Heinrich Böll. Ein Leseabend mit Michael Schikowski

Lesung aus dem Werk von Heinrich Böll
100. Geburtstag am 21. Dezember 2017

boell-foto-2Heinrich Böll hat das Bild des Schriftstellers als kritischen Zeitgenossen wie kein anderer geprägt. Im Stil der Zeit sprach man von ihm lakonisch als Chronisten.

Seine politischen Einlassungen zu den Zuständen und Entwicklungen der Bundesrepublik Deutschland sind untrennbar mit seinen großen Romanen verbunden. An diesem Leseabend werden die wichtigen Romane Bölls im Mittelpunkt stehen. Sie alle, Billard um halb zehn (1959), Ansichten eines Clowns (1963), Gruppenbild mit Dame (1971) und schließlich Fürsorgliche Belagerung (1979) behandeln die zentralen gesellschaftspolitischen Themen der Republik: Vergangenheitsbewältigung, Kirche, Presse und den deutschen Herbst.

Heinrich Bölls Bücher entstammen einer Zeit, in der man von der Wirkung der Literatur überzeugt war. Auf sie konnte man hoffen. Vor ihr wurde aber auch, vor allem was Böll anging, ganz ernsthaft gewarnt. Mit Heinrich Böll blicken wir in eine Zeit zurück, in der die Literatur noch geholfen hat, eben weil man davon überzeugt war, dass sie schaden konnte.

Auf die Ereignisse der Gegenwart reagierte Böll nicht nur thematisch, sondern auch mit veränderten Schreibweisen. Bölls Satiren stehen dabei den sozialkritischen Romanen in nichts nach. 1972 erhielt Heinrich Böll den Nobelpreis für Literatur.

An diesem Leseabend wird das Beste von Heinrich Böll zu hören sein. Michael Schikowski ist Lehrbeauftragter der Universität Düsseldorf und seit vielen Jahren als leidenschaftlicher Vorleser unterwegs.

Mit freundlicher Unterstützung von dtv.
Bücherliste

 

Bonn, Metropol Kuppelsaal
Donnerstag, den 11. Januar 2018
Beginn: 20.15 Uhr

Unna, SpontUN
Buchhandlung Hornung und Bündnis 90/Die Grünen
Mittwoch, den 7. Februar 2018
Beginn: 19.00 Uhr

Roßdorf, Kulturhistorischer Verein
Donnerstag, den 12. April 2018
Beginn: 19.30 Uhr

Homburger Lesezeit
Dienstag, den 23. Oktober 2018
Beginn: 19.00

Leseabende zu: AustenBalzacBöllDie Schwestern BrontëDickensDostojewskiGeorge EliotFalladaFontaneGrimmelshausenThomas MannMelvilleTolstoiTwain / Historische Abende: November 18. Texte zur Revolution in Deutschland„Heeresbericht“. Texte zum Ersten WeltkriegDer Deutsch-Französische Krieg 1870/71NapoleonOktober 17. Texte zur Russischen Revolution / Neuerscheinungen des Jahres / Sinn und Sinnlichkeit des Buches

Zu Michael Schikowski

// Immer schön sachlich

// Bücher

Das Leben ist ein Kolportageroman

27641753_9783451068171_xlYvonne Schymura
Vicki Baum
So herrlich lebendig
Romanbiografie
Herder 2017

Vicki Baum entstammt einer Zeit, in der die Heranwachsenden gegen den Willen der Eltern dicke Romane lasen. So las die junge Baum die Buddenbrooks heimlich. Daher blieb dieser Generation (wie einigen Generationen nach ihnen) die Literatur und das Lesen zeitlebens mit Widerstand und Protest verbunden.

Aus der Zeit der erfolgreichen Bestsellerautorin Vicki Baum erzählt Yvonne Schymura in der Form der Romanbiografie. Vicki Baum veröffentlich bereits 1914 erste Texte, arbeitet und versteht sich aber auch immer als Journalistin. Bis zum Zeitpunkt ihrer Emigration war sie Redakteurin für Zeitschriften im Haus Ullstein. Erst 1929 hat sie mit gleich zwei Romanen Erfolg.

Vicki Baum ist als schreibende Frau die modernde und „neue Frau“ und beschreibt mit dem Roman  Stud. chem. Helene Willfüer zugleich lebensnah wie illusionslos die Arbeitswelt für Frauen. Dieser heute nur selten anzutreffende Roman ist ihr erster großer Erfolg von 1929.

Ebenfalls 1929 erscheint dann auch ihr Welterfolg Menschen im Hotel. Über die wenig glamourösen Bedingungen des Schreibens lässt Vicki Baum kaum einen Zweifel aufkommen, ist doch der Untertitel des Romans bewusst nüchtern: ein Kolportageroman, womit er ganz im Stil der Neuen Sachlichkeit bewusst als Unterhaltungsroman voller Klischees und ohne intellektuelle Ansprüche gekennzeichnet wird. Das Leben ist eben ein Kolportageroman.

Beide Romane sind verfilmt worden, erst in den 1930er Jahren in Deutschland und den USA, dann nochmals, an die nach 1933 zerstörte Tradition trotzig anknüpfend, in Deutschland in den 1950er Jahren. Yvonne Schymura erzählt das Leben Vicki Baums in der Form der Romanbiografie nach, unterhaltsam und leicht. Zitate aus Briefen, Tagebüchern und Werken sind im Text gekennzeichnet. Auch das im Übrigen eine Darstellungsform ganz im Stil der Zeit Vicki Baums.

Hier per Link zu einem Text über die neuerlich aufkommende Genre der Romanbiografie.

// Bücher

Ortsbegehung Frankreich

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Tanja Kuchenbecker
Marine Le Pen
Tochter des Teufels
Vom Aufstieg einer gefährlichen Frau und dem Rechtsruck in Europa
Herder 2017

Die erste schlüssige Analyse der rechten Wähler aus der alten Arbeiterschaft legte Didier Eribon in seinem Buch Rückkehr nach Reims in einer Art Ortsbegehung vor. Eribon schildert in diesem Buch sein Zerwürfnis mit der Herkunftsfamilie, die seinem Coming out und wissenschaftlichen Karriere hilf- und ratlos gegenüber steht. Nach Jahren des Schweigens und Fremdwerdens kehrt er zurück. Den Soziologen und Rückkehrer Eribon frappiert, dass in seinem Herkunfsmilieu, das einmal durch und durch kommunistisch war, nun der Front National gewählt wird.

Nach Eribons fast dramatisch anmutender Anaylse – insofern sich hier der Soziologe Eribon auf eine einzigartige Art und Weise selbst beschreibt – geht dem Rechtsruck eine über Jahrzehnte andauernde Liberalisierung von Wirtschaft und Sexualität voraus. In der neuen Konsumkultur sind Geld und Geschlecht nur verschiedene, aber vorgeblich jederzeit und vor allem jedem mögliche Wege der Individualisierung. Dass dies auf Kosten der sozialen Sicherung geschehen sei, ist zwar faktisch nicht ausgemacht, wird aber unzweifelhaft so wahrgenommen.

7252Das war der Grund, weshalb sich im Rahmen einer wie von selbst ablaufenden Neuverteilung der politischen Karten große Teile der Unterprivilegierten jener Partei zuwandte, die sich nunmehr als einzige um sie zu kümmern schien und die zumindest einen Diskurs anbot, der versuchte, ihrer Lebensrealität wieder einen Sinn zu verleihen. (…) Meine Mutter gab schließlich, nachdem sie es lange verleugnet hatte, zu, schon einmal den Front National gewählt zu haben.

Èdouard Louis hat eine ganz ähnliche Entwicklung wie Eribon in seinem Buch Das Ende von Eddy beschrieben, ein Buch, das 2014 auf Deutsch erschien und Didier Eribon gewidmet ist. Die vertrackte Pointe aber fehlt ihm, dass die Geschlechtspolitik in den Sog der wirtschaftsliberalen Individualisierung geriet. Schließlich sorgte die digitale Neugründung für die Auflösung der alten Verbände und Stämme. Mit diesen Stämmen lösten sich nicht allein die homophoben Stammtische auf, sondern auch die linken Stammwähler verliefen sich.

Wohin sie gehen, ist bekannt. In ihrem Buch beschreibt Tanja Kuchenbecker den 1972 von Jean-Marie Le Pen gegründeten Front National, der die Kränkung des Niedergangs der Kolonialmacht Frankreich in rechtsradikale Parteipolitik verwandelte. Das Verlangen nach alter Größe blieb im Zuge wirtschaftlicher Erfolge überschaubar und historisch abgetan. In Le Pens Partei überdauerte es jedoch wie ein Kassiber.

2002 schließlich kam Le Pen bei der Präsidentenwahl auf immerhin 17 Prozent Stimmenanteil. Die Versuche der Verwandlung des Front National zu einer ganz normalen Partei durch Marine Le Pen erzählt nun Tanja Kuchenbecker. Und im Schlußkapitel betrachtet sie die internationale Rechtsfront, ihre Allianzen und Unterschiede von der AfD, FPÖ bis FIDESZ.

Didier Eribon
Rückkehr nach Reims
Suhrkamp 2016

// Bücher

Was wir sehen müssen

28011463_9783351036706_xlGusel Jachina
Suleika öffnet die Augen
Roman
Aufbau 2017

Unsere Verbindung zu den früheren Generationen ist durchbrochen, sie ist abgerissen, schreibt Gusel Jachina. Nun hat sie den Roman über die Generation geschrieben, die die Stalinzeit und die Zeit der Deportationen erlebte und zeitlebens schweigen musste. Suleika öffnet die Augen wurde in Russland ‚Buch des Jahres‘. Gusel Jachina erhielt den Jasnaja Poljana-Preis.

Gusel Jachina beherrscht virtuos die zwei wichtigsten Instrumente, die Verbindung zur eigenen Vergangenheit wieder herzustellen: Imagination und Information, mit anderen Worten Geschichten und Geschichte. Sie erzählt das Leben von Suleika, der verschleppten jungen Frau eines Bauern, der, als sogenannter Kulake, nach den Vorstellungen der kommunistischen Partei ein Feind der Revolution ist. Sie erzählt von Wolf Leibe, der von den Schrecken des Bürgerkriegs halb irrsinnig und bei der GPU denunziert wird und im Irrsinn der Deporation wieder zu sich kommt. Und der Roman erzählt von Ignatow, dem überzeugten Rotarmisten, der die Deportation leitet.

Die Bedingungen des Lagerlebens – die erste Gruppe wird mit nichts weiter als ein wenig Werkzeug und einem Gewehr am Ufer der Angara in Sibirien ausgesetzt – werden zum größeren Teil von der Natur bestimmt. Den anderen Teil bestimmt der Hunger. Alles andere ist Ideologie. Und die wird rein funktional eingesetzt. Mitte Februar 1930 fassen das Zentralexekutivkomitee und der Rat der Volkskommissare der Tatarischen ASSR den Beschluss „Über die Liquidierung des Kulakentums in Tatarien als Klasse. Da sich diese Liquidierung nicht wie gewünscht entwickelt, erreicht man das Ziel auf dem Wege der Klassifizierung: Gefangene der GPU werden kurzerhand zu Kulaken erklärt. Unter diesen dann Wolf Leibe.

Kulak ist ein volkstümlicher Begriff, der im Russland des 19. Jahrhunderts entstand, er bedeutet wörtlich ‚Faust‘ und bezeichnete mitunter auch den durch Faulheit und Alkoholismus verarmten und der Gemeinschaft zur Last fallenden Bauern. Um ihren Klassenkampf aufs Land zu tragen, schlossen die Bolschewiki an diese Tradition der abwertenden Bedeutung an.

Als es den aus Tatarstan verschleppten Bauern nach einigen Jahren der Verbannung in Sibirien eine halbwegs gesicherte landwirtschaftliche Existenz aufzubauen gelingt – einige haben die Baracken verlassen, sich eigene feste Häuser gebaut und Familien gegründet – spricht man in Moskau 1937 vom ‚Wachstum des Kulaken‘. Neue Repressalien und Bestrafungsaktionen bis in den Geheimdienst des NKWD hinein beginnen. Unter diesen Opfern Ignatow.

Suleika öffnet die Augen ist ein großartiger Roman, der die Geschichte, die im Gedächtnis der russischen Gesellschaft kaum einen Platz bekam, in Geschichten erzählt und damit die Verbindung zur Vergangenheit wieder herstellt. Suleika öffnet die Augen und wir mit ihr.