Heinrich Böll. Ein Leseabend mit Michael Schikowski

Lesung aus dem Werk von Heinrich Böll

boell-foto-2Heinrich Böll hat das Bild des Schriftstellers als kritischen Zeitgenossen wie kein anderer geprägt. Im Stil der Zeit sprach man von ihm lakonisch als Chronisten.

Seine politischen Einlassungen zu den Zuständen und Entwicklungen der Bundesrepublik Deutschland sind untrennbar mit seinen großen Romanen verbunden. An diesem Leseabend werden die wichtigen Romane Bölls im Mittelpunkt stehen. Sie alle, Billard um halb zehn (1959), Ansichten eines Clowns (1963), Gruppenbild mit Dame (1971) und schließlich Fürsorgliche Belagerung (1979) behandeln die zentralen gesellschaftspolitischen Themen der Republik: Vergangenheitsbewältigung, Kirche, Presse und den deutschen Herbst.

Heinrich Bölls Bücher entstammen einer Zeit, in der man von der Wirkung der Literatur überzeugt war. Auf sie konnte man hoffen. Vor ihr wurde aber auch, vor allem was Böll anging, ganz ernsthaft gewarnt. Mit Heinrich Böll blicken wir in eine Zeit zurück, in der die Literatur noch geholfen hat, eben weil man davon überzeugt war, dass sie schaden konnte.

Auf die Ereignisse der Gegenwart reagierte Böll nicht nur thematisch, sondern auch mit veränderten Schreibweisen. Bölls Satiren stehen dabei den sozialkritischen Romanen in nichts nach. 1972 erhielt Heinrich Böll den Nobelpreis für Literatur.

An diesem Leseabend wird das Beste von Heinrich Böll zu hören sein. Michael Schikowski ist Lehrbeauftragter der Universität Düsseldorf und seit vielen Jahren als leidenschaftlicher Vorleser unterwegs.

Mit freundlicher Unterstützung von dtv.
Bücherliste

Altenberger Dom-Laden, Odenthal
Donnerstag, den 21. Juni 2018
Beginn: 19.30 Uhr

Homburger Lesezeit
Dienstag, den 23. Oktober 2018
Beginn: 19.00 Uhr

Schloß-Buchhandlung, Herborn
Freitag, den 2. November 2018
Beginn: 18.30 Uhr

Zu Michael Schikowski

Bücher zum Leseabend

 

 

Weitere Leseabende: Jane AustenHonoré de BalzacHeinrich BöllDie Schwestern BrontëCharles DickensFjodor DostojewskiGeorge EliotHans FalladaLion FeuchtwangerTheodor FontaneGrimmelshausenThomas MannMark TwainAnna SeghersLew Tolstoi

Zu Einzelwerken: HyperionMoby DickRobinson CrusoeTristam Shandy

Historische Leseabende: November 18. Texte zur Revolution in Deutschland„Heeresbericht“. Texte zum Ersten WeltkriegDer Deutsch-Französische Krieg 1870/71NapoleonOktober 17. Texte zur Russischen Revolution / Neuerscheinungen des Jahres

// Immer schön sachlich

// Bücher

Der Service des Verschwindens

Sayaka Murata
Die Ladenhüterin
Roman
Aufbau 2018

Was wünschen wir uns eigentlich, wenn wir korrekt und schnell bedient werden wollen? Gewiss einen Menschen wie die Angestellte Keiko Furukawa, die in einem Kiosk arbeitet – einem Konbini, wie er in Japan heißt, einer japanischen Verballhornung des amerikanischen Convenience.

Was Keiko Furukawa hier gesagt und gezeigt bekommt, ist für die Kunden wichtig und für den Laden existentiell. Dass es aber für Keiko der Eintritt in eine neue und sichere Welt bedeutet, schildert dieser Roman, der endlich den Servicegedanken, von dem immer so leichtfertig die Rede ist, zu Ende denkt.

Keiko lernt die richtige Begrüßung der Kunden, den richtigen Gesichtsausdruck und prompten Service. Dass einmal – vor allem durch Nachlässigkeiten der Kollegen, die alle, wie sie selbst, Aushilfen sind – die Kasse unbesetzt sein könnte, ist ihr ein Greuel. Um besser einschlafen zu können, denkt sie an die Arbeit im Konbini. Es hilft ihr der Gedanke, dass alles seinen vorgeschriebenen und geordneten Gang geht.

Dass dann Shiraha im Konbini beginnt, ein ziemlich gewöhnlicher Taugenichts, bringt ihre Welt aus den Fugen. Weder verräumt er die Ware richtig, noch nimmt er die Anweisungen ernst. Sind wir nur Störenfriede der funktionierenden Abläufe, wenn wir jemand sind? Ist die konzentriert verrichtete Arbeit eine bewußtseinserweiternde Meditation? Keiko jedenfalls hat das Ziel, dahin zurückzukehren, wo der Service sie zum Verschwinden bringt.

// Bücher

Das Rädchen

Edith Wharton
Die verborgene Leidenschaft der Lily Bart
Roman
Ebersbach und Simon 2018

Als Lily neunzehn Jahre alt war, zwangen sie die Umstände sehr plötzlich, ihre Weltsicht grundsätzlich zu revidieren. Die hier mitten im Roman genannten Umstände sind der Ruin ihres Vaters, der Lily Bart zwingt, einen anderen Blick auf die Welt zu werfen.

In kaum einem Text über Edith Wharton fehlen der Hinweis auf die Freundschaft und literarische Verwandtschaft mit Henry James und die leicht bekümmerte Feststellung, dass sich Wharton wie James in Deutschland nie so richtig durchsetzen konnten. Während die Freundschaft auf die Verwandschaft der Werke zurückzuführen ist, die sich vor allem mit der Elite, der feinen Gesellschaft befassen, ist die Geschichte der Rezeption in Deutschland ein Rätsel.

Dieses Rätsel ist vielleicht gar nicht so groß. Denn es ist auch dadurch erklärbar, dass man in Deutschland, vor allem in der frühen Bundesrepublik, Eliten überaus skeptisch oder gar nicht sah. Die Eliten waren genau das nicht, was sie im Amerika Veblens und im Frankreich Bourdieus waren: sichtbar, glänzend, präsentabel.

In Deutschland hatte die Elite gleich zweimal hintereinander auf eine unfassbare Art und Weise abgewirtschaftet und hielt darum an sich. Und vielleicht ist es dieser Unwille in Deutschland, von solcher Blasiertheit auch nur lesen zu wollen, wenn im Roman von Mrs. Peniston gesagt wird, dass ihr etwas so unangenehm gewesen sei wie Küchengeruch im Salon.

Und, auch darin sind sich James und Wharton ähnlich, beide schauen aus alteuropäischer Perspektive kritisch auf den amerikanischen Kontinent, und leben schließlich beide in Europa, James in England, Wharton in Frankreich. Im bundesrepublikanischen Deutschland ist genau dieser skeptische Blick auf Amerika nie richtig kultiviert worden, man schwankte vielmehr stets zwischen unwissender Ablehnung und unkritischer Bewunderung.

Die Analysen und gelegenheitshalber eingestreuten Klugheiten der Wharton akzeptieren in gewisser Weise das Gefälle, das sich Gesellschaft nennt. Statt der Katastrophe der Gesellschaft also nur Katastrophen des Einzelnen. Denn Lily Bart gelingt es nicht, oder besser, nicht rechtzeitig, ihre spezifische Begabung, in allen Belangen gesellschaftlicher Umgangsformen Bescheid zu wissen, auf Dauer zu monetarisieren, weder als Geldheirat noch als Gründerin eines Bekleidungsgeschäfts.

In Lily Bart wird der Verlust einer sehr spezifischen Funktion für die Gesellschaft beschrieben, langsam und deutlich. Ein Rädchen, für das die Gesellschaft nach Edith Wharton keine richtige Verwendung mehr hat. Das sollte uns bekannt vorkommen.

// Bücher

Wir helfen

Esther Gerritsen
Der große Bruder
Roman
Aufbau 2018

Die Familie ist Olivia Landmann wichtig. Mit ihrem Mann Gerard hat sie zwei halbwüchsige Jungen, Tom und Julius. Die Familie ist organisiert. Alle stehen mit beiden Beinen im Leben. Alles bestens also. Wenn man zu sehr ins Grübeln geriet, so heißt es an einer Stelle, ging man am besten Tennis spielen. Sie spielten eine Menge Tennis.

Ihre Aufgaben als Finanzdirektorin eines Porzellangeschäfts nehmen sie stark in Anspruch, ein Familienunternehmen, das vor ‚bedeutenden Herausforderungen der Zukunft‘ steht – wie es immer heißt, wenn es mehr Vergangenheit als Zukunft gibt.

Alles gerät für Olivia durcheinander mit dem Anruf ihres lange verschollenen Bruders Marcus, der ihr erklärt, dass man ihn in wenigen Minuten in den Operationssaal bringen werde, um ihm ein Bein abzunehmen. Warum ruft er nicht an, wenn man noch etwas unternehmen kann? Mit ihm meldet sich auch die Vergangenheit, die Olivia nun plötzlich größer erscheint, als die Zukunft.

In diesem knapp erzählten Roman, dem knappen Raum einer Kleinfamilie entsprechend, erzählt Esther Gerritsen vom unblutigen Einsturz der familiären Konstellation – einfach, weil jemand Hilfe braucht.