Wir helfen

Esther Gerritsen
Der große Bruder. Roman
Aufbau 2018

Die Familie ist Olivia Landmann wichtig. Mit ihrem Mann Gerard hat sie zwei halbwüchsige Jungen, Tom und Julius. Die Familie ist organisiert. Alle stehen mit beiden Beinen im Leben. Alles bestens also. Wenn man zu sehr ins Grübeln geriet, so heißt es an einer Stelle, ging man am besten Tennis spielen. Sie spielten eine Menge Tennis.

Ihr Job als Finanzdirektorin eines Porzellangeschäfts nimmt sie sehr in Anspruch, ein Familienunternehmen, das offensichtlich vor bedeutenden Herausforderungen der Zunkunft steht – wie es immer heißt, wenn es keine Zukunft mehr gibt.

Alles gerät für Olivia durcheinander mit dem Anruf ihres lange verschollenen Bruders Marcus, der ihr erklärt, dass man ihn in wenigen Minuten in den Operationssaal bringen würde, um ihm ein Bein abzunehmen.

In diesem knapp erzählten Roman, dem knappen Raum einer Kleinfamilie entsprechend, erzählt Esther Gerritsen vom geräuschlosen Einsturz der familären Konstellationen – einfach, weil jemand Hilfe braucht.

// Immer schön sachlich

// Bücher

Das Rädchen

Edith Wharton
Die verborgene Leidenschaft der Lily Bart
Roman
Ebersbach und Simon 2018

Als Lily neunzehn Jahre alt war, zwangen sie die Umstände sehr plötzlich, ihre Weltsicht grundsätzlich zu revidieren. Die hier mitten im Roman genannten Umstände sind der Ruin ihres Vaters, der Lily Bart zwingt, einen anderen Blick auf die Welt zu werfen.

In kaum einem Text über Edith Wharton fehlen der Hinweis auf die Freundschaft und literarische Verwandtschaft mit Henry James und die leicht bekümmerte Feststellung, dass sich Wharton wie James in Deutschland nie so richtig durchsetzen konnten. Während die Freundschaft auf die Verwandschaft der Werke zurückzuführen ist, die sich vor allem mit der Elite, der feinen Gesellschaft befassen, ist die Geschichte der Rezeption in Deutschland ein Rätsel.

Dieses Rätsel ist vielleicht gar nicht so groß. Denn es ist auch dadurch erklärbar, dass man in Deutschland, vor allem in der frühen Bundesrepublik, Eliten überaus skeptisch oder gar nicht sah. Die Eliten waren genau das nicht, was sie im Amerika Veblens und im Frankreich Bourdieus waren: sichtbar, glänzend, präsentabel.

In Deutschland hatte die Elite gleich zweimal hintereinander auf eine unfassbare Art und Weise abgewirtschaftet und hielt darum an sich. Und vielleicht ist es dieser Unwille in Deutschland, von solcher Blasiertheit auch nur lesen zu wollen, wenn im Roman von Mrs. Peniston gesagt wird, dass ihr etwas so unangenehm gewesen sei wie Küchengeruch im Salon.

Und, auch darin sind sich James und Wharton ähnlich, beide schauen aus alteuropäischer Perspektive kritisch auf den amerikanischen Kontinent, und leben schließlich beide in Europa, James in England, Wharton in Frankreich. Im bundesrepublikanischen Deutschland ist genau dieser skeptische Blick auf Amerika nie richtig kultiviert worden, man schwankte vielmehr stets zwischen unwissender Ablehnung und unkritischer Bewunderung.

Die Analysen und gelegenheitshalber eingestreuten Klugheiten der Wharton akzeptieren in gewisser Weise das Gefälle, das sich Gesellschaft nennt. Statt der Katastrophe der Gesellschaft also nur Katastrophen des Einzelnen. Denn Lily Bart gelingt es nicht, oder besser, nicht rechtzeitig, ihre spezifische Begabung, in allen Belangen gesellschaftlicher Umgangsformen Bescheid zu wissen, auf Dauer zu monetarisieren, weder als Geldheirat noch als Gründerin eines Bekleidungsgeschäfts.

In Lily Bart wird der Verlust einer sehr spezifischen Funktion für die Gesellschaft beschrieben, langsam und deutlich. Ein Rädchen, für das die Gesellschaft nach Edith Wharton keine richtige Verwendung mehr hat. Das sollte uns bekannt vorkommen.

// Leseabend

Der abenteuerliche Grimmelshausen. Ein Leseabend mit Michael Schikowski

Beginn des 30jährigen Krieges vor 400 Jahren
Veröffentlichung des Simplicissimus vor 350 Jahren

Lesung aus dem Werk von Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen

Grimmelshausens literarischer Welterfolg Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch beruht auf den Erlebnissen seiner Kindheit und seiner Zeit als Soldat. Das Buch erschien 1668, also vor 350 Jahren.

Bald darauf schrieb Grimmelshausen zwei weitere simplicianische Romane, die Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage und Der seltsame Springinsfeld. In diesen Werken fährt Grimmelshausen allen Reichtum an Witz und Welt- und Menschenkenntnis auf. Als Mensch des Barock ist bei ihm des Fabulierens aus eigener Erfahrung und des Abenteuerns aus Literaturwissen kein Ende.

Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen ist mit der Zeit des 30jährigen Krieges eng verbunden. Was liegt also näher als sich der 400 Jahre zurückliegenden europäischen Katastrophe mit Grimmelshausen, einen ebenso umfassend gebildeten wie unterhaltsam satirischen Schriftsteller, zu nähern.

Als Auslöser des 30jährigen Krieges gilt der Aufstand der protestantisch-böhmischen Stände und der Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618. Der Verlauf des Krieges, seine ungeheure Verwüstung und sein schließliches Ende im Westfälischen Frieden werden am Werk Grimmelshausens nachvollziehbar.

Michael Schikowski ist Lehrbeauftragter der Universität Düsseldorf und seit vielen Jahren als leidenschaftlicher Vorleser unterwegs.

Link zur Bücherliste

 

Bücherkiste Auerbach
Mittwoch, 11. April 2018
Ort: Fürstenlager Bensheim-Auerbach
Beginn: 19.30 Uhr

KulturGut Hirtscheid und hähnelsche buchhandlung Hachenburg
Matinee mit Kult-Imbiss und einem Glase teutschen Schaumweins
Sonntag, 15. April 2018
Ort: KulturGut Hirtscheid
Beginn 11.00 Uhr

Link: http://www.hachenburger-kulturzeit.de/eventdetails-76/events/der-abenteuerliche-grimmelshausen.html

Ennepetal, Kulturgemeinde
Mittwoch, den 16. Mai 2018
Ort: Aula des Reichenbach-Gymnasiums
Beginn: 19.30 Uhr

Leseabende zu: AustenBalzacBöllDie Schwestern BrontëDickensDostojewskiGeorge EliotFalladaFontaneGrimmelshausenThomas MannMelvilleTolstoiTwain / Historische Abende: November 18. Texte zur Revolution in Deutschland„Heeresbericht“. Texte zum Ersten WeltkriegDer Deutsch-Französische Krieg 1870/71NapoleonOktober 17. Texte zur Russischen Revolution / Neuerscheinungen des Jahres / Sinn und Sinnlichkeit des Buches

 

Zu Michael Schikowski