Schwierigkeiten mit der Heiligsprechung

 

 

Louise Erdrich
Die Wunder von Little No Horse
Aufbau 2019

Mit Liebeszauber (atb 3525) begann Louise Erdrich ihre Romane über das Chippewarereservat. Darauf folgte die Rübenkönigin und nun, von Gesine Schröder übersetzt, Die Wunder von Little No Horse.

Im Mittelpunkt des Romans steht Pater Damien Modeste, dessen Leben als Agnes DeWitt begann und die im Alter nun zur Heiligsprechung von Schwester Leopolda Stellung nehmen soll. Eine Schwester, die ihr Leben im Reservat als Pauline Puyat begann.

Die Welt der Ojibwe wird von Louise Erdrich so lebensecht gestaltet, dass sie den Verehrern der Indianer, die sie als bessere Menschen betrachten, vor allem was die Geschichten um Nanapush angeht, fast als Beleidigung erschien.

Der Erfolg der katholischen Mission unter den Stämmen der Reservate verdankt sich vermutlich der geografischen Verbindung nach Kanada, das französisch und daher katholisch beeinflusst ist. Hinzu kommt die Abgrenzung gegenüber den eher anglikanischen und freikirchlichen weißen Amerikanern, die wie Louise Erdrich an der Figur des rücksichtslosen Mauser zeigt, die Reservatsindianer wo es nur geht, um ihr Land betrügen.

Schließlich kommt die animistische Vorstellungswelt der Ojibwe den eher bunten katholischen Heiligenvorstellung erheblich näher, als die farblose Strenge der Puritaner. Vielleicht könnte man sagen, dass seit Heinrich Böll nicht mehr so katholische Romane wie die von Louise Erdrich bei einem säkularen Verlag erschienen sind. Das Katholische ist in der Welt der Louise Erdrich allerdings ebenso weit gefasst, wie das Indianische menschlich.

// Immer schön sachlich

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Verstehen und verschleiern – kulturelle Unterschiede als politische Instrumente

Joana Breidenbach im Gespräch über Kulturkämpfer
und gängige Irrtümer der Migrationsdebatte

Dienstag, den 6. Mai 2008, 19.30 Uhr,
Heinrich-Heine-Buchhandlung, Essen, Viehofer Platz 8

Mittwoch, den 7. Mai 2008, 20.00 Uhr,
Der Andere Buchladen, Köln, Ubierring 42

Joana Breidenbach beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit Globalisierung und Migration. 1998 veröffentlichte sie „Tanz der Kulturen“, eine Replik auf Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“. Sie hat die ganze Welt bereist, unter anderem als Expertin für das Goethe Institut, das Auswärtige Amt und das Bundespräsidialamt gearbeitet und schreibt für brand eins, GEO und FAZ. Gerade veröffentlichte sie das Buch „MAXIKULTI – Der Kampf der Kulturen ist das Problem – zeigt die Wirtschaft uns die Lösung“.

Moderation: Michael Schikowski

Weitere Neuerscheinungen, die vorgestellt und besprochen werden: Mina Ahadi, Ich habe abgeschworen (Heyne), Elie Barnavi, Mörderische Religion (Ullstein), Jason Burke, Reise nach Kandahar (Patmos), Youssef Courbage, Emmanuel Todd, Die unaufhaltsame Revolution (Piper), Christine Hoffmann, Hinter den Schleiern Irans (Dumont), Peter Scholl-Latour, Zwischen den Fronten (Propyläen), Kerstin E. Finkelstein, Wir haben Erfolg. 30 muslimische Frauen in Deutschland (Fackelträger)

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Das Sachbuch als Zeitraffer

Peter Wende
Das britische Empire
Beck 2008

Ich verlange von Sachbuchautoren ja nicht immer und überall die Erzählung aus eigenem Erleben. Wie sollte das bei historischen Stoffen auch möglich sein? Ich gehe allerdings auch jede Wette ein, dass Peter Wende keinen blassen Schimmer davon hat, welche Manöver dazu gehören, ein feindliches Segelschiff zu kapern.

Das britische Empire ist ein durch und nur durch die Seefahrt errichtetes Empire. Wenn er es also doch weiß, halte ich es für absolut unverzeihlich, dass er uns das nicht mitteilt. Mein Urteil: Schicken wir ihn als Fischfutter über die Planke!
Doch wir wollen gnädig sein. Es rettet ihn etwas. Er bedient eben nicht unsere szenische Detailversessenheit, sondern versucht im Gegenteil etwas ganz anderes: die Schilderung der Entwicklung des britischen Weltreichs auf gerade mal 350 Seiten. Es ist diese Art Zeitraffer, die die besondere Bedeutung des Buchs ausmacht. Denn wenn der Autor gar nicht das Ziel hatte, jedes Detail zu schildern, wie kommt er dann möglichst schnell um die nächste Ecke, an der wir bereits wieder ein paar Jahrzehnte weiter sind? Im Hintergrund von nur wenigen Sätzen dieses Buches, das glaube ich, sind unzählige Details verarbeitet; dass wir diese nicht erzählt bekommen, hat nichts damit zu tun, dass Peter Wende sie nicht doch parat haben könnte. Aber schade ist es doch!
Das Sachbuch von Peter Wende als Zeitraffer ist also auch Zeitkunst und darum dem detailversessenen Leser, wie ich einer bin, und übrigens auch dem detailversessenen Nutzer des Internets haushoch überlegen.

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Der Mann mit der Mütze

Jacques Cousteau
Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus
Campus 2008

Als ich ein kleiner Junge war, bekam ich ein Buch von Jacques Cousteau geschenkt, an das ich mich noch heute erinnere. Während aber andere, und zwar sehr, sehr viele durch Jacques Cousteau ihre bis heute andauernde Leidenschaft für’s Tauchen entdeckten, beeindruckte mich vor allem Cousteaus Erzählung von den Wein-Amphoren – ich war schon früh an Experimenten, die mit Alkohol zu tun hatten interessiert – von römischen Wein-Amphoren, die er aus dem Mittelmeer fischte, und – natürlich nur aus wissenschaftlichem Interesse am Zustand des Weins interessiert – gemeinsam mit seinen Begleitern verköstigte. – Na ja, wie man weiß, überlebten sie.
Jacques Cousteau beeindruckte vielleicht auch darum so viele, weil er die Träume in die Realität umsetzte, die wir alle bei Jules Verne träumten. Doch geht Jacques Cousteau weit über Jules Verne hinaus, denn in ihm verbindet sich die Begeisterung für Technik mit dem Naturschutz.
Jacques Cousteau widmete sein Leben der Welt der Meere, zu deren Entdeckung und Erforschung am Anfang kaum die einfachsten technischen Voraussetzungen erfüllt waren. So entwickelt Jacques Cousteau die Aqualunge und den Trockenanzug.
An vielen Stellen des Buches aber geht es genau nicht um wilde Abenteuerlust, bei der man sich zum Beispiel mit verdorbenen Wein aus römischen Amphoren vergiftet oder mutwillig einem Haiangriff aussetzt. Vielmehr – und da verbinden sich bei Cousteau Forschung und Natur, Neugier und Respekt – vielmehr geht es ihm immer wieder um die realistische Abschätzung des Risikos. Die kritische Abschätzung des Risikos in Hinsicht technischer Innovationen, die Cousteau zu einem der ersten und erfolgreichsten Umweltschützer macht, und im Alltag eines Tauchers bei den Kapverdischen Inseln.