass allein das Phantastische einen Ausweg bot. Das Phantastische, das von der Gesellschaft ausschloss und darum eine unvorstellbare Einsamkeit bedeutete.