Der Fluchthelfer

 

Hannes Sonntag
Solange es noch geht
Roman
Literatur der Zukunft 2019

Jakob Sandlitz ist ein distinguierter Herr, jahrelang treuer Staatsdiener, der bereits pensioniert wird, als im Deutschen Reich das anbricht, was sein Umfeld, Frau und ehemalige Kollegen, als neue Zeit begrüßen. Sandlitz schreibt Tagebuch. Er ist allerdings auch darin überaus diskret und zurückhaltend. Der Habitus des preußischen Beamten, der geräuschlos funktioniert, verlässt ihn nicht.

Sein Tagebuch gibt sein Enkel Hannes Sonntag in der Form eines Romans uns zur Kenntnis. Was davon dokumentiert, was fingiert ist, entzieht sich hier der genauen Nachprüfung. Aber was das Tagebuch enthüllt, begeistert auf zwei Ebenen. Die erste Ebene, die politische, sei hier ausgeplaudert, die andere, die persönliche bleibt im Buch – für die Leser.

Sandlitz beschreibt im seinen Tagebuch, unterstützt von Sonntag, der die Lücken füllt, Mutmaßungen anstellt und einige Sachverhalte zum Verständnis klärt, mehrere Reisen, die er von Berlin aus in den Osten zur Ahnenforschung unternimmt. Auf diesen Reisen lernt er einen beeindruckenden Herrn kennen, den er Renne nennt.

Ich muss es halblaut in mich hineinsagen: ich bin achtundsechzig. Ich möchte es nicht hören, es ist falsch, es ist ganz gegen mein Innerstes, aber immer noch bin ich achtundsechzig. Ich bin ohne körperliche Vorzüge (war nie in irgendeiner Hinsicht attraktiv), ich bin gebunden, ich bin inzwischen gut situiert, aber unendlich weit entfernt von allem, was man wohlhabend oder gar reich nennen könnte. Ich bin nicht weltläufig, wie Renne es in so hohem Maße ist, kann also auch keinen Charme ausstrahlen, der drauf fußt. Ich bin, und das ist alles, einsichtig und konsequenterweise besten Willens, was die tragischen Umstände in meinem Vaterland betrifft. Ja, und ich bin – der einzige Posten im persönlichen Plus – ich bin im klassischen alten deutschen Sinne gebildet, was für mich, vielleicht anachronistischerweise, immer noch etwas ganz und gar Lebendiges, sehr innig Gefühltes ist.

In Renne findet Sandlitz, den man sich vielleicht gegenüber Frau und erwachsenen Kindern, als intellektuell einsamen Mann vorstellen muss, einen Gesprächspartner, den er neidlos bewundert. Und es scheinen die Bildung und Kultur zu sein, auch ein wenig die Einsamkeit eines häufig versetzten Beamten, die ihn zu einem Gegner des Regimes machen. An einer Stelle im Tagebuch offenbaren sich Sandlitz und Renne, vorsichtig und langwierig, ihre Ablehnung des Naziregimes. Renne bittet Sandlitz, bei Ausreiseanträgen juristisch zu helfen. Über Mittelsmänner erhält er die Akten. Sandlitz Frau werden diese Kontakte verschwiegen.

All dies spielt sich in der Zeit vor und während der Olympiade 1936 ab, in der Sandlitz Umfeld vor Begeisterung über die neue Zeit platzt. Er und Renne haben schon damals den Eindruck, nur verdeckt und konspirativ helfen zu können. Während der Olympiade lernt Sandlitz durch Renne eine Dame aus Schweden kennen. Anlässlich dieser Begegnung kommt es zu dem Eintrag oben, der ihn, den Fluchthelfer, bald darauf konkrete Fluchtpläne schmieden lässt.

 

// Immer schön sachlich

// Bücher

Am Leitfaden der großen Krisen

Alan Greenspan
Mein Leben für die Wirtschaft
Campus 2007

Um etwas über Amerika und die Amerikaner zu erfahren, muss man, so die gängige Auffassung, zu den großen Erzählern wie Paul Auster, John Updike und Richard Ford greifen. Denn im Roman wird ja die Wirklichkeit so verdichtet dargestellt, wie das kein Sachbuch je schaffen könnte.
Ich beharre hier trotzdem auf Alan Greenspans „Mein Leben für die Wirtschaft“. » weiter lesen

// Bücher

Geschenke ohne Verpackung

Lewis Hyde
Die Gabe
Fischer 2008

Im Jahre 1983 vollzog sich unter den Kölner Galeristen eine Revolution. Die bereits 1967 als Verein progressiver Deutscher Kunsthändler gegründete Galeristenvereinigung zog in die Rheinhallen der Kölner Messe und nannte sich ein Jahr später Art Cologne. Damit wurde zeitgenössische Kunst endgültig das was die Kritiker dieser Entwicklung immer befürchtet hatten: eine Ware wie jede andere auch, » weiter lesen

// Bücher

Die Bibliothek verbrannter Sachbücher – bei Olms

In der „Bibliothek verbrannter Bücher“ veröffentlicht der Georg Olms Verlag zum 75. Jahrestag der Bücherverbrennung u.a. auch Sachbücher. Im Frühjahr 2010 sollen 10 weitere Titel in einer Lieferung erscheinen. Die ersten zehn Titel erscheinen im Mai 2008, darunter erfreulicherweise folgende Sachbücher:

André Gide
Kongo und Tschad
ISBN13: 978-3-487-13610-3

Salomo Friedlaender
Kant für Kinder
Fragelehrbuch für den sittlichen Unterricht.
ISBN13: 978-3-487-13609-7

Theodor Heuss
Hitlers Weg
Eine historisch-politische Studie über den Nationalsozialismus.
ISBN13: 978-3-487-13611-0

Walther Rathenau
Zur Kritik der Zeit
ISBN13: 978-3-487-13616-5