Welche Erleichterung

 

 

Stephen Graham
Die Kunst des stilvollen Wanderns
Ein philosophischer Wegweiser
HarperCollins 2020

Welche Erleichterung, der Rolle des Wählers und Steuerzahlers, des Experten für Messingantiquitäten, des Bruders eines Experten für Messingantiquitäten, des Autors eines Bestsellers oder Onkels des Bestsellerautors zu entfliehen. Welche Erleichterung, eine Zeit lang kein Verwaltungsbeamter der Besoldungsgruppe soundso mehr zu sein, der die höchste Beförderungsstufe bereits erreicht hat, nicht mehr nach dem Einkommen oder Gold-Handicap beurteilt zu werden. Ohne Zweifel ist es ein köstlicher Augenblick, wenn der Gärtner, der einen in Wanderkluft daherkommen sieht, nicht zum Gruß an den Hut tippt, wenn man an ihm vorübergeht. Es wäre ein Fehler, sich in nagelneuen Kniebundhosen, Sportjackett, Krawatte und juwelenbesetzter Krawattennadel, mit Gamaschen und einem Stock mit silbernem Knauf in die Wildnis aufzumachen. Die Visitenkarten sollte man ebenfalls zu Hause lassen und versuchen, das Haus mit den drei Etagen zu vergessen. (Stephen Graham, S. 15)

// Immer schön sachlich

// Bücher

Die Autorität altehrwürdiger Akademiker

Richard Rorty
Philosophie als Kulturpolitik
Suhrkamp 2008

Es gibt eine wunderbare akademische Textgattung, die die üblichen Regeln wissenschaftlichen Schreibens in dieser Form nicht einhalten muss, und deshalb in der Lage ist, den Akademikern in unterhaltsamer und bisweilen eindringlicher Weise ihre Eigentümlichkeiten und vermeintlichen Verfehlungen vorzuhalten. Ich spreche von den Essays altehrwürdiger akademischer Autoritäten. » weiter lesen

// Bücher

Kolportage und Reportage

Volker Weidermann
Das Buch der verbrannten Bücher
Kiepenheuer & Witsch 2008

Flott erzählt ist ein recht zwiespältiges Lob, ungefähr so wie ältere Damen das Kompliment einer flotten Frisur machen. Es ist aber so, das Buch von Volker Weidermann über die verbrannten Bücher. Flott und schnell, wie die letzten Jahre der Weimarer Republik.
Schnell und scharf war das, was Hans Sahl Abträgliches über Emil Ludwig zu hinterbringen wußte, was Thomas Mann Perfides über Arthur Holitscher zu schreiben verstand und was Kurt Tucholsky an fast alle anderen auszusetzen hatte. Wir lesen es bei Weidermann alles nochmals, womit dann wieder mancher glauben mag, Ludwig, Holitscher und viele andere lohnten es nicht, gelesen zu werden.
Auch ist dieses Buch, das sich als Dokument gegen das Vergessen vorstellt, nicht selten genau darin zwiespältig, insofern allzuviele Bücher von Weidermann als vollkommen zu recht vergessen erklärt werden. Dies betrifft vor allem die Romane und liegt u.a. auch daran, dass Weidermann grundsätzlich alle Autoren der ersten schwarzen Liste der „Schönen Literatur“ beschreibt. Was dann allerdings gelegentlich dazu führt, dass er nur daran erinnert, etwas zu vergessen.
Jedoch bei Weidermann finden sich nicht weniger als dreissig Sachbücher, auch wenn er selbst nur Heinrich Eduard Jacobs Sage und Siegeszug des Kaffee als Sachbuch bezeichnet – vermutlich aber deshalb, weil dieser bekanntermaßen von sich behauptete, der Erfinder dieser Gattung zu sein.

Die Urteile damals und heute machen Weidermann nicht weiter strubbelig, denn von ihm wird nichts gegen den Strich gekämmt, nichts umfrisiert, nichts anders gescheitelt. Die Innung ist’s zufrieden.

In diesem Zusammenhang auch der Hinweis auf Jürgen Serke, den Weidermann „Reporter“ nennt und der bereits 1976 begann, die verbrannten Dichter und Dichterinnen aufzusuchen und über ihre Bücher und ihr Schicksal Reportagen schrieb, diese dann aber in einem sehr erfolgreichen Buch veröffentlichte. Dergleichen blieb für den Nachruhm einiger Autoren nicht folgenlos, wie zum Beispiel Irmgard Keun, der Serke laut Weidermann „sonderbar umjubelte letzte Lebensjahre beschert“ habe, ein nicht kleines, sondern wunderbares Verdienst Jürgen Serkes. Als Dauerausstellung „Himmel und Hölle“ ist seine Sammlung nun im Museum Baden in Solingen-Gräfrath zu besichtigen. Den Schriftstellerinnen widmet sich übrigens das Buch „Die verbrannten Dichterinnen“ von Edda Ziegler, Artemis & Winkler 2007

// Bücher

Keine Angst vor Fachbüchern

Gerhard Schulz
Kleist
Eine Biographie
Beck 2007

Gerhard Schulz ist emeritierter Professor für deutsche Sprache und Literatur. Ist darum sein Buch schon ein Fachbuch? Vielleicht. Gilt er doch als der beste Kenner der deutschen Literatur der Goethezeit. Schulz ist Autor von so genannten Standardwerken. Das muss uns im Grunde nicht weiter aufhalten. In den sanitären Anlagen der Universitäten kursiert dazu der hilfreiche Sinnspruch: Keine Angst vor Fachbüchern, ungelesen sind sie harmlos. Und eine Biografie, die auf lebenslanger Forschungsarbeit fußt, ist, wie Schulz beweist, den Widersprüchen eines Lebens, wie Kleist es führte, jederzeit gewachsen.