Ich werde eine Hexe

 

 

Sylivia Townsend Warner
Lolly Willowes
Roman
Dörlemann 2020

Lolly Willowes ist Sylvia Warners Debütroman aus dem Jahr 1926. Ihr Plädoyer für die Freiheit alleinstehender Frauen beginnt wie ein britischer Gesellschaftroman voller Humor.

Fast unbemerkt – man muss, wie viele ausgezeichnete Bücher, auch dieses Buch zweimal lesen – wandelt er sich im weiteren Verlauf zu einem Meilenstein der feministischen Literatur. Warner endet, wo im Laufe der 1970er die Frauenbewegung anknüpft. Zwei Hörproben zeigen beide Aspekte aus diesem Roman:

// Immer schön sachlich

// Bücher

Der diskrete Charme der Diktatur

 

 

Wolfgang Hirn
Shenzhen
Die Weltwirtschaft von morgen
Campus 2020

Unzählige Politikerdelegationen tourten durch das Silicon Valley, um danach den Daheimgebliebenen mit leuchtenden Augen zu erzählen, was dort alles abgeht. Hirn wechselt nicht ohne Grund in eine sich jugendlich und freudig überrascht gebende Sprache des Managements. Gelegentlich hörte man auch in der Buchbranche Beurteilungen der Entwicklung, die der Begrifflichkeit eines Amüsierbetriebs entstammten: spannend.

Die Damen und Herren sollten mal die Richtung wechseln, schlägt Hirn vor. Er beschreibt die Millionenstadt Shenzhen, nicht weit von Hongkong, als Gründerstadt, als Digitalstadt, als Smart City, als elektromobile Stadt, als Wissenschaftsstadt und als Stadt einer zukünftigen Machtkonzentration.

Hirns Einstieg in sein lesenswertes Buch zeigt auch, dass dem Blickwechsel ein Stabwechsel vorausging. Es ist vor allem die Künstliche Intelligenz, gezüchtet in Kalifornien, die in China eine neues und erweitertes Verbreitungsgebiet findet. Bedenken ihr gegenüber, die vor allem in Europa geäußert werden, wirken nun vollends hilflos.

Pony Ma ist Gründer von Tencent. Er mag Teams. Darum hat er sie bei der Entwicklung des Instant-Messenger-Dienstes WeChat zwei Teams gegeneinander antreten lassen. Er lässt sie, schreibt Hirn, – das hat er sich von Microsoft abgeschaut – um die besten Ideen wetteifern. Was sich hier noch so systemklug als Übernahmeleistung ausnimmt, zeigt doch auch zugleich: die Unternehmen agieren längst wie Diktaturen.

Dabei scheinen sie noch nur der westlichen Idee des Wettbewerbs gegenüber charmant aufgeschlossen. Längst zeigt dieser aber agonale Züge, einfach, weil er an keiner Stelle moralische Schranken erkennen lässt.

// Leseabend

Die Kunst der schönen Bücher – ein Verlags- und Leseabend mit Michael Schikowski

An diesem Abend geht Michael Schikowski den phänomenalen Erlebnissen der schönen Bücher nach. Die einzigartige inhaltliche wie handwerkliche Qualität der Bücher der Anderen Bibliothek wie der von Faber und Faber steht dabei im Mittelpunkt. Michael Schikowski bespricht, erläutert und liest die zuletzt erschienenen Bücher dieser außergewöhnlichen Verlage.

Die Andere Bibliothek schreibt seit mehr als 34 Jahren Verlagsgeschichte. In ihr gehen Text und Buchgestalt eine sich reflektierende Verbindung ein, die jedes Buch zu einem besonderen Erlebnis des Kopfes und der Sinne machen. Neben der besonderen Berücksichtigung des Essays und der Reiseliteratur besitzt die Andere Bibliothek einen weiten und offenen Blick für die Literaturen der Welt, der Reportage und Feuilleton einschließt.

Zum Anhören: Olga Forsch, Russisches Narrenschiff. Übersetzt von Christiane Pöhlmann. Die Andere Bibliothek 2020. S. 138 – 141.

 

Der Verlag Faber und Faber aus der Buchstadt Leipzig pflegt schon lange mit illustrierten Büchern in hochwertiger Ausstattung die Kunst der schönen Bücher. In der Reihe der Graphischen Bücher werden die Erstlingswerke deutschsprachiger Autoren aufgelegt, kongenial illustriert von der ersten Riege der graphischen Kunst.

 

 

 

TERMIN:

Stiftsbuchhandlung Maschmann, Nottuln
Dienstag, den 14. Juli 2020
Beginn: 19 Uhr

Zu Michael Schikowski

Bücher zum Leseabend

Hörproben zum Leseabend

Weitere Leseabende: Jane AustenHonoré de BalzacÜber BeethovenHeinrich BöllDie Schwestern BrontëDaniel Defoe Charles DickensFjodor Dostojewski George EliotLouise Erdrich Hans FalladaLion FeuchtwangerGustave FlaubertTheodor FontaneGrimmelshausenThomas MannMark TwainHerman Melville MultatuliAnna SeghersLew Tolstoi

Historischer Leseabend: Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71
Weitere: November 18. Texte zur Revolution in Deutschland„Heeresbericht“. Texte zum Ersten WeltkriegNapoleonOktober 17. Texte zur Russischen Revolution / Neuerscheinungen des Jahres

// Bücher

Die Carl Schurz Story

 

 

Andreas Kollender
Libertys Lächeln
Roman
Pendragon 2019

Carl Schurz war im 19. Jahrhundert Teil der großen Auswanderungswelle aus Deutschland, deren Ziel vor allem Nordamerika war. Der Grund war häufig, wie im Falle Schurz, politischer Natur, häufiger aber noch wanderten ganze Dörfer und Großfamilien wegen Hungersnöten aus. Deren Ursprung lag allerdings auch nicht selten in den politischen Verhältnissen.

Unter den Auswanderern, die man später die German-Americans nannte, waren für die amerikanische Wirtschaftsgeschichte so bedeutende Unternehmer wie Levi Strauss, Henry J. Heinz oder John Jacob Astor. Für die politische Geschichte wäre an erster Stelle Carl Schurz zu nennen. Er wird Senator und als erster deutscher Einwanderer Innenminister.

Blieben die einen der deutschen Herkunftskultur weiterhin treu und siedelten in eigenen Stadtteilen wie Little Germany auf Manhattan, fühlten viele sich doch rasch der amerikanischen Kultur der Vereinigten Staaten zugehörig und prägten sie zugleich. Was einem politischen Kopf wie Carl Schurz oft genug zum Vorwurf gemacht wurde, wovon der Anfang des Romans über Carl Schurz von Andreas Kollender zeugt. Carl Schurz steht für das andere Amerika.

Carl Schurz wurde in Liblar (Erftstadt) geboren, ging in Brühl und, untergebracht in einer Handwerkerfamilie, in Köln zur Schule. Kurz vor der 1848er Revolution begann er sein Studium an der Universität Bonn. Nach ihrem Scheitern flieht er über London nach Amerika. In London lernt er seine Frau Margarete Meyer kennen. Sie eröffnete 1856 den ersten Kindergarten in den USA.

Andreas Kollender lässt uns in seinem Roman an den bedeutenden und spannenden Stationen des politischen Lebens von Carl Schulz teilhaben, des Wahlkampfs für Lincoln, des Kriegseinsatzes im amerikanischen Bürgerkrieg, der Sklavenbefreiung, des Einsatzes für die Rechte der Indianer und, zusammen mit Mark Twain, der Gegnerschaft der neuen kriegerischen Außenpolitik der Ära Theodore Roosevelt.

Über die Bedeutung von Carl Schurz für uns heute kann also kein Zweifel bestehen. Zumal er auch noch ein Pionier in seinem Einsatz für die Umwelt und die Ressourcen der Vereinigten Staaten war.