Wir sind Verhaltensdaten

Shoshana Zuboff
Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus
Campus 2018

Vielleicht ist es eine der größten Irrtümer in der Diskussion über den Buchhandel, dass es sich bei Amazon um einen Buchhändler handelt. Nicht, weil dieses Unternehmen nur online handelt, nicht weil es sehr groß ist, sondern weil es ein grundsätzlich anderes Geschäftsmodell hat, als das der Buchhändler. Buchhändler handeln mit Büchern. Amazon handelt mit Daten, die durch den Kauf u.a. von Büchern entstehen.

Der andere große Irrtum in der Diskussion der Digitalisierung ist ihre Erzählung als Befreiungsgeschichte. Die allerdings beruht eigentlich nicht auf einem Irrtum, sondern auf gezielter Desinformation. Das lässt sich an den Versuchen der Bargeldabschaffung durch Paypal, WeChat oder Amazon Go besonders deutlich machen. Gegen solche Erzählungen hilft nur der Rückgriff auf große Texte. In diesem Fall Georg Simmels Philosophie des Geldes, in dem er das Geld als Medium der Befreiung schildert. Wir geben es aus wo und wann wir wollen und sind niemandem Rechenschaft schuldig.

Das Wesen des Überwachungskapitalismus aber ist, alle gesellschaftlichen Prozesse so lange zu problematisieren – im Falle von Geld ist immer die Rede von Schwarzgeld, Drogengeld und der Mafia – bis ihre Digitalisierung als die einzig vernünftige Lösung erscheint. Probleme werden als solche also gar nicht in den Blick genommen, sondern nur im Hinblick darauf, dass sie digitalisierbar werden. Ist dies erreicht, wird deutlich, dass der eigentliche Sachverhalt für die Digitalkonzerne jedes Interesse verliert, denn er ist nur die Oberfläche des darunter verborgenen Zwecks: Lieferanten von Verhaltensdaten zu sein.

Shoahana Zuboff hat es nun unternommen, die lange Entwicklung des Überwachungskapitalismus in einer fulminanten und überfälligen Gesamtdarstellung zu beschreiben. Sie zeigt, dass wir uns längst angewöhnt haben, die analoge Welt als Problem zu beschreiben, dessen Lösung die Digitalisierung sei. Wo der Überwachungskapitalismus in der Vergangenheit institutionell scheiterte, ist er heute umso erfolgreicher. Wo er heute noch als Problemlöser erscheint, ist er morgen schon totalitär.

Zuboff schreibt: So wie die Industriezivilisation auf Kosten der Natur florierte und uns heute die Erde zu kosten droht, wird eine vom Überwachungskapitalismus und seiner instrumentären Macht geprägte Informationszivilisation auf Kosten der menschlichen Natur florieren.

// Immer schön sachlich

// Bücher

Jacobs Kaffee wunderbar

Louise Jacobs
Café Heimat
Die Geschichte meiner Familie.
Ullstein 2007

Louise Jacobs stammt tatsächlich aus dem Clan der Kaffeeröster aus Bremen. 1906 gründete Johann Jacobs die Kaffeerösterei, aus der Walther Jacobs, sein Sohn, im Wirtschaftswunder eine Weltmarke machte.

1970 übernahm Klaus Jacobs die Leitung, fusionierte 1982 mit Suchard und Tobler in Zürich. Das war auch das Jahr, in dem Louise Jacobs geboren wurde. 1990 verkaufte Klaus Jacobs dann das Unternehmen in die USA. Und was macht Louise Jacobs daraus, einen sehr erfolgreichen Tatsachenroman. Denn Louise Jacobs erzählt die Geschichte ihrer Familie mit vielen imaginierten Dialogen. Die Schauplätze dieser Familien- und Wirtschaftsgeschichte gestaltet sie in stimmigen Tableaus, in denen das Landleben, Bremer Kaufmannsstolz und sephardisches Judentum anschaulich wird. Was ihr fast immer gelingt.