Das Mythische in den Karos des Kleinkarierten


Henriette Dyckerhoff
Was man unter Wasser sehen kann
Roman
Rütten und Loening 2019

Das ist das Schlimme in Ronnbach, heißt es in diesem Roman einmal, hier bestehst du zu 98 Prozent aus Vergangenheit. Die Grundschulzeit ist für manche präsenter als die Gegenwart. Vor fünfzig Jahren wurde die Talsperre erbaut, gespeist von der Ronne, die durchs Sauerland fließt. Für Renovierungsarbeiten zum Jubiläum wird der Wasserspiegel abgesenkt. So tauchen längst versunkene Wege und Grundmauern wieder auf und werden präsenter als die Gegenwart.

Dieser ewigen Gegenwart der Vergangenheit scheint Marion, von ihrer Mutter Grete stets abweisend Marjon genannt, niemals entkommen zu sein. Sie ist die klassische Dorfschönheit, die nicht wegkommt und nicht ankommt. Sie lebt ihr leicht promiskuitives Leben zwischen der längst erwachsenen Tochter, die in Berlin neu anzufangen sucht, und der auf Ordnung haltenden Mutter Grete, die mit ihr im Haus lebt. Grete hat ihr Enkelkind aufgezogen, während Marion, ganz 70er-Kind, um die Häuser zog.

Nun ist Marion verschwunden. Ihre Tochter reist ins Dorf an der Talsperre und geht in ihre Wohnung: Wie still das hier ist. Und dieser Geruch nach uraltem Rauch und nie offenen Fenstern. Du hast hier festgesteckt Marion! Diese Kellerhöhle und das Frizz waren alles, was du hattest. Arbeit, schlafen, saufen. Während sie in Berlin ihren Job verliert, vom Chef schlicht ausgetauscht wird, war sie nicht nur Enkelkind von Grete, sondern wuchs, getauscht gegen die missratene Tochter Marjon, als Ersatztochter auf.

Henriette Dyckerhoff gelingt es, in dieser kleinkarierten Welt des wenig aufregenden Sauerlands auf höchst glaubwürdige Art und Weise die großen Fragen, die mythischen Themen zu behandeln, das unschuldig Schuldigwerden, die Blindheit für das Offensichtliche und die Gewalt des im Stausee tief versunken Geglaubten. Für dramatische Fallhöhen gibt es im Sauerland die banale Staumauer. Dieser Widerspruch, der das Mythische wie nebenbei in den Karos des Kleinkarierten zeigt, gibt dem Roman einen ganz eigenen Reiz.

// Immer schön sachlich

// Bücher

Die Wahrheit über das Lesen

Bénédicte Carboneill, Michael Derullieux
Der Lesewolf
Midas 2018

Der Wolf ist ein mächtiges und gefährliches Tier. Er beobachtet, wie einem Kind vorgelesen wird. Im Gegensatz zum einsamen Wolf entdecken wir hier sofort den Kern des Vorlesens: Zuwendung.

Wie geht die Geschichte weiter? Der Wolf, im Besitz des Buches, kommt trotz seiner Zähne, die sonst alles geknackt bekommen, die Geschichte nicht aus dem Buch: Das Buch stellt gewohnte Kräfteverhältnisse in Frage.

So furchtlos und stark der Wolf ist, an dieses Buch kommt er ohne fremde Hilfe nicht heran. Wer aber traut sich? Er muss jemanden finden, der noch mutiger ist als er selbst. Dass sich der Hase traut, zeigt: Lesen machen tollkühn.

// Bücher

Wir sind Verhaltensdaten

Shoshana Zuboff
Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus
Campus 2018

Vielleicht ist es eine der größten Irrtümer in der Diskussion über den Buchhandel, dass es sich bei Amazon um einen Buchhändler handelt. Nicht, weil dieses Unternehmen nur online handelt, nicht weil es sehr groß ist, sondern weil es ein grundsätzlich anderes Geschäftsmodell hat, als das der Buchhändler. Buchhändler handeln mit Büchern. Amazon handelt mit Daten, die durch den Kauf u.a. von Büchern entstehen.

Der andere große Irrtum in der Diskussion der Digitalisierung ist ihre Erzählung als Befreiungsgeschichte. Die allerdings beruht eigentlich nicht auf einem Irrtum, sondern auf gezielter Desinformation. Das lässt sich an den Versuchen der Bargeldabschaffung durch Paypal, WeChat oder Amazon Go besonders deutlich machen. Gegen solche Erzählungen hilft nur der Rückgriff auf große Texte. In diesem Fall Georg Simmels Philosophie des Geldes, in dem er das Geld als Medium der Befreiung schildert. Wir geben es aus wo und wann wir wollen und sind niemandem Rechenschaft schuldig.

Das Wesen des Überwachungskapitalismus aber ist, alle gesellschaftlichen Prozesse so lange zu problematisieren – im Falle von Geld ist immer die Rede von Schwarzgeld, Drogengeld und der Mafia – bis ihre Digitalisierung als die einzig vernünftige Lösung erscheint. Probleme werden als solche also gar nicht in den Blick genommen, sondern nur im Hinblick darauf, dass sie digitalisierbar werden. Ist dies erreicht, wird deutlich, dass der eigentliche Sachverhalt für die Digitalkonzerne jedes Interesse verliert, denn er ist nur die Oberfläche des darunter verborgenen Zwecks: Lieferanten von Verhaltensdaten zu sein.

Shoahana Zuboff hat es nun unternommen, die lange Entwicklung des Überwachungskapitalismus in einer fulminanten und überfälligen Gesamtdarstellung zu beschreiben. Sie zeigt, dass wir uns längst angewöhnt haben, die analoge Welt als Problem zu beschreiben, dessen Lösung die Digitalisierung sei. Wo der Überwachungskapitalismus in der Vergangenheit institutionell scheiterte, ist er heute umso erfolgreicher. Wo er heute noch als Problemlöser erscheint, ist er morgen schon totalitär.

Zuboff schreibt: So wie die Industriezivilisation auf Kosten der Natur florierte und uns heute die Erde zu kosten droht, wird eine vom Überwachungskapitalismus und seiner instrumentären Macht geprägte Informationszivilisation auf Kosten der menschlichen Natur florieren.

// Leseabend

Moby Dick. Ein Leseabend mit Michael Schikowski

Lesung aus Moby Dick von Herman Melville
200. Geburtstag von Herman Melville am 1.8.2019

In dem Jahrhundertroman Moby Dick erzählt Herman Melville von dem Walfangschiff Pequod, auf dem junge Ismael anheuert. Der Kapitän der Pequod, der besessende Ahab, macht Jagd auf weißen Wal.

Herman Melvilles Moby Dick ist eine Allegorie auf den Kampf des Menschen mit der Natur. Er vereint biblische Motive mit dem Kosmos Shakespeares und ein bedeutendes Kapitel der Wirtschaftsgeschichte mit einer überwältigenden Erzählung.

Melvilles Roman, dem die Anerkennung zunächst versagt blieb, gilt heute als Begründer der amerikanischen Literatur. An diesem Abend werfen wir auch einen Blick auf Melvilles weitere Werke, seine Südsee-Romane, den unvollendet gebliebenen Billy Budd oder den subversiven Bartleby.

Mit freundlicher Unterstützung des Jung und Jung Verlags.

TERMINE:

Monopol Kuppelsaal, Bonn
Mittwoch, den 20. November 2019
Beginn: 20.00 Uhr

´Buchhandlung Der Wunderkasten, Münster
Freitag, den 11. Oktober 2019
Beginn: 20.00 Uhr

 

Zu Michael Schikowski

Bücher zum Leseabend
 

Weitere Leseabende: Jane AustenHonoré de BalzacHeinrich BöllDie Schwestern BrontëDaniel Defoe Charles DickensFjodor DostojewskiGeorge EliotHans FalladaLion FeuchtwangerTheodor FontaneGrimmelshausenThomas MannMark TwainHerman Melville MultatuliRomain Rolland Anna SeghersLew Tolstoi

Historische Leseabende: November 18. Texte zur Revolution in Deutschland„Heeresbericht“. Texte zum Ersten WeltkriegDer Deutsch-Französische Krieg 1870/71NapoleonOktober 17. Texte zur Russischen Revolution / Neuerscheinungen des Jahres