Familienaufstellung mit Todesfolge

Vivek Shanbhag
Ghachar Ghochar
Roman
Aufbau 2018

Familien haben ihre eigene Sprache und ihr eigenes Schweigen. Über ein Band, das sich verheddert hat, sagt Anita, die junge Braut des Erzählers, es sei ghachar ghochar. Am nächsten Tag greift er das auf: Sie hatte mir diese geheimen Worte, die in keiner Sprache existierten, anvertraut, und ich war jetzt einer der einzigen fünf Menschen in der Welt, die wussten, was sie bedeuten.

Es sind Gewohnheiten und Begriffe, um die herum sich eine Familie ordnet. Chikkappa, der Ernährer der Familie, greift später im Roman die Spitznamen auf, die er sich für jedes Familienmitglied ausgedacht hat. Die junge Braut ist verreist. Das lockerte, wie der Erzähler mitteilt, die Knoten in uns auf, die sich über die Jahre immer fester gezogen hatten.

In einem Café reflektiert und erzählt der junge Mann über die Ordnung, die sich seine Familie gegeben hat und die seine junge Braut nicht einfach akzeptiert. Er einnert sich der Ereignisse in der Familie, der Heirat, die kleinen Streitereien und den großen wirtschaftlichen Erfolg der Familie, der vor allem Chikkappa zu verdanken ist.

Scheherazade erzählte um zu leben. Dieser Erzähler erzählt geduldig und gelassen, warum seine Braut vermutlich nicht zurückkehren wird, warum sie vielleicht sterben wird, warum in der Familie darüber kein Wort verloren wird. Und wir erschrecken, wir sind die Komplizen.

// Immer schön sachlich

// Bücher

Beobachten und beschreiben

Douwe Draaisma
Geist auf Abwegen
Eichborn 2008

Draaisma schreibt hier nichts weniger als das Lexikon der Eponyma der Nervenkrankheiten. Ein Eponym ist ein Eigenname, der zu einem Gattungsnamen geworden ist. Alzheimer zum Beispiel. Der Vorname nicht nur, die ganze Biografie, manchmal die Tatsache, dass das „jemand“ gewesen sein könnte, ist dabei vollständig in Vergessenheit geraten. Was Draaisma aus diesen vergessenen Eponyma macht ist eine bewundernswert gut geschriebene Hagio-, nein Medicografie.

Mediziner haben dabei unseren Körper, seine Teile, seine Defekte, Syndrome und Reaktionen buchstäblich mit ihren Namen vollständig kolonisiert. Dabei konzentriert sich Draaisma auf die Eponyma der Nerven- und Hirnforschung, von ihm wiederentdeckt werden: z.B. Parkinson, Korsakow, Tourette und Asperger. Draaisma führt uns dabei in das Herz des Wissenschaftsbetriebs, in dem Ehre und Ansehen auf dem Spiel stehen. Der Schwerpunkt seiner Auswahl liegt im 19. Jahrhundert, da später vor allem beschreibende Bezeichnungen oder Abkürzungen – das Team hat mehr Bedeutung als die individuelle Verewigung – verwendet werden. Wer aber Eponyma vergibt, ist der Meister aller und das war unbestritten Jean-Martin Charcot, dessen Biografie sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht. Wir erfahren aber auch, worin die überragende Bedeutung dieser Ärzte lag: in der Kunst, genau zu beobachten und anschaulich zu beschreiben. So entstehen bei Draaisma Kurzbiografien, die sich der schriftstellerischen Kunst der darin beschriebenen Ärzte, jederzeit gewachsen zeigen.

// Bücher

Die vierte Truppengattung

Jeremy Scahill
Blackwater
Kunstmann 2008

Abrüstung und Reduzierung des Militäretat reduzieren nicht automatisch die Kriegsgefahr. Das wissen inzwischen selbst die Pazifisten. Aber dass diese Entwicklung die Kriegsgefahr erhöhe oder zumindest die Gefahr für kriegerische Auseinandersetzungen, kann man in Scahills Buch über den bellizistischen Dienstleister Blackwater nachlesen. In die Nischen und Risse eines auseinanderfallenden Militärapparats setzte sich ab 1996 die von Erik Prince gegründete Firma Blackwater fest. In fünfzehn spannenden Kapiteln erzählt und erklärt uns Jeremy Scahill wie der Aufstieg dieser Privatarmee sich vollzog, welche Konjunkturen ihn beförderten und welche politischen Kräfte ihn nicht zu verhindern wussten. Im Militär unterscheidet man das Heer, die Marine und die Luftwaffe. In Amerika gibt es noch eine vierte Truppengattung und die heißt Blackwater.
Nachbemerkung: Im Frühjahr 2009 wurde Blackwater in Xe Services umbenannt.

// Bücher

Was das Sonnenlicht nicht zu scheuen braucht

Barbara Beuys
Paula Modersohn-Becker
Hanser 2007

Wenn Barbara Beuys, die bedeutende Autorin vieler hervorragender Sachbücher, sich einer Sache annimmt, darf man sich auf eine große Erzählung freuen. Diese Freude bleibt auch bei ihrem neuen Buch, einer Biographie über die Malerin Paula Modersohn-Becker nicht aus.

Durch den regen Briefwechsel der Künstlerin kann Barbara Beuys hier aus dem Vollen schöpfen. Barbara Beuys erläutert am Beispiel der „Akte“ das neue, ja revolutionäre künstlerische Programm von Paula Modersohn-Becker. Es entstehen Bilder, die die Nacktheit, jenseits der klassischen Maßstäbe, als Ausdruck der einzelnen Persönlichkeit begreift. Das gilt auch für sie als Künstlerin. „Ich habe so den festen Wunsch etwas aus mir zu machen, was das Sonnenlicht nicht zu scheuen braucht.“