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Das alte Möbel Sachbuch und der kulturelle Anstrich – eine Aufsatzsammlung

Vom Erstanstrich eines in Jahre gekommenen Möbels bleibt in der Regel nichts. Mehrfach überstrichen oder so gesprungen und abgriffen, dass das Stück nur noch für den Geräteschuppen taugt, wird es vielleicht auf dem Trödelmarkt wiederentdeckt und schließlich so gründlich abgebeizt, dass von der Farbe des ersten Anstrichs nur winzige Reste bleiben. So geht es allen Oberflächen. Sie sind uns nahe und werden nicht geschont, und auch darum kann man sie bald schon nicht mehr sehen.

Das populäre Sachbuch ist auch so ein oberflächlicher Anstrich der kulturellen Möblierung und wenn es in die Jahre kommt, ist es manchmal unwiederbringlich verloren. Wie der wunderbare, von Annett Gröschner wiederentdeckte Valeriu Marcu oder Herbert Paatz über den Tilman Spreckelsen schreibt. Sie sind vergessen. Wenn man will, kann man sagen, sie sind übermalt, denn ihre Themen und Bücher wurden neu geschrieben, neu getitelt und mit einem neuen Umschlag versehen. Manchmal sind sie auch ins Säurebad der Entnazifizierungsbemühungen gekommen, wie der von Andy Hahnemann im Briefwechsel mit seinem Verleger vorgestellte Anton Zischka. Diese Texte sind jetzt nachzulesen in dem Sammelband Sachbuch und populäres Wissen im 20. Jahrhundert , der auf eine Tagung aus dem Jahr 2006 an der Humboldt-Universität Berlin zurückgeht.

Den bekannteren Namen wie Egon Erwin Kisch oder Sebastian Haffner (über die Erhard Schütz bzw. Carsten Kretschmann schreiben) nähert man sich nun unter dem Gesichtspunkt dessen was man faktographisches Erzählen nennt. Das ist zu wenig. Man fragt sich sofort, wo bleiben Aufsätze zu Rüdiger Safranski, Barbara Beuys und Dieter Hildebrandt, um nur einmal das ungekrönte Dreigestirn des populären Sachbuchs aus dem Hanser Verlag zu nennen. Überhaupt wünscht man sich noch viel mehr über die Macher des Sachbuchs. Hier ist zunächst nur etwas über Karl Robert Langewiesche (Katrin Völkner) zu erfahren.

Der Zugriff auf Sachbücher erfolgt einmal durchaus inhaltlich, wenn über das paläoanthropologische Sachbuch (Oliver Hochadel), das literarturgeschichtliche Sachbuch (Stephan Porombka), das Textilsachbuch (Julia Berschik) oder das maritime Sachbuch (Patrick Ramponi) geschrieben wird. Oder man sucht sich den Zugang von einer Gattungspoetik her, wenn der Blick auf Biographien (Martin Nissen), die Ratgeberliteratur (Timo Heimerdinger und Ingrid Tomkowiak), den Science-Fiction (Robert Matthias Erdbeer) oder den Essay (Christian Schärf) konzentriert wird.

Unbezweifelbar bleibt, dass die Wurzeln des Sachbuchs im 19. Jahrhundert liegen, in dem eine Hinwendung zur Unterhaltung (Hans-Otto Hügel), eine neue Form der Rundschaupublizistik (Erdmut Jost) und der Topos des Erhabenen (Safia Azzouni) die Entstehung dessen, was wir heute erst seit den 60ern Sachbuch nennen, vorbereitet.

Schön, dass es nun diese Sammlung als Einstieg gibt. Sie zeigt auch wie tief mitunter das Oberflächliche liegen kann, wenn nur wenige Jahre vergangen sind, und wie tief uns heute dasjenige erscheinen mag, von dem wir schlicht vergessen haben, dass es einmal populär, oberflächlich, eben ein Sachbuch war.

Diese Sammlung lehrt einen anderen Blick auf Opas Bücherschrank und einen neuen Gang durch Antiquariate. Auch wird durch dieses Buch unsere Bereitschaft erhöht, auf dem nächsten Vorstadtflohmarkt, zwischen abgenutzten und übermalten Möbeln, doch die eine oder andere Kniebeuge für die Durchsicht solcher Bücherkisten zu absolvieren, wie sie der Umschlag von Tim Sparenberg auf dem Band zeigt.

Andy Hahnemann/David Oels (Hrsg.) Sachbuch und populäres Wissen im 20. Jahrhundert. Peter Lang, Frankfurt 2008