Deutschsein ohne Vorsatz

28011723_9783351036713_xlLucas Vogelsang
Heimaterde
Eine Weltreise durch Deutschland
Aufbau 2017

Von Leuten, die nur um die Ecke wohnen, heißt es oft, dass die immer zu spät kommen. Wege, die man gut kennt, werden also unterschätzt. Es ist uns alles nah. Es ist alles selbstverständlich. Was wir kennen, gehen wir in Gedanken schneller durch. Zu Fuß und in der Wirklichkeit dauert es dann aber doch.

Das ist die Phänomenologie der Heimat, dass sie nicht erkärt werden muss, dass sie immer nah und da ist, schnell und klar, aus tausend Erfahrungen gespeist – aber nur im Kopf, in der Wirklichkeit kann sie schwierig, träge und zäh sein.

Lucas Vogelsang hat diejenigen in den Städten besucht, die sich in Deutschland ihre Heimaterde selbst kompostieren. Und wo wäre das wohl besser zu beobachten als im deutschen Kleingärtnerverein, schon jetzt gehen, so berichtet Vogelsang, die Hälfe aller Neuverpachtungen an Menschen mit Wurzeln in einem anderen Land.

Auch Fikret ist nicht der einzige Ausländer in seiner Kolonie, bei Weitem nicht. Da wohnen welche, sagt er, Türken, Polen, Marokkaner, die sind seit 30 Jahren hier. (…) So ist das bei ihnen in der Kolonie. Deutsche links, Ausländer rechts. Seine Laube steht genau dazwischen. Mischmaschendraht, dahinter die Russen, die saufen wie die Löcher, und die Araber, die er nicht leiden kann, weil die nicht wissen, wie man sich benimmt. Mittagsruhe, sagt er, kennen die nicht. Sonntagsruhe kennen die auch nicht. (…) Der Garten, sagen seine Kumpels, hat einen richtigen Spießer aus dir gemacht. Er lacht. Leckarsch, ich mag das.

In diesem Buch erzählen sie aus ihrem Leben in Deutschland nicht in der Form, in der sich ein Innenminister das so vorstellt: Deutschsein mit Vorsatz und nachgestelltem Nebensatz. Sie leben, arbeiten und reden hier und am Rande werden sie auch deutsch. Vogelsang lässt sie alle erzählen und bringt, was sie zu sagen haben, ohne Thesenüberbau zu Papier.

In Essen, Spandau, Wedding, Stuttgart, Köln oder Castrop-Rauxel, im Wohnblock, in der Siedlung wie auch der Gartenkolonie, überall wo Vogelsang sie aufgesucht und zum Sprechen gebracht hat, scheint es je weniger Fläche desto mehr Grenzziehungen zu geben. Vogelsang zeigt das Deutschsein auch als Aus- und Durchhalten.

Im Schrebergarten kann man sich nicht aus dem Weg gehen und dennoch aneinander vorbeileben. Weil allein räumliche Nähe keine kuturellen Distanzen auflöst. Weil nur Hiersein nicht ankommen bedeutet.

// Immer schön sachlich

// Buchhandel  // Leseabend

Alles erfunden – alles wahr. Neuerscheinungen

img_0189Michael Schikowski wechselt plausibel, fesselnd und unterhaltsam zwischen kurzen Leseproben und einordnenden Rezensionen.
GENERAL-ANZEIGER BONN

Eine exzellent moderierte Tour d’ Horizon.
KÖLNISCHE RUNDSCHAU

Aus der Fülle der Neuerscheinungen dieses Jahres hat Michael Schikowski die besten Romane und die interessantesten Sachbücher ausgewählt – mit Leidenschaft und kühlem Blick. Vorgestellt werden unterhaltsame Romane, spannende Biografien, scharfsinnige Essays, komische Geschichten oder einfach nur schöne Bücher. Michael Schikowski verschafft Einblicke in wichtige Neuerscheinungen und liest einzelne Passagen vor. Freuen Sie sich auf einen spannenden Abend mit Schmökern und Raritäten, Herausforderungen und Entdeckungen.

Köln VHS
Montag, den 4. Dezember 2017
Beginn 18.00 Uhr

Leverkusen VHS
Dienstag, den 5. Dezember 2017
Beginn 18.00 Uhr

Bonn VHS Literarischer Salon der Zentralbibliothek
Mittwoch, den 6. Dezember 2017
Beginn 18.00 Uhr

Link zur Buchauswahl von 2017
Link zur Buchauswahl von 2016

Leseabende zu: AustenBalzacBöllDie Schwestern BrontëDickensDostojewskiFalladaFontaneGrimmelshausenThomas MannMelvilleTolstoiTwain / Historische Abende: November 18. Texte zur Revolution in Deutschland –  „Heeresbericht“. Texte zum Ersten WeltkriegNapoleonOktober 17. Texte zur Russischen Revolution / Neuerscheinungen des Jahres / Sinn und Sinnlichkeit des Buches

Zu Michael Schikowski.

// Bücher

Die revolutionäre Tat

28011800_9783351036744_xlArtjom Wesjoly
Blut und Feuer
Roman
Aufbau 2017

Bei einem Halt lässt Maxim Kushel, ein Soldat, der sich auf der chaotischen und gefährlichen Rückreise von der Front befindet, einen jungen Harmonikaspieler in den Waggon einsteigen. Von ihm erfahren die Soldaten von Lenin: Genosse Lenin hat direkt gesagt: Raubt das Geraubte, jagt die Haie der bürgerlichen Klasse ins Grab.

Wesloys Prosa ist expressionistisch. Abgerissene Sätze, Sprachfetzen fliegen durch die Luft, in Zeiten des Bürgerkriegs sind sie gefährlich wie eine Gewehrkugel. Ganze Szenen bestehen nur aus zynischen Kommentaren und volkstümliche Wortwitzen der Protagonisten: des revolutionären Volkes. Ein Buch wie die revolutionäre Tat selbst.

Blut und Feuer erschien in Russland 1932 und 1936 in unterschiedlichen Fassungen. Der Stalinismus machte es kaum möglich, die russische Revolution resümierend und zusammenfassend darzustellen. Zu oft wechselten die Interessen, die Perspektiven auf das Ereignis, zu oft veränderten sich die Koordinaten des Staates, seiner Führer und der Tscheka, zu oft verschwanden wichtige Protagonisten der Revolution in die Lager.

Thomas Reschkes Übersetzung folgt der letzten noch vom Autor selbst betreuten Version. Im Jahr darauf wurde Wesjoly verhaftet und 1938 hingerichtet. 1958, in den Zeiten des Tauwetters, erschien der Roman erneut, allerdings auch nur um den Preis weiterer Streichungen.

Artjom Wesjoly, der in diesem Roman nichts weniger als die letztgültige Darstellung der russischen Revolution versucht, ist immer ganz nah an der Basis der revolutionären Bewegung, dem Volk, dort wo ihre Führer die Entstehung der revolutionären Wahrheit als Tat vermuteten. Dass die revolutionäre Tat das Töten ist, das zum Schweigen bringen mithin, zeigt sich hier auch – vermutlich gegen die Überzeugung des Autors.

Die Geschichte des Bauern und Soldaten Maxim Kushel und des verwegenen Partisanen Tschernojarow stehen nicht im Mittelpunkt. Wie die manchmal nur in Satzfetzen sich vorwärtsbewegende Prosa ist auch die Handlung zerschlagen und zerrissen, ist die Revolution noch in Bewegung und für den Autor unabschliessbar. Eine Handlung, die in den letzten Worten des Romans kein Ende findet: Heimatland … Rauch, Feuer – kein Ende.

Hinweis zum Leseabend Oktober 17.