Wagnis und Verantwortung

27220486_9783958901179_xlKonrad Heiden
Adolf Hitler
Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit
Ein Mann gegen Europa
Europa 2016

Auf dem Grabstein von Konrad Heiden steht das Epitaph: Writer, Foe of Nazis. Heiden wurde 1901 in München geboren und starb 1966 in New York. Dass ein Buch von Stefan Aust – der Heiden übrigens auch die Erfindung des Kürzels Nazis zuschreibt – an ihn erinnert, hat vielleicht auch mit der Tatsache zu tun, dass es wieder notwendig wird, über das Selbstverständnis des Journalismus und die Verantwortung des Journalisten nachzudenken.

Dafür ist Konrad Heiden als Journalist und sind seine Bücher als Werke der Hochzeit des Journalismus großartige Beispiele. 1932 erschien mit „Die Geschichte des Nationalsozialismus – Die Karriere einer Idee“ Heidens erstes Buch bei Rowohlt. Ein weiteres beschäftigte sich mit dem Aufbau des Nationalsozialismus. Es wurde bereits in der Emigration in Emil Oprechts Europa Verlag in Zürich publiziert.

1936 erschienen dann im Europa Verlag „Adolf Hitler – Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“ und im Jahr darauf als zweiter Band „Adolf Hitler – Ein Mann gegen Europa“. Beide Bücher sind nun in einem Band zusammengefasst in einer Neuausgabe herausgekommen. Es sind diese Bücher, die den Verleger Lars Schultze-Kossak bewogen haben, den Europa Verlag am Leben zu erhalten.

Konrad Heiden trägt in beiden Büchern eine Unmenge Material über Hitler und den Nationalssozialismus zusammen, bereitet es erzählerisch auf und setzt gleich mit dem ersten Satz den Maßstab: Dieses Buch verdankt seine Entstehung dem Bedürfnis auszusprechen, was ist. Der schäumenden Schreierei der Nazis setzt er seinen klaren Lapidarstil entgegen. Schultze-Kossak vermutet in einer Einleitung zu dieser Neuausgabe denn auch, dass es sein jounalistischer Stil und seine formal unwissenschaftliche Herangehensweise seien, die dazu führten, dass Konrad Heiden von den Historikern unbeachtet blieb.

Es mag der Forschung im Jahre 1937 zu einem abschließenden Urteil über Hitler zu früh gewesen sein, zumal auch der Weg in die Archive mit Gefahr verbunden war. Heiden ging dieses Wagnis eines Urteils ein – die Schweiz war durchaus kein sicherer Ort –  und ihn interessierte an Hitler schon damals einfach alles. Vielleicht ist das Journalismus?

Heiden erwehrte sich dabei auch des Vorwurfs der Aufwertung Hitlers durch eine geschlossene Gesamtdarstellung. Alfred Kerr reimte hämisch gegen Heiden: So, wenn er ihm gehorsam huldigt, / ist auch das deutsche Volk entschuldigt. Heiden aber sah das Problem durchaus und schreibt in der Einleitung: Objektivität ist nicht Standpunktlosigkeit. Der „Held“ dieses Buches ist weder Übermensch, noch ein Popanz, sondern ein sehr interessanter Zeitgenosse (…). Es gibt in der Geschichte den Begriff der wertlosen Größe. Sie drückt oft tiefe Spuren in die Menschheit, aber es sind keine Furchen, aus denen Saat aufgeht.

23314274_23314274_xl Vielleicht fehlte den Hitler-Gegnern bei Konrad Heiden die vollständige Ablehnung, die absolute Verachtung, eine Haltung, die alles und jedes, das man im nationalsozialistischen Deutschland zurückließ, verdammte. Konrad Heiden macht sich dem Gegner aber nicht ähnlich. Vielleicht ist das der Journalist? Er trägt im Zeitalter der Verantwortungslosigkeit Verantwortung.

An einer Stelle schreibt Heiden: Hitler sagte: „Ich trage restlos die Verantwortung für alles, was in der Bewegung vorfällt.“ Er trägt sie aber nicht, denn niemand kann ihn zur Verantwortung ziehen. Er hat nur seinen Anhängern die Verantwortung abgenommen und sie weggeworfen.

// Immer schön sachlich

// Leseabend

Hans Fallada. Ein Leseabend mit Michael Schikowski

Hans Falladas Romane haben zu keinem Zeitpunkt ihre große Beliebtheit eingebüßt. Sein letztes Buch Jeder stirbt für sich allein von 1947 wurde sechzig Jahre nach der Erstveröffentlichung von Kritik und Lesern als spektakuläre Wiederentdeckung gefeiert.

Nun erscheint Falladas Weltbestseller von 1932 Kleiner Mann – was nun? endlich in der ungekürzten Urfassung, die zeigt, dass Falladas Blick auf Deutschland schärfer sah, als man sich damals zu drucken wagte. Er erzählt in zum Teil rührend komischen Szenen von dem jungen Paar Emma und Johannes Pinneberg, das im Berlin der Wirtschaftskrise durchzukommen versucht.

Es sind Romane der großen Stadt, in der der Kleinbürger sein Glück zu machen sucht, in einer Zeit, in der nichts unwahrscheinlicher scheint, als ein Auskommen ohne den Verlust der moralischen Integrität. Es ist, wie Kurt Tucholsky in einer Besprechung zu Bauern, Bonzen und Bomben schrieb, “jener Brodem aus Klatsch, Geldgier, Ehrgeiz und politischen Interessen”, die Falladas Romane bieten. Und Hermann Broch schrieb über Wolf unter Wölfen: “Da ist alles vorhanden, was ein gutes Buch ausmacht, da ist alles von innen angepackt, jeder Ihrer Menschen aus seinem Eigen-Sein entwickelt.”

Für seine aus unmittelbarer Anschauung geschöpften Portraits der deutschen Kleinbürger und Angestellten, ihrer Leiden und Freuden, ist Fallada berühmt. Er arbeitete als Hofinspektor, Buchhalter und Annoncensammler. Seine genauen Schilderungen des Alltags der Familien sind bis heute amüsant zu lesen. Im Januar 2017 erscheint die neue Fallada-Biographie von Peter Walther.

An diesem Leseabend wird das Beste von Hans Fallada zu hören sein. Michael Schikowski ist Lehrbeauftragter der Universität Bonn und seit vielen Jahren als leidenschaftlicher Vorleser unterwegs.

28011784_9783351036690_xlKöln: Buchhandlung Goltsteinstraße
Donnerstag, den 9. Februar 2017

Homburg: Homburger Lesezeit
Dienstag, den 14. Februar 2017

Münster: Wunderkasten
Mittwoch, den 22. Februar 2017

Leseabende zu: AustenBalzacBöllDie Schwestern BrontëDickensDostojewskiFalladaFontaneGrimmelshausenThomas MannTolstoiTwain / Historische Abende: „Heeresbericht“. Texte zum Ersten WeltkriegNapoleonOktober 17. Texte zur Russischen Revolution / Neuerscheinungen des Jahres / Sinn und Sinnlichkeit des Buches

Bücher zum Leseabend

Zu Michael Schikowski

// Bücher

Eisgang

22398277_22398277_xlTeffy alias Nadeshda Lochwizkaja
Champagner aus Teetassen
Meine letzten Tage in Russland
Aufbau 2014

Nadeshda Lochwizkaja (1872 – 1952) veröffentlichte ihre Feuilletons, Theaterstücke und Satiren im Zarenreich unter dem Namen Teffy. Ihre Flucht aus dem revolutionären Moskau, in dem Sicherheit und Ordnung komplett zusammenbrechen, schildert sie in diesem Buch. Sie flieht 1918 nach Kiew, nach Odessa und dann weiter nach Noworossik.

Über die Zustände in Moskau schreibt sie an einer Stelle: Diese letzten Moskauer Tage verliefen in nebulösem Durcheinander. Menschen tauchtem aus dem Nebel auf, wuselten herum, verschwanden im Nebel, neue tauchten auf. Wie wenn man in der Frühjahrsdämmerung auf den Eisgang schaut – man sieht dort etwas treiben, eine Fuhre Heu oder eine Hütte, auf einer anderen Eisscholle vielleicht einen Wolf und verkohlte Holzscheite. Es wirbelt herum, dreht ab und verschwindet mit der Strömung für immer. Und du weißt nicht, was es eigentlich war.

Im Süden des Landes formiert sich der Widerstand gegen die Bolschewiki. Die Ukraine ist autonom – nur für eine kurze Zeit. Gleichwohl geht auch dort der Kampf der Bolschewiki, der Weißen und der ukrainischen Nationalisten unvermindert weiter. Die Mittelmächte Deutschland und Österreich und die Entente mit Frankreich und England versuchen außerdem, ihren Einfluss zu sichern.

Wie viele tarnte Teffy ihre Flucht gegenüber den Bolschewiki als Lesereise, was zu einigen ebenso grotesken wie düsteren Episoden Anlass gibt. Die Flüchtlinge, die zu unfreiwilligen Gastspielen gezwungen werden und sich den Weg mehr oder weniger mit Rubeln freikaufen müssen, wissen nie, ob sie mehr von Banditen oder einem angebotenen Geleitschutz bedroht werden – überall sind sie Opfer von Gerüchten, Spekulationen und vor allem ihrer vagen Hoffnung auf eine Niederlage der Bolschewiken.

Wer flieht, hat diese Hoffnung endgültig aufgegeben. Mit einem Dampfschiff verlässt Teffy 1919 Russland von Noworossik aus für immer und lebt bis zu ihrem Tod in Paris. Dort gehört sie mit dem Schriftstellerpaar Sinaida Hippius und Dmitri Mereschkowski zu dem Kreis von russischen Emigranten, die vom Schreiben leben können.

Die in diesem Buch versammelten Texte erschienen zunächst 1928 als Feuilletons und kamen dann 1931 als Buch heraus. Feuilletons in der liberalen Presse des zaristischen Russland und der Presse der russischen Emigranten machen auch dem Umfang nach den Hauptteil des Werks von Teffy aus. Ihre Erinnerungen, so auch der ursprüngliche Titel, liegen hier erstmals in deutscher Sprache vor.

Link zum Leseabend: Oktober 17. Texte zur Russischen Revolution.