Anna Seghers. Ein Leseabend mit Michael Schikowski

120. Geburtstag am 19. November 2020

 

Anna Seghers bekannteste Romane sind Das siebte Kreuz und Transit. Bücher, die stets neu an Aktualität gewinnen. Während Das siebte Kreuz sie schlagartig berühmt machte und zu einem Welterfolg wurde, ist Transit für Heinrich Böll ihr schönster Roman.

Transit ist gerade erst wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt: Alles war auf der Flucht, alles war nur vorübergehend, aber wir wussten noch nicht, ob dieser Zustand bis morgen dauern würde, oder noch ein paar Wochen, oder Jahre, oder gar unser ganzes Leben.

Anna Seghers studiert in Heidelberg und Köln. Bereits 1928 erhält sie für Aufstand der Fischer von S. Barbara, veröffentlicht unter Seghers ohne Zunamen, den Kleist-Preis. Sie lebt in Berlin und tritt in die KPD ein. Nach dem Machtantritt Hitlers flieht sie nach Marseille, dann nach Mexiko. 1947 kehrt sie nach Berlin zurück, erhält den Büchner-Preis und ist von 1952 bis 1978 Vorsitzende des Schriftstellerverbandes der DDR. Sie stirbt 1983 in Berlin.

An diesem Leseabend wird das Beste von Anna Seghers zu hören sein.

Aus Transit von Anna Seghers:

 

TERMINE

Buchhandlung Scheuermann, Duisburg
Montag, den 23. November 2020
Beginn: 19.30 Uhr

Buchhandlung Till Eulenspiegel, Rösrath
Mittwoch, den 25. November 2020
Beginn: 19.30 Uhr

Buchhandlung, Café & Antiquariat Eule, Brühl
Freitag, den 27. November 2020
Beginn: 20.00 Uhr

Homburger Lesezeit, Homburg/Saar
Dienstag, den 8. Dezember 2020
Beginn: 20.00 Uhr

 

Zu Michael Schikowski

Bücher zum Leseabend

Hörproben zum Leseabend

Weitere Leseabende: Jane AustenHonoré de BalzacÜber BeethovenHeinrich BöllDie Schwestern BrontëDaniel Defoe Charles DickensFjodor Dostojewski George EliotLouise Erdrich Hans FalladaLion FeuchtwangerGustave FlaubertTheodor FontaneGrimmelshausenThomas MannMark TwainHerman Melville MultatuliAnna Seghers Lew Tolstoi

Historischer Leseabend: Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71
Weitere: November 18. Texte zur Revolution in Deutschland„Heeresbericht“. Texte zum Ersten WeltkriegNapoleonOktober 17. Texte zur Russischen Revolution / Neuerscheinungen des Jahres

// Immer schön sachlich

// Bücher

Welche Erleichterung

 

 

Stephen Graham
Die Kunst des stilvollen Wanderns
Ein philosophischer Wegweiser
HarperCollins 2020

Welche Erleichterung, der Rolle des Wählers und Steuerzahlers, des Experten für Messingantiquitäten, des Bruders eines Experten für Messingantiquitäten, des Autors eines Bestsellers oder Onkels des Bestsellerautors zu entfliehen. Welche Erleichterung, eine Zeit lang kein Verwaltungsbeamter der Besoldungsgruppe soundso mehr zu sein, der die höchste Beförderungsstufe bereits erreicht hat, nicht mehr nach dem Einkommen oder Gold-Handicap beurteilt zu werden. Ohne Zweifel ist es ein köstlicher Augenblick, wenn der Gärtner, der einen in Wanderkluft daherkommen sieht, nicht zum Gruß an den Hut tippt, wenn man an ihm vorübergeht. Es wäre ein Fehler, sich in nagelneuen Kniebundhosen, Sportjackett, Krawatte und juwelenbesetzter Krawattennadel, mit Gamaschen und einem Stock mit silbernem Knauf in die Wildnis aufzumachen. Die Visitenkarten sollte man ebenfalls zu Hause lassen und versuchen, das Haus mit den drei Etagen zu vergessen. (Stephen Graham, S. 15)

// Bücher

Eine restlos von ihm Besitz ergreifende Idee

 

 

Leonid Zypkin
Ein Sommer in Baden-Baden
Roman
Aufbau 2020

Das Phantastische gehört heutzutage ins Irrenhaus und nicht in die Literatur, sie ist etwas für Ärzte, nicht für Poeten. So der Literaturkritiker Belinski, Zeitgenosse Dostojewskis, über dessen Erzählung „Doppelgänger“, die 1846, vor seiner Zeit in der Verbannung und Kartoga erschien.

Vielleicht entspringt die Faszination Leonid Zypkins, wenn er sich Zeit seines Lebens mit Dostojewski befasst, weniger der Verehrung als vielmehr der Beschäftigung mit einem Rätsel, vielleicht sogar mit einem Gegner. Leonid Zypkin ist ein Autor, der in vollkommener Isolation schreibt, der in der stalinistischen Diktatur niemals publiziert, nicht einmal in den als Samisdat kursierenden Schriften.

Ein Strom von Ereignissen, Eindrücken und Emotionen setzt fast zugleich ein. Mit der Reise des Paares durch Deutschland, belastet von dem Trauma der Misshandlungen Dostojewskis in der Haft, belastet durch seine epileptischen Anfälle, Süchte und Halluzinationen beginnt dieser Roman. Begleitet von der Lektüre des Erzählers, den Erinnerungen der Dostojewskaja, die er während seiner Zugfahrt von Moskau nach St. Petersburg liest.

Dostojewskis Leben und Werk scheint von Leonid Zypkin restlos Besitz ergriffen zu haben. Dostojewski beherrscht ihn, begleitet ihn immer und überall mit hin. Und er ist, wie auf seiner Reise von Moskau aus, immer schon auf dem Weg zu ihm. Er ist das Medium, mit dem wir uns der Gegenwart Leonid Zypkins nähern können.

Eine Gegenwart, die so von der Wirklichkeit der Wirklichkeit überzeugt war, das allein das Phantastische einen Ausweg bot. Das Phantastische, das von der Gesellschaft ausschloss und darum eine unvorstellbare Einsamkeit bedeutete.