Ein Roman für alle

 

 

 

Oyinkan Braithwaite
Das Baby ist meins
Blumenbar Verlag 2021

Oyinkan Braithwaite kann einfach erzählen und dabei zugleich knapp bleiben. Ideal für Lesewiedereinsteiger. Ein Roman, der in Nigeria spielt, aber kein nigerianischer Roman. Ein Roman, der mit dem ersten Lockdown beginnt, aber kein Corona-Roman. Dann findet sich in ihrem Buch auch noch eine großartige und unerwartete Variante des salomonischen Urteils.

Hörprobe aus dem Buch:

// Immer schön sachlich

// MÜLHEIMER LITERATURCLUB

Rückblick

Herbst 2021

692 – Lyrischer Landgang
mit Christoph Danne und Adrian Kasnitz
3. Oktober 2021

Sommer 2021

2. Kölner Literaturnacht
Moderation Michael Schikowski

Die Kunst zu lesen – mit Frank Berzbach
Hier fegt man die Straßen mit Rosensträußen – mit Roswitha Haring und Sabine Schiffner
A. P. Petermann – Das literarische Köllektiv
Schreiben zwischen Himmel und Hölle – Benedikt Gollhardt und Christoph Gottwald
Wölfe vor der Stadt – mit Ulrike Serowy
19. September 2021

Trauma
Christoph Wortberg im Gespräch mit Michael Schikowski
22. August 2021

Köln liest
Schrankszenen von Manuel Moser und Bühnenprogramm der Comedia Köln
12. August 2021

Iss das jetzt, wenn du mich liebst
Bianca Nawrath im Gespräch mit Pia Ciesielski
8. August 2021

Kein schöner Land – Die Brüder Zuccalmaglio
mit Peter Bach, Claudia Sledz, Rainer Schrapers und Michael Schikowski
25. Juli 2021

Tove Ditlevsen – Die Kopenhagen-Trilogie
mit Lis Nørgaard und Michael Schikowski. Klavier: Rainer Schrapers
3. Juni 2021

 

Winter 2020/21

Die Tapferkeit des Stephen Crane
Andreas Kollender und Günther Butkus über das Werk von Stephen Crane
1. November 2020

Von hier sein. Die Sprache der Migration.
Ein Abend mit Musa Deli und Amir Shaheen. Moderation: Bernhard Schmidt
11. Oktober 2020

 

Sommer 2020

Irisches Tagebuch von Heinrich Böll – Lesung mit Musik von Celtic Circle
Celtic Circle: Nelah Moorlampen, Mathias Hudelmayer, Gesa Koslowski, Lesung: Michael Schikowski
23. August 2020

Rheinblick von und mit Brigitte Glaser
Gesang: Claudia Sledz, Gitarre: Thomas Karas, Moderation: Michael Schikowski
2. August 2020

Nach vorn nach Süden von und mit Sarah Jäger
Moderation und Gespräch: Carina Hilbrand
5. Juli 2020

Jane Austen – Lesung
Lesung: Michael Schikowski, Fanshop: Buchhandlung Baudach
21. Juni 2020

 

Winter 2019/20

Köln 300°C – der neue Köln-Krimi
Lesung, Signierstunde und Gespräch mit dem Autoren Marco Hasenkopf
1. März 2020

Was soll aus dem Jungen bloß werden? Oder: Irgendwas mit Büchern
Lesung: Michael Schikowski
12. Januar 2020

Und wir sehen schon den Stern
ein festlicher Abend mit den Dellbrücker Symphonikern
15. Dezember 2019

Die schönen Seiten des Lesens – neue Bücher
vorgestellt von Carina Hilbrandt, Carina Giesen und Pia Ciesielski
1. Dezember 2019

Heinrich Böll
ein Leseabend mit Michael Schikowski
10. November 2019

Der Launenweber Verlag aus Köln
mit Christian Berglar und Salvatore Tufano, Lesung: Barbara Böhler.
13. Oktober 2019

Der Wert der Arbeit
Anette Dowideit im Gespräch mit Bernhard Schmidt
29. September 2019

// Bücher

Brief an den Heimatminister

Kathrin Gerlof
Nenn mich November
Roman
Aufbau 2018

Das Land war einmal der zurückgebliebene Raum. Nun ist es der Raum, der industriell vollkommen erschlossen ist. Ein Raum, aus dem die Natur, die Tiere vor allem, in die Stadt ausweichen, weil nichts als Mais angebaut wird, für die Biogasanlagen von Kramer. Kramer ist der eine Großbauer, der andere ist Schulz. Was Marthe nur fehlt, ist das Internet. Dafür muss man auf eine Anhöhe in der Nähe.

Marthe und David Lindenblatt sind in der Stadt gescheitert und ziehen in ein Dorf von siebzig Seelen, in das alte Schusterhaus, das ihnen Tante Wally hinterlassen hat. Gescheitert sind sie an der bloß verbalen Aufgeschlossenheit der Städter für ökologisches Handeln. Auf sie bezogen haben sie ihr Geld in biologisch abbaubares Einweggeschirr investiert – mit der städtischen Verhaltensstarre nicht rechnend, die sie auf dem produzierten Geschirr sitzen bleiben lässt.

Das Leben ist einfacher, als die meisten glauben. Wenn man Grundsätze hat. Marthe weiß es. Sie hat. Ich habe nicht umsonst einen ganzen Tag damit zugebracht. Wann war das? Vor zwei Jahren.

Da kamen sie und ihr Mann auf die Idee, kompostierbares Wegwerfgeschirr zu produzieren. Kathrin Gerlof wechselt die Fokalisierung der Erzählung mitten im Satz. Ein Stilmittel, das den Perspektivwechsel deutlich markiert. Und statt Marthe hören wir dann von der Frau, die sich November nennt. Wir wechseln von der Stadt aufs Land, von Marthe zu November.

Marthe, die fahrig redende Städterin, erinnert die Dörfler an einen Mann, der eine Bibliothek besaß. Ein Studierter, wie es dann weiter heißt, der tatsächlich im Dorf geblieben war und Woche für Woche an die Universität der Bezirksstadt fuhr. Ein Germanistikprofessor, dem die meisten mit einer Mischung aus Skepsis, Unverständnis und jener Arroganz der werktätigen Bevölkerung begegneten, wie sie dieser kleine Staat gezüchtet hatte.

// Bücher

Willkommen bei den Quendels

Caroline Ronnefeldt
Quendel
Ueberreuter 2018

Zwischen den Dörfern Grünlohe und Wetterstern im Hügelland liegt der Finster, ein dichter, undurchdringlicher Wald, den kein Quendel aufsucht. Denn ein Quendel ist nicht neugierig, er genügt sich selbst und lebt mit sich und der Welt im Reinen, im Hügelland in einer Schleife des Flusses Kaltwasser. Quendel ist auch der Name des Feldthymians auf Wiesen und Feldern und gut möglich, dass Caroline Ronnefeldt meinte, dass zu diesem schönen Namen eine Geschichte gehört.

Die Karte des Hügellands, die Caroline Ronnefeldt, eine Naturillustratorin mit Fabulierlust, für den Vorsatz des Buches gezeichnet hat, verspricht noch weitere spannende Schauplätze nachfolgender Bände, Orte wie Rabenstein, Finklage und Bäumelburg. Nicht ohne Pointe ist daher, dass es zwei Karten sind, die die Helden dieser Fantasy-Saga in den Finster hinein- und auch wieder hinausführen. Bullrich Schattenbart aus Grünlohe treibt die Neugierde des Kartographen in den Finster, in dem er prompt verschwindet. Der Suchtrupp, der aus Hortensia Samtfuß-Krempling, Karlmann Hallimasch, Odilio Pfiffer und Zwentibold Bitterling besteht, findet mittels der Karte des Boso Reizker wieder hinaus.

Bücher, die ihre Leser zunächst in den Rhythmus des Buches hereinholen wollen, haben es schwer. In einer Gegenwart, in der alles auf Überraschungen ausgerichtet ist, alles der Vertreibung der Langeweile dient, wird hier der lange Atem kultiviert. Keine schnellen Wendungen, sondern große absehbare Bögen. Bücher als Schutzräume, die von allen Außenreizen kraftvoll abschirmen und ein wohliges Abtauchen ermöglichen.

Wer als Illustratorin so genau hinschaut wie Caroline Ronnefeldt bleibt sprachlich nicht zurück. Hier gibt es kein flüssig und flüchtig erzähltes Kopfkino. Caroline Ronnefeldt verwendet unverdrossen die Begriffe, die sie zur Beschreibung von Landschaft und Natur nun einmal braucht, und erzählt – das Buch erzählt gerade mal einen Tag – genau und naturnah.

Die Welt der Quendels ist eine unterkomplexe, bäuerliche Welt in Eintracht mit der Natur – Hund (Trautmann) und Katze (Reizker) sind treue Gefährten. Die Quendels leben mit dem Finster als monströsen blinden Fleck ihrer durch und durch freundlichen Behaglichkeit, er ist der schaurige Urgrund ihrer interesselosen Beschaulichkeit. So klar geschieden ist allerdings auch die Quendelwelt nicht und somit ist das Abenteuer des zwielichtigen Eigenbrötlers Fendel Eichhase eine erzählerisch großartig entwickelte Passage des Buches.

Allein, wo Komplexität fehlt, bleiben nur binäre Verhältnisse. Es wird also ungemütlich und die abgespaltene Gegenwelt macht sich bemerkbar: Niemand, der von dort stammte, war aus Fleisch und Blut, aber sehr viel mehr als ein bloßer Schatten; die Gestalt gewordene Erinnerung an ein einstmals lebendiges Wesen und verdammt zur ewigen Wanderschaft in den Schattenlanden, am Rand der wirklichen Welt. So ist dieses Buch der heilen Quendelwelt für die schreckhaften Qendels wie die Leser ein veritabler Schauerroman.