Ich werde eine Hexe

 

 

Sylivia Townsend Warner
Lolly Willowes
Roman
Dörlemann 2020

Lolly Willowes ist Sylvia Warners Debütroman aus dem Jahr 1926. Ihr Plädoyer für die Freiheit alleinstehender Frauen beginnt wie ein britischer Gesellschaftroman voller Humor.

Fast unbemerkt – man muss, wie viele ausgezeichnete Bücher, auch dieses Buch zweimal lesen – wandelt er sich im weiteren Verlauf zu einem Meilenstein der feministischen Literatur. Warner endet, wo im Laufe der 1970er die Frauenbewegung anknüpft. Zwei Hörproben zeigen beide Aspekte aus diesem Roman:

// Immer schön sachlich

// Bücher

Die Carl Schurz Story

 

 

Andreas Kollender
Libertys Lächeln
Roman
Pendragon 2019

Carl Schurz war im 19. Jahrhundert Teil der großen Auswanderungswelle aus Deutschland, deren Ziel vor allem Nordamerika war. Der Grund war häufig, wie im Falle Schurz, politischer Natur, häufiger aber noch wanderten ganze Dörfer und Großfamilien wegen Hungersnöten aus. Deren Ursprung lag allerdings auch nicht selten in den politischen Verhältnissen.

Unter den Auswanderern, die man später die German-Americans nannte, waren für die amerikanische Wirtschaftsgeschichte so bedeutende Unternehmer wie Levi Strauss, Henry J. Heinz oder John Jacob Astor. Für die politische Geschichte wäre an erster Stelle Carl Schurz zu nennen. Er wird Senator und als erster deutscher Einwanderer Innenminister.

Blieben die einen der deutschen Herkunftskultur weiterhin treu und siedelten in eigenen Stadtteilen wie Little Germany auf Manhattan, fühlten viele sich doch rasch der amerikanischen Kultur der Vereinigten Staaten zugehörig und prägten sie zugleich. Was einem politischen Kopf wie Carl Schurz oft genug zum Vorwurf gemacht wurde, wovon der Anfang des Romans über Carl Schurz von Andreas Kollender zeugt. Carl Schurz steht für das andere Amerika.

Carl Schurz wurde in Liblar (Erftstadt) geboren, ging in Brühl und, untergebracht in einer Handwerkerfamilie, in Köln zur Schule. Kurz vor der 1848er Revolution begann er sein Studium an der Universität Bonn. Nach ihrem Scheitern flieht er über London nach Amerika. In London lernt er seine Frau Margarete Meyer kennen. Sie eröffnete 1856 den ersten Kindergarten in den USA.

Andreas Kollender lässt uns in seinem Roman an den bedeutenden und spannenden Stationen des politischen Lebens von Carl Schulz teilhaben, des Wahlkampfs für Lincoln, des Kriegseinsatzes im amerikanischen Bürgerkrieg, der Sklavenbefreiung, des Einsatzes für die Rechte der Indianer und, zusammen mit Mark Twain, der Gegnerschaft der neuen kriegerischen Außenpolitik der Ära Theodore Roosevelt.

Über die Bedeutung von Carl Schurz für uns heute kann also kein Zweifel bestehen. Zumal er auch noch ein Pionier in seinem Einsatz für die Umwelt und die Ressourcen der Vereinigten Staaten war.

// Bücher

Das Gesetz für flüssige Körper

 

 

Olga Forsch
Russisches Narrenschiff
Die Andere Bibliothek 2020

Er ist zu einer Welle im Meer anderer Wellen geworden. Branden diese gegen einen Felsen, zerschellen sie, nur um sich erneut zusammenzusetzen, meint Shukanez, alias Viktor Schlklowski. Er spricht über den Menschen und seine Bedürfnisse. Nüchtern repliziert Sochaty, alias Jewgeni Samjatin, darauf: Aber das ist ein Gesetz für flüssige Körper.

Die Replik zeigt, die Art der Übertragung wurde zwar verstanden, aber eben darum auch als unzulässige Übertragung abgewiesen. Dem pragmatischen Standpunkt der neuen russischen Gesellschaft, den Olga Forsch staatlichen Hyperbolismus nennt (siehe Lesung unten), kann literarisch nur noch mit assoziativer Phantastik begegnet werden. Olga Forsch wählt das Bild eines Narrenschiffs auf den Wellen einer sich neu formierenden Gesellschaft.

Das Vorbild dieses Narrenschiffs der Kunst ist das auf Maxim Gorkis Initiative zurückgehende Haus der Künste, das von 1919 bis 1922 bestand. Der Hafen, in den die Literatur ab 1934 auch offiziell, also staatlich verordnet einlaufen wird, ist der Sozialistische Realismus. Das Gesetz für flüssige Körper tritt in Kraft.

Zum Anhören: Olga Forsch, Russisches Narrenschiff. Übersetzt von Christiane Pöhlmann. Die Andere Bibliothek 2020. S. 138 – 141.

 

 

// Leseabend

Anna Seghers. Ein Leseabend mit Michael Schikowski

120. Geburtstag am 19. November 2020

 

Anna Seghers bekannteste Romane sind Das siebte Kreuz und Transit. Bücher, die stets neu an Aktualität gewinnen. Während Das siebte Kreuz sie schlagartig berühmt machte und zu einem Welterfolg wurde, ist Transit für Heinrich Böll ihr schönster Roman.

Transit ist gerade erst wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt: Alles war auf der Flucht, alles war nur vorübergehend, aber wir wussten noch nicht, ob dieser Zustand bis morgen dauern würde, oder noch ein paar Wochen, oder Jahre, oder gar unser ganzes Leben.

Anna Seghers studiert in Heidelberg und Köln. Bereits 1928 erhält sie für Aufstand der Fischer von S. Barbara, veröffentlicht unter Seghers ohne Zunamen, den Kleist-Preis. Sie lebt in Berlin und tritt in die KPD ein. Nach dem Machtantritt Hitlers flieht sie nach Marseille, dann nach Mexiko. 1947 kehrt sie nach Berlin zurück, erhält den Büchner-Preis und ist von 1952 bis 1978 Vorsitzende des Schriftstellerverbandes der DDR. Sie stirbt 1983 in Berlin.

An diesem Leseabend wird das Beste von Anna Seghers zu hören sein.

Aus Transit von Anna Seghers:

 

TERMINE

Homburger Lesezeit, Homburg/Saar
Dienstag, den 8. Dezember 2020
Beginn: 20.00 Uhr

 

Zu Michael Schikowski

Bücher zum Leseabend

Hörproben zum Leseabend

Weitere Leseabende: Jane AustenHonoré de BalzacÜber BeethovenHeinrich BöllDie Schwestern BrontëDaniel Defoe Charles DickensFjodor Dostojewski George EliotLouise Erdrich Hans FalladaLion FeuchtwangerGustave FlaubertTheodor FontaneGrimmelshausenThomas MannMark TwainHerman Melville MultatuliAnna Seghers Lew Tolstoi

Historischer Leseabend: Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71
Weitere: November 18. Texte zur Revolution in Deutschland„Heeresbericht“. Texte zum Ersten WeltkriegNapoleonOktober 17. Texte zur Russischen Revolution / Neuerscheinungen des Jahres