Welche Erleichterung

 

 

Stephen Graham
Die Kunst des stilvollen Wanderns
Ein philosophischer Wegweiser
HarperCollins 2020

Welche Erleichterung, der Rolle des Wählers und Steuerzahlers, des Experten für Messingantiquitäten, des Bruders eines Experten für Messingantiquitäten, des Autors eines Bestsellers oder Onkels des Bestsellerautors zu entfliehen. Welche Erleichterung, eine Zeit lang kein Verwaltungsbeamter der Besoldungsgruppe soundso mehr zu sein, der die höchste Beförderungsstufe bereits erreicht hat, nicht mehr nach dem Einkommen oder Gold-Handicap beurteilt zu werden. Ohne Zweifel ist es ein köstlicher Augenblick, wenn der Gärtner, der einen in Wanderkluft daherkommen sieht, nicht zum Gruß an den Hut tippt, wenn man an ihm vorübergeht. Es wäre ein Fehler, sich in nagelneuen Kniebundhosen, Sportjackett, Krawatte und juwelenbesetzter Krawattennadel, mit Gamaschen und einem Stock mit silbernem Knauf in die Wildnis aufzumachen. Die Visitenkarten sollte man ebenfalls zu Hause lassen und versuchen, das Haus mit den drei Etagen zu vergessen. (Stephen Graham, S. 15)

// Immer schön sachlich

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Die Folge von Betriebsunfällen

Fritz Stern
Fünf Deutschland und ein Leben
Erinnerungen.
Beck 2007

Würde man Deutschland und die Geschichte der Deutschen als eine große Firma betrachten, käme man wahrscheinlich schnell zu dem Schluss, dass dieses Unternehmen sich zu verschiedenen Zeitpunkten seiner wechselvollen Geschichte mangels Kapital und Vertrauen aus dem aktiven Wirtschaftsleben verabschiedet hätte. Nun kann man aber Staaten, zumal Deutschland, nicht einfach dichtmachen und so wenig ein Staat von seiner Zukunft, kann er von seiner Vergangenheit abgeschnitten werden. Beides führt zu aufregenden und spannenden Debatten. » weiter lesen

// Bücher

Die scharfen Kanten der erzählten Wirklichkeit

Erik Orsenna
Weiße Plantagen
Eine Reise durch unsere globalisiserte Welt.
Beck 2007

Länderberichte im Wirtschaftsteil der großen Tageszeitungen lese ich gerne. Ich rede mir dann oft ein, jetzt aber mal wirklich was zu erfahren, was wirklich Handfestes. Nimmt man dagegen allein aus Èrik Orsennas Buch das Kapitel über Usbekistan, dem zweitgrößten Baumwollexporteur der Welt, erkennt man, wie viel wirklicher erzählte Wirklichkeit sein kann. Ob Sie das lesen mögen? Möglicherweise hängen meine Zweifel damit zusammen, dass man bei Orsenna keine bloße Sachverhaltsbeschreibung erhält. Dass also beispielsweise die Ernte, die unter anderen auch von Kindern und Jugendlichen eingebracht wird, vom Staat, da er nur zum geringsten Teil sich von Steuern finanziert, aufgekauft und auf dem Weltmarkt verkauft wird. Dass in diesem Land alle Jugendlichen zwischen zehn und fünfundzwanzig für Monate Schulen und Universitäten verlassen, um für wenig mehr als symbolische Löhne die Baumwolle zu ernten. Oder dass die Blätter der Baumwolle zur Erntezeit scharfe Kanten haben und die Finger aufreißen. Und dann macht Orsenna doch kein Rührstück daraus, für eine Anzeige der Fundraisingunternehmen in derselben Zeitung, in der ich die Länderberichte finde.

Neu von Erik Orsenna:
Die Zukunft des Wassers.
Eine Reise um die Welt
C. H. Beck 2010

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Unerledigte Post

Christina von Braun
Stille Post
Eine andere Familiengeschichte.
Propyläen 2007

Das Glück der Christina von Braun ist zweierlei: Sie ist Professorin für Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, dreht Filme und war Mitbegründerin der gender studies. Das ist das eine Glück. (Gerade ist erschienen Christina von Braun und Bettina Mathes: „Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen.“ Aufbau 2007) Das andere Glück ist, dass sie aus ihrer Familie einen umfangreichen Nachlass aus Tagebüchern und Briefen überliefert bekam.

Die Dokumente erweisen sich als Stille Post im Sinne unerledigter Erbschaften, wie geheimnisvolle, unausgesprochene Aufträge, die die Mütter ihren Töchtern erteilen. Aufträge, mit denen sich Christina von Braun im Umweg über die Forschung immer schon beschäftigte. Das Buch erzählt das Leben der Großmütter und der Mutter von Christina von Braun. Einmal das Leben der Großmutter Emmy, deren Sohn der Raketenbauer Wernher von Brauns ist. Dann die Geschichte der Großmutter Hildegard Margis. Das Leben ihrer Mutter, Hilde, spielt sich im Umfeld des Diplomaten Ernst von Weizäcker ab. Große Namen, Namen von Männern, deren Lebensweg in diesem Buch aber nur am Rande gestreift wird.

Christina von Braun sagt dazu: „Die Geschichte wurde bisher jedenfalls meistens von den Vätern an ihre Söhne weitergegeben. Bei den Frauen gelangte die Geschichte über die Psyche der Mütter in die nächste Generation und macht sich so in der Psyche der Töchter breit. Die Seele ist sehr viel aufnahmefähiger als ein dickes Buch – aber auch schwerer zu lesen.“