Oktober 17 – ein Leseabend zur Russischen Revolution mit Michael Schikowski

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„Russland zerfällt wie ein Klumpen nassen Lehms“, schreibt Konstantin Paustowskij in seiner Autobiografie über die Zeit der Russischen Revolution.

Während sich der Erste Weltkrieg für Russland zur militärischen und wirtschaftlichen Katastrophe entwickelt, kommt es im Februar 1917 zu Aufständen. Nach dem Sturz des Zaren ist die provisorische Regierung zu schwach, den Staatsstreich der Bolschewiki unter der Führung Lenins zu verhindern.

Wir folgen an diesem Leseabend der Zeitzeugin Sinaida Hippius durch die Straßen Petersburgs und dem Revolutionär Viktor Schklowskij durch Moskau. Beide hielten die Ereignisse des Bürgerkriegs und der Revolution mit beeindruckender Genauigkeit fest. Nicht weniger bedeutsam ist die Darstellung der russischen Verhältnisse, die Michail Ossorgin mit seinem grandiosen Romanzyklus im Exil publiziert.

Die Russische Revolution erscheint hier als ein Ereignis, das vor allem als erschütternde Erzählung von Zerfall und Neubau einer Gesellschaft denn als genaues historisches Datum zu existieren scheint. Die bedeutenden russischen Selbstdeutungen der neuen Gesellschaft, die an diesem Abend zu Wort kommen, stammen von so unterschiedlichen Autoren wie Artjom Wesjoly und Boris Pasternak.

Einige scharfsinnige zeitgenössische Analysen von Valeriu Marcu und René Fülöp-Miller und neuere Sachbücher ergänzen den Blick auf die Bolschewiki, Lenin und den Leninismus, als dessen gelehriger Schüler sich zuletzt Steve Bannon entpuppte, der Berater von Donald Trump.

Michael Schikowski ist Lehrbeauftragter der Universität Düsseldorf und seit vielen Jahren als leidenschaftlicher Vorleser unterwegs.

Bücherliste

Gummersbach: Bergischer Geschichtsverein
Donnerstag, den 27. April 2017
Beginn: 18.00

Frankfurt: Buchhandlung Hugendubel, Steinweg
Freitag, den 27. Oktober 2017
Beginn: 18.00 Uhr

Leseabende zu: AustenBalzacBöllDie Schwestern BrontëDickensDostojewskiFalladaFontaneGrimmelshausenThomas MannTolstoiTwain / Historische Abende: November 18. Texte zur Revolution in Deutschland –  „Heeresbericht“. Texte zum Ersten WeltkriegNapoleonOktober 17. Texte zur Russischen Revolution / Neuerscheinungen des Jahres / Sinn und Sinnlichkeit des Buches

Zu Michael Schikowski

// Immer schön sachlich

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Eine erschreckende Klarheit

28011494_9783351036652_xl Olga Grjasnowa
Gott ist nicht schüchtern
Roman
Aufbau 2017

Olga Grjasnowa erzählt in Gott ist nicht schüchtern von Amal und Hammoudi. Amal ist eine erfolgreiche Schauspielerin in Syrien. Hammoudi ein junger Arzt, der kurz vor dem Bürgerkrieg nach Syrien zurückkehrt, um seinen Pass verlängern zu lassen. Ihre Leben konnten sie sich auch Dank des Assad-Regimes aufbauen, das sie zugleich verachten. Sie sympathisieren uneingeschränkt mit der Revolution, engagieren sich und verlieren alles.

Grjasnowas Erzählkunst ist zurückhaltend und wirkungsvoll. Das Leben von Amal und Hammoudi ist ohne die Entwicklung des Landes nicht denkbar, aber sie werden an keiner Stelle erzählt, die Geschichte des Landes zu illustrieren.

Zugleich werden den Figuren keine Gefühle zugeschrieben, die eine angestrengte Kunst der Imagination als Leistungsschau vermuten lassen. Im Gegenteil, das neusachliche Erzählen der Gjasnowa zeigt die Tatsachen von Krieg, Flucht und Asyl ohne die üblichen Anzeiger des Entsetzens.

Wir sind so an der Ästhetisierung des Schreckens gewöhnt, dass die Leerstelle, die die Kunst der Gjasnowa bietet, mit einem Schlag deutlich wird. Ein entsetzliche Leere. Wo sonst in Romanen Ästhetisierung herrscht, dadurch dass Lebenslinien zusammengeführt werden, Details der Handlung das große Ganze der Geschichte abbilden und figurenzentrierte Innenwelten anzeigen, was davon zu halten sei, ist hier nur Klarheit und Unerschrockenheit. Eine entsetzliche und erschreckende Klarheit, die eine Erzählperspektive erfordert, die alles andere als Schüchternheit verlangt.

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Das Leben ist ein Kolportageroman

27641753_9783451068171_xlYvonne Schymura
Vicki Baum
So herrlich lebendig
Romanbiografie
Herder 2017

Vicki Baum entstammt einer Zeit, in der die Heranwachsenden gegen den Willen der Eltern dicke Romane lasen. So las die junge Baum die Buddenbrooks heimlich. Daher blieb dieser Generation (wie einigen Generationen nach ihnen) die Literatur und das Lesen zeitlebens mit Widerstand und Protest verbunden.

Aus der Zeit der erfolgreichen Bestsellerautorin Vicki Baum erzählt Yvonne Schymura in der Form der Romanbiografie. Vicki Baum veröffentlich bereits 1914 erste Texte, arbeitet und versteht sich aber auch immer als Journalistin. Bis zum Zeitpunkt ihrer Emigration war sie Redakteurin für Zeitschriften im Haus Ullstein. Erst 1929 hat sie mit gleich zwei Romanen Erfolg.

Vicki Baum ist als schreibende Frau die modernde und „neue Frau“ und beschreibt mit dem Roman  Stud. chem. Helene Willfüer zugleich lebensnah wie illusionslos die Arbeitswelt für Frauen. Dieser heute nur selten anzutreffende Roman ist ihr erster großer Erfolg von 1929.

Ebenfalls 1929 erscheint dann auch ihr Welterfolg Menschen im Hotel. Über die wenig glamourösen Bedingungen des Schreibens lässt Vicki Baum kaum einen Zweifel aufkommen, ist doch der Untertitel des Romans bewusst nüchtern: ein Kolportageroman, womit er ganz im Stil der Neuen Sachlichkeit bewusst als Unterhaltungsroman voller Klischees und ohne intellektuelle Ansprüche gekennzeichnet wird. Das Leben ist eben ein Kolportageroman.

Beide Romane sind verfilmt worden, erst in den 1930er Jahren in Deutschland und den USA, dann nochmals, an die nach 1933 zerstörte Tradition trotzig anknüpfend, in Deutschland in den 1950er Jahren. Yvonne Schymura erzählt das Leben Vicki Baums in der Form der Romanbiografie nach, unterhaltsam und leicht. Zitate aus Briefen, Tagebüchern und Werken sind im Text gekennzeichnet. Auch das im Übrigen eine Darstellungsform ganz im Stil der Zeit Vicki Baums.

Hier per Link zu einem Text über die neuerlich aufkommende Genre der Romanbiografie.