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Lucas Vogelsang
Heimaterde
Eine Weltreise durch Deutschland
Aufbau 2017
Von Leuten, die nur um die Ecke wohnen, heißt es oft, dass die immer zu spät kommen. Wege, die man gut kennt, werden also unterschätzt. Es ist uns alles nah. Es ist alles selbstverständlich. Was wir kennen, gehen wir in Gedanken schneller durch. Zu Fuß und in der Wirklichkeit dauert es dann aber doch.
Das ist die Phänomenologie der Heimat, dass sie nicht erkärt werden muss, dass sie immer nah und da ist, schnell und klar, aus tausend Erfahrungen gespeist – aber nur im Kopf, in der Wirklichkeit kann sie schwierig, träge und zäh sein.
Lucas Vogelsang hat diejenigen in den Städten besucht, die sich in Deutschland ihre Heimaterde selbst kompostieren. Und wo wäre das wohl besser zu beobachten als im deutschen Kleingärtnerverein, schon jetzt gehen, so berichtet Vogelsang, die Hälfe aller Neuverpachtungen an Menschen mit Wurzeln in einem anderen Land.
Auch Fikret ist nicht der einzige Ausländer in seiner Kolonie, bei Weitem nicht. Da wohnen welche, sagt er, Türken, Polen, Marokkaner, die sind seit 30 Jahren hier. (…) So ist das bei ihnen in der Kolonie. Deutsche links, Ausländer rechts. Seine Laube steht genau dazwischen. Mischmaschendraht, dahinter die Russen, die saufen wie die Löcher, und die Araber, die er nicht leiden kann, weil die nicht wissen, wie man sich benimmt. Mittagsruhe, sagt er, kennen die nicht. Sonntagsruhe kennen die auch nicht. (…) Der Garten, sagen seine Kumpels, hat einen richtigen Spießer aus dir gemacht. Er lacht. Leckarsch, ich mag das.
In diesem Buch erzählen sie aus ihrem Leben in Deutschland nicht in der Form, in der sich ein Innenminister das so vorstellt: Deutschsein mit Vorsatz und nachgestelltem Nebensatz. Sie leben, arbeiten und reden hier und am Rande werden sie auch deutsch. Vogelsang lässt sie alle erzählen und bringt, was sie zu sagen haben, ohne Thesenüberbau zu Papier.
In Essen, Spandau, Wedding, Stuttgart, Köln oder Castrop-Rauxel, im Wohnblock, in der Siedlung wie auch der Gartenkolonie, überall wo Vogelsang sie aufgesucht und zum Sprechen gebracht hat, scheint es je weniger Fläche desto mehr Grenzziehungen zu geben. Vogelsang zeigt das Deutschsein auch als Aus- und Durchhalten.
Im Schrebergarten kann man sich nicht aus dem Weg gehen und dennoch aneinander vorbeileben. Weil allein räumliche Nähe keine kuturellen Distanzen auflöst. Weil nur Hiersein nicht ankommen bedeutet.
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Olga Grjasnowa
Gott ist nicht schüchtern
Roman
Aufbau 2017
aufbau taschenbuch August 2018
Olga Grjasnowa erzählt in Gott ist nicht schüchtern von Amal und Hammoudi. Amal ist eine erfolgreiche Schauspielerin in Syrien. Hammoudi ein junger Arzt, der kurz vor dem Bürgerkrieg nach Syrien zurückkehrt, um seinen Pass verlängern zu lassen. Ihre Leben konnten sie sich auch Dank des Assad-Regimes aufbauen, das sie zugleich verachten. Sie sympathisieren uneingeschränkt mit der Revolution, engagieren sich und verlieren alles.
Grjasnowas Erzählkunst ist zurückhaltend und wirkungsvoll. Das Leben von Amal und Hammoudi ist ohne die Entwicklung des Landes nicht denkbar, aber sie werden an keiner Stelle erzählt, die Geschichte des Landes zu illustrieren.
Zugleich werden den Figuren keine Gefühle zugeschrieben, die eine angestrengte Kunst der Imagination als Leistungsschau vermuten lassen. Im Gegenteil, das neusachliche Erzählen der Gjasnowa zeigt die Tatsachen von Krieg, Flucht und Asyl ohne die üblichen Anzeiger des Entsetzens.
Wir sind so an der Ästhetisierung des Schreckens gewöhnt, dass die Leerstelle, die die Kunst der Gjasnowa bietet, mit einem Schlag deutlich wird. Ein entsetzliche Leere. Wo sonst in Romanen Ästhetisierung herrscht, dadurch dass Lebenslinien zusammengeführt werden, Details der Handlung das große Ganze der Geschichte abbilden und figurenzentrierte Innenwelten anzeigen, was davon zu halten sei, ist hier nur Klarheit und Unerschrockenheit. Eine entsetzliche und erschreckende Klarheit, die eine Erzählperspektive erfordert, die alles andere als Schüchternheit braucht.
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Gusel Jachina
Suleika öffnet die Augen
Roman
Aufbau 2017
aufbau taschenbuch November 2018
Unsere Verbindung zu den früheren Generationen ist durchbrochen, sie ist abgerissen, schreibt Gusel Jachina. Nun hat sie den Roman über die Generation geschrieben, die die Stalinzeit und die Zeit der Deportationen erlebte und zeitlebens schweigen musste. Suleika öffnet die Augen wurde in Russland ‚Buch des Jahres‘. Gusel Jachina erhielt den Jasnaja Poljana-Preis.
Gusel Jachina beherrscht virtuos die zwei wichtigsten Instrumente, die Verbindung zur eigenen Vergangenheit wieder herzustellen: Imagination und Information, mit anderen Worten Geschichten und Geschichte. Sie erzählt das Leben von Suleika, der verschleppten jungen Frau eines Bauern, der, als sogenannter Kulake, nach den Vorstellungen der kommunistischen Partei ein Feind der Revolution ist. Sie erzählt von Wolf Leibe, der von den Schrecken des Bürgerkriegs halb irrsinnig und bei der GPU denunziert wird und im Irrsinn der Deporation wieder zu sich kommt. Und der Roman erzählt von Ignatow, dem überzeugten Rotarmisten, der die Deportation leitet.
Die Bedingungen des Lagerlebens – die erste Gruppe wird mit nichts weiter als ein wenig Werkzeug und einem Gewehr am Ufer der Angara in Sibirien ausgesetzt – werden zum größeren Teil von der Natur bestimmt. Den anderen Teil bestimmt der Hunger. Alles andere ist Ideologie. Und die wird rein funktional eingesetzt. Mitte Februar 1930 fassen das Zentralexekutivkomitee und der Rat der Volkskommissare der Tatarischen ASSR den Beschluss „Über die Liquidierung des Kulakentums in Tatarien als Klasse. Da sich diese Liquidierung nicht wie gewünscht entwickelt, erreicht man das Ziel auf dem Wege der Klassifizierung: Gefangene der GPU werden kurzerhand zu Kulaken erklärt. Unter diesen dann Wolf Leibe.
Kulak ist ein volkstümlicher Begriff, der im Russland des 19. Jahrhunderts entstand, er bedeutet wörtlich ‚Faust‘ und bezeichnete mitunter auch den durch Faulheit und Alkoholismus verarmten und der Gemeinschaft zur Last fallenden Bauern. Um ihren Klassenkampf aufs Land zu tragen, schlossen die Bolschewiki an diese Tradition der abwertenden Bedeutung an.
Als es den aus Tatarstan verschleppten Bauern nach einigen Jahren der Verbannung in Sibirien eine halbwegs gesicherte landwirtschaftliche Existenz aufzubauen gelingt – einige haben die Baracken verlassen, sich eigene feste Häuser gebaut und Familien gegründet – spricht man in Moskau 1937 vom ‚Wachstum des Kulaken‘. Neue Repressalien und Bestrafungsaktionen bis in den Geheimdienst des NKWD hinein beginnen. Unter diesen Opfern Ignatow.
Suleika öffnet die Augen ist ein großartiger Roman, der die Geschichte, die im Gedächtnis der russischen Gesellschaft kaum einen Platz bekam, in Geschichten erzählt und damit die Verbindung zur Vergangenheit wieder herstellt. Suleika öffnet die Augen und wir mit ihr.