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Rohan Kriwaczek
Eine unvollständige Geschichte der Begräbnisvioline
Eichborn 2008
Die ältesten Zeugnisse der Kultur stammen in der Regel aus Grabstätten. So sind Bestattungsriten vielleicht die ältesten und ersten Zeugnisse des Übergangs des Menschen von der Natur zur Kultur. Kurz darauf fand sich auch der erste Experte gewerblicher Eingrabungsarbeiten ein, der Bestatter, dem dann nur wenige tausend Jahre später der Experte für die Umkehrung folgte, der Archäologe. Zur Beerdigung gehörte schon früh semiprofessionelles Musizieren am Sarg, im Altertum die Flöte, im Mittelalter der Gesang und bald nach ihrer Einführung im Barock die Violine.
In Rohan Kriwaczeks Buch Eine unvollständige Geschichte der Begräbnisvioline wird nun die Kulturgeschichte der Begräbnisviolinenmusik, der Begräbnisviolinenkompositionen und der Begräbnisviolinenmusiker erzählt. Ein Buch, das in ebenso ernsthafter wie komplett erfundener Weise ein vernachlässigtes Kapitel unserer Kulturgeschichte präsentiert. Da es für alles bereits Experten gibt – selbst für Ein- und Ausbuddeln – hat sich Kriwaczek sein Gebiet, auf dem er sich als unbestrittener Experte präsentieren kann, kurzerhand selbst erfunden. Damit haben wir hier das seltene Beispiel eines fiktionalen Sachbuchs. Um die Faktizität des Fiktionalen komplett zu machen, präsentiert der Autor dessen Anblick allein schon einen den Schreck in die Glieder fahren lässt, im Internet Hörproben, die den am Sarg Trauernden dem Toten bald nachfolgen lassen. Hier der Link zum Spuk.
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Joe Boyd,
White Bycicles
Kunstmann 2007
In diesem Buch des Musikproduzenten Joe Boyd bekommt man nichts weniger erzählt als die Geburt des Rock. Neben der Richtigstellung einiger Mythen (Pete Seeger hackte nicht das Kabel der E-Gitarre von Bob Dylon durch!), erfährt man fast alles über den Unterschied der Musikkultur von Amerika und England – nur in England verursachte der Konsum von Dope die charakteristischen Haschischbrandflecken auf dem LP-Cover – und die Entstehung und den Arrangements der Platten von Nick Drake, über die ich dann mit meinem Nachbarn plauderte. All dies und weitere zahllose Einzelheiten erzählt Joe Boyd wunderbar leicht, nebenher und lässig. Nur aus aktuellem Anlass sei hinzugefügt: Boyd benötigt gerade mal fünf unaufgeregte Seiten seine Erfahrungen und Erkenntnisse über die grausliche Scientology-Sekte mitzuteilen. Der Umgang mit Musikern und Musik macht nun wirklich cool und vielleicht auch weise.
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Mariusz Szczygiel
Gottland,
Suhrkamp 2008
Von Hanna Krall und Ryszard Kapuscinski habe er alles gelernt, sagt der polnische Reporter Mariusz Szczygiel einmal. Seit 1989 schreibt er für die polnische „Gazeta Wyborcza“ große, preisgekrönte Reportagen. Szczygiel sagt über die Reportage: „Eine gute Reportage muss überraschen und darf nicht vorhersehbar sein. Sie muss viele Details aufweisen, die es dem Leser einerseits erlauben, dem Hauptprotagonisten sehr nah zu kommen“. Ein Satz, den man hierzulande fast als unseriös zurückweisen würde, denn fälschlicherweise identifiziert man dergleichen mit szenischem Erzählen, Kino irgendwie und dann gleich mit leichter Kost aus Amerika. Ein verbreiteter Dreisprung daneben, vor allem unter denjenigen, die die Sachen hochhalten und reinhalten wollen und dabei jedes Nähertreten und Näherkommen verhindern. Dann sagt Szczygiel noch: „Ein weiteres Merkmal einer guten Reportage ist, dass sie manchmal auch schmerzlich nachwirkt, wie ein guter Film oder Roman.“ So und nicht anders ist es bei all seinen Reportagen oder Erzählungen über das Leben im vorkommunistischen, kommunistischen und nachkommunistischen Tschechien. Reportagen über Lida Baarová, Goebbels Geliebter, dem Erbauer eines monströsen Stalin-Denkmals oder Karel Gott, dessen Museum „Gottland“ sich eine weitere Reportage widmet. Oder die Geschichte des Schusters Tomás Bata. Was für eine Schule des Erzählens durch bloßes Näherkommen oder schlichtes Einlassen.