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Die Kunst der schönen Bücher – ein Verlags- und Leseabend mit Michael Schikowski

Die Andere Bibliothek schreibt seit mehr als 33 Jahren Verlagsgeschichte. In ihr gehen Text und Buchgestalt eine sich reflektierende Verbindung ein, die jedes Buch zu einem besonderen Erlebnis des Kopfes und der Sinne machen.

Mit editorischen Großwerken von Humboldt, Forster und Montaigne schrieb die Andere Bibliothek Literatur- und Buchgeschichte. Neben der besonderen Berücksichtigung des Essays und der Reiseliteratur besitzt die Andere Bibliothek einen weiten und offenen Blick für die Literaturen der Welt, der Reportage und Feuilleton einschließt.

Herausgeber der Anderen Bibliothek ist Christian Döring. Er war Lektor bei Suhrkamp und Programmleiter bei Dumont. Der Spiegel bezeichnet ihn zu Recht als „eine der markanten Gestalten des deutschen Buchhandels“. Er wird unterstützt von Ron Mieczkowski im Lektorat und Katja Jaeger in der Herstellung.

   

Am Verlagsabend der Anderen Bibliothek geht Michael Schikowski diesen phänomenalen Erlebnissen aufgrund der einzigartigen inhaltlichen wie handwerklichen Qualität der Bücher nach, er bespricht, erläutert und liest die zuletzt erschienenen Bücher dieser außergewöhnlichen Buchreihe.

Plakat – A1, 59,4 x 84,1 cm Siebdruck und Relieflackierung.

Zu Michael Schikowski

Bücher zum Leseabend

 

Weitere Leseabende: Jane AustenHonoré de BalzacHeinrich BöllDie Schwestern BrontëCharles DickensFjodor DostojewskiGeorge EliotHans FalladaLion FeuchtwangerTheodor FontaneGrimmelshausenThomas MannMark TwainAnna SeghersLew Tolstoi

Zu Einzelwerken: HyperionMoby DickRobinson CrusoeTristam Shandy

Historische Leseabende: November 18. Texte zur Revolution in Deutschland„Heeresbericht“. Texte zum Ersten WeltkriegDer Deutsch-Französische Krieg 1870/71NapoleonOktober 17. Texte zur Russischen Revolution / Neuerscheinungen des Jahres

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Die verkehrte und erzählte Welt

Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen
Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch
Aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts von Reinhard Kaiser
Erfolgsausgabe
Die Andere Bibliothek 2018

Die Erinnerung an den 30jährigen Krieg, der im Jahre 1618 begann, rechtfertigt die Wiederauflage des von Reinhard Kaiser ‚übersetzten‘ Barockromans. Zudem ist er vor genau 350 Jahren, also 1668, zuerst erschienen. Er gilt, wenn man die knapp vierzig Seiten beiseite lässt, die eine achthundertseitige Geschichte des deutschen Romans für die Vorläufer benötigt, nicht ganz zu Unrecht als der erste deutsche Roman. Und ein Antikriegsroman ist er außerdem, zu zeigen, wie Grimmelshausen selbst ankündigt, was Krieg vor ein erschreckliches und grausames Monstrum seye.

Die verkehrte Welt, die umgestürzten Verhältnisse der Städte, der Regierung und Geschlechter geben Grimmelshausen reichlich Gelegenheit, utopische Alternativen zu formulieren. Er schreibt sie gleichsam in diese Brüche, die die Verheerungen des Krieges hinterlassen haben, hinein.

Simplicius Simplicissimus wird aus der bäuerlichen Welt in diesen europäischen Krieg gerissen, wie sein Autor zuvor. Das Ende in der Weltverneinung des Einsiedlers ist allerdings nur vorläufig. Denn der lange abenteuernde Weg des Helden und die barocke Fabulierfreude des Autors haben sich, statt sich selbst aufzuheben, längst selbstständig gemacht. Das Ziel Grimmelshausens ist also nicht dieses Ende, kann es nicht sein, denn ein moralischer Schluss ist erzählerisch ohne Reiz.

Prompt veröffentlicht Grimmelshausen selbst bereits ein Jahr später – bevor ein anderer aufspringt – eine Continuatio des Simpicissimus, die auch die Ausgabe der Anderen Bibliothek enthält. Wer einmal zu erzählen anfängt, hört wohl nicht wieder auf. Die Geschichte des Romans, die bislang auch noch nicht an ihr Ende gekommen ist, zeigt auch das.

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Das erste deutsche Sachbuch

26052856_9783847700180_xlGeorg Forster
Ansichten vom Niederrhein von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich im April, Mai und Junius 1790
Die Andere Bibliothek 2016

„Forster“, so Jürgen Goldstein im Vorwort, „wendet auf die europäischen Staaten jenen kultur- und politikwissenschaftlichen sowie ethnologischen Blick an, den er während seiner Weltumsegelung ausgebildet und anhand exotischer Völker erprobt hat.“ Er sieht die uns selbstverständliche Umgebung mit den Augen, die einen Pinguin oder die Araukarie erstmals zu erkennen, zu erfassen und auschaulich zu beschreiben suchten. Längst ist uns der Pinguin aus dem Zoo vertraut und die Araukarie, ein aus Chile stammender exotischer Modebaum der 1960er Jahre, steht in vielen Vorgärten.

Aus seinen Briefen zum Buchprojekt geht hervor, dass Forster hier nicht allein, worauf Goldstein hinweist, eine Beschreibung der neuen, der revolutionären Zeit im Grenzbereich zu Frankreich zu schreiben unternahm, sondern dass er sich bewusst war, mit den Ansichten einen neuen Typ Buch zu publizieren. Es spricht viel dafür, dass es sich um einen Buchtyp handeln könnte, den man heute vielleicht als Sachbuch bezeichnet.

Dafür spricht zunächst, dass Forster in jedem Fall gelesen werden wollte, darum wählte er den „Briefton“, der von Seume und Börne bis hin zu van Ense und Fürst Pückler von Bedeutung für populäres Schreiben kennzeichnend bleiben sollte. Außerdem versprach er sich von dem Projekt erheblichen Erfolg und einige Einkünfte, die leider ausblieben.

Als Autor entspricht Forster ja ohnehin weniger dem Gelehrten als dem weitläufig gebildeten Intellektuellen, einem ebenso naturwissenschaftlich wie politisch gebildeten Kopf, der vom Schreiben zu leben versuchte. Verwirklicht wurde diese Lebensform in den deutschen Ländern allerdings erst einige Jahrzehnte später, vielleicht zu Beginn des Biedermeier, als Publizistik und beginnende Industrialisierung Autoren ein Auskommen bieten konnten.

Der umständliche Titel allerdings diente der Tarnung als „Expeditionsbericht“ (Goldstein), um an der Aufmerksamkeit der für revolutionäre Umtriebe zuständigen politischen Polizei vorbei, den Lesern „den politischen Wandel Europas“ vor Augen zu führen. Die Besetzung der Rheinlande durch die Armeen der Revolution und Forsters Engagement in der Mainzer Republik ließen das auf drei Bände berechnete Projekt, von dem zwei erschienen, als überholt erscheinen. So blieb es unvollendet.

Nur wenige Jahre nach Forsters Tod beschrieb Friedrich Schlegel den Autor der Ansichten als einen „gesellschaftlichen Schriftsteller“, womit er gewiss auch den Blick Forsters für das soziale Gefüge meinte, in der die Menschen, die Forster in den Ansichten schildert, arbeiten, essen, schlafen und hoffen. Forster gelingt es, die Selbstverständlichkeit, in der sie und mit der sie leben, wie mit fremden Augen zu sehen und zu befragen.

Und auch kann man die Ansichten das erste deutsche Sachbuch nennen, weil es, wie das Sachbuch generell, im Grunde kein Thema flieht, kein Thema des Interesses der Beschreibung für unwürdig ansieht.