Meine Tage ergeben doch ein Leben

Zsuzsa Bánk
Weihnachtshaus
edition chrismon 2018

Es muss weiter gehen. An dieser Stelle in ihren angefangenen Leben stehen die beiden Frauen in diesem Kurzroman. Ein kleiner Roman in Rückblicken und Ausblicken. Der Tod des Mannes der Erzählerin, die wilde Zeit von Lilli im Rückblick. Und im Ausblick das gemeinsame Wochenendhaus im Odenwald, das die Betreiberinnen eines Cafés herrichten.

Ich habe oft gedacht, wie verrückt es ist, ein Stück Land zu kaufen und ein altes Haus wieder zum Leben zu erwecken, wie verückt von Lilli und mir, zwei Frauen mit zu vielen Verpflichtungen und zu wenigen Freiheiten, ausgerechnt wir nehmen uns vor, ein Haus auf dem Land zu besitzen.

Das Weihnachtshaus ist ein ebenso rührender wie unsentimentaler Roman, so kurz und knapp, wie es eben ist in solchen Situationen, in denen es weiter gehen muss. So heißt es an einer Stelle im Roman:

Ich hatte die Kinder damals angeschaut und gedacht, es geht weiter, mein Leben geht weiter, selbst ohne Clemens kann es weitergehen. Meine Tage ergeben doch ein Leben, trotz allem ergeben sie mein Leben. Ich hatte Lilli angeschaut und gedacht, sie dreht mein Leben weiter, sie dreht mein Leben ohne Clemens weiter.

// Immer schön sachlich

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Das Leid der Anderen

Peter Fischer
Das Unbehagen im Frieden
Die neue Lust am Leid
Claudius 2018

Es braucht eine Generation, Kriegsfolgen zu verarbeiten und eine weitere, die Segnungen der Friedenszeit zu unterschätzen. Kommen noch Konstellationen hinzu, die ein Land außenpolitisch destabilisieren, wird die Lage schnell kritisch. Ein drittes Element aber wirkt dann besonders schnell: eine neue oder ausgeweitete Kommunikationstechnologie.

Alle drei Elemente treten mehr oder weniger vor zwei verheerenden historischen Ereignissen auf. Nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 waren kaum sechzig Jahre vergangen, die außenpolitische Konstellation war in der Krise und das Flugblatt der Brandbeschleuniger. Kurz darauf brach der Dreißigjährige Krieg aus. Im Ersten Weltkrieg lagen die Einigungskriege vierzig Jahre zurück und Presseerzeugnisse standen im Zenit. Dergleichen historische Analogien stehen aber nicht im Fokus dieses Buches.

Der Sozialpsychologe Peter Fischer fragt nach einer anderen historischen Parallele: Was eint die Zuschauer des Leidens – im Kolosseum, vor der Guillotine und im Internet? Warum simulieren Menschen Kriegsszenen am Computer?

In seinem prägnant geschriebenen Essay geht Peter Fischer der Frage nach, ob nicht auch bei uns die lange Phase des Friedens und der Sicherheit eine Sehnsucht nach der Katastrophe begünstigt. Fischer analysiert den Zusammenhang von Langeweile, nachlassender Empathie und Destruktivität.

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Die Frau in der Gesellschaft

Christine von Brühl
Gerade dadurch sind sie mir lieb.
Theodor Fontane und die Frauen
Aufbau 2018

Zur Zeit von Theodor Fontane sind Frauen als Autorinnen noch die Ausnahme. Jeder Name, der nun trotzdem einfällt, ist im Vergleich zur Regel fast ein Einzelfall.

Um durchzudringen, schreiben Frauen wie beispielsweise George Elliot unter einem männlichen Vornamen und noch Anna Seghers verschickte ihr später preisgekröntes Erstlingswerk Aufstand der Fischer von St. Barbara an Kiepenheuer und Witsch unter dem Namen Seghers. Zur Zeit Fontanes schrieben Frauen vor allem zunächst Biografien. Ein Genre, das man ihnen in gewisser Weise zubilligte.

Für seine Tochter, die begabte Martha Fontane, öffnet sich hier keine Türe. Fontane versuchte, schreibt Christine von Brühl, seine Tochter zu protegieren. Eine Novelle, die verloren ging, schickte an den Herausgeber der Frauen-Zeitung. 1917 stürtzte sich Martha Fontane aus dem Fenster.

In einem Nachruf steht: Sie war sein Lieblingskind, dem er durch die Gestalt der Corinna in ‚Frau Jenny Treibel‘ ein dauerndes Denkmal gesetzt hat. Sein Lieblingskind, weil sie, ihre Brüder an Bedeutung überragend, dem Vater das geistig am meisten ebenbürtige Kind war. Christine von Brühl nimmt an, dass der Nachruf von Marthas Bruder Theo Fontane geschrieben wurde.

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Nachgeholte Herkunft

Dorothee Schmitz-Köster
Raubkind
Von der SS nach Deutschland verschleppt
Herder 2018

Wie schreibt man ein Sachbuch, das nicht allein die Sachlagen schildert, sondern zugleich das, was die Sachlagen für die Betroffenen bedeuten. Wenn Klaus B. als Zwanzigjähriger von seinen Eltern per Brief mitgeteilt bekam, er sein nicht ihr leibliches Kind, sondern aus der Nazieinrichtung Lebensborn stamme, ist die eigene Herkunft ohnehin schon ein Problem. Mit den Mitteln des Romans, der Fokalisierung um genau zu sein, gelingt es Dorothee Schmitz-Köster, die tiefe Verunsicherung, das Den-Boden-verlieren von Klaus B. zu vermitteln.

Denn das Buch setzt an dem Tag ein, als Klaus B. von einer Journalistin erfährt, dass diese Geschichte seiner Eltern nicht stimmen kann. Die ältere Schwester hatte inzwischen in einem Interview geschildert, wie Klaus B. in die Familie kam – abgemagert und verwahrlost gekleidet. Dieses Interview lesend, hat sie Zweifel an der Adoption von Klaus B. aus dem Lebensborn. Sie benachrichtigt ihn und vermutet, dass er ein Raubkind ist. Zehntausende Kinder aus Polen und anderen osteuropäischen Staaten wurden von sogenannten ‚Rassespezialisten‘ ausgewählt und von parteitreuen Familien adoptiert. Klaus B. entschließt sich zur Suche nach seinen Wurzeln.