Reden und Schweigen

 

 

Angela Merkel
Was also ist mein Land? Drei Reden
Aufbau 2021

Der Band vereinigt drei Reden von Angela Merkel, die Rede zum Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober 2021, die Rede auf der Sommerpressekonferenz am 31. August 2015 und die Rede vor der Knesset am 18. März 2008. Dabei zeigen vor allem die Reden von 2015 und 2021, wie ambivalent sich in der Biografie von Angela Merkel Wiedervereinigung und Flucht gegenüber stehen – gerade aktuell sichtbar im Vergleich der Impfquoten.

Wer entscheidet, wer die Werte und Interessen unseres Landes versteht und wer das nicht tut, beziehungsweise eben nur, um das Wort noch einmal aufzugreifen, in „angelernter“ Weise? Welches Bild von Wiedervereinigung wird sichtbar? Hier die einen, die seit jeher Bundesdeutsche sind, dort die anderen, die Hinzugekommenen, die sich durch Übung etwas aneignen müssen? Was also ist mein Land?

// Immer schön sachlich

// Bücher

Goldfasan

 

 

Michael Jensen
Totenland
Kriminalroman
atb 2019

Unbestreitbar ist historisches Grundwissen hilfreich. Jedoch steht dieses Wissen manchmal der Vorstellung im Wege, dass es neben der ‚Geschichte‘ für die Menschen auch einen Alltag gegeben hat. Dieser musste irgendwie unbeeindruckt von den Ereignissen, weiter gelebt werden.

So stellt dieser Kriminalroman seinen Ermittler Jens Druwe mitten in eine Zeit, in der man sich kaum vorstellen kann, dass es einen Alltag gab, einen Alltag der geordneten polizeilichen Täterermittlung zum Beispiel. Druwe, 1943 schwer verwundet, ist abgeschobener Revierhauptmann in der tiefen Provinz, die im April 1945 für die hohen Parteifunktionäre nun plötzlich attraktiv wird. Alle wollen aus dem Rampenlicht und treffen Vorsorge für die Zeit nach dem Zusammenbruch.

Ihr Mittelsmann aber, Gerhard Lessling, im Jargon der Nazis ein Goldfasan, weil Profiteur des Regimes, wird tot aufgefunden. Rache der NS-Gegner? Ein politischer Häftling auf der Flucht aus dem Lager? Jens Druwe ermittelt inmitten einer zusammenbrechenden Welt.

// Bücher

Der Fluchthelfer

 

Hannes Sonntag
Solange es noch geht
Roman
Literatur der Zukunft 2019

Jakob Sandlitz ist ein distinguierter Herr, jahrelang treuer Staatsdiener, der bereits pensioniert wird, als im Deutschen Reich das anbricht, was sein Umfeld ab 1933, Frau und ehemalige Kollegen, als neue Zeit begrüßen. Sandlitz schreibt Tagebuch. Er ist allerdings auch darin überaus diskret und zurückhaltend. Der Habitus des preußischen Beamten, der geräuschlos funktioniert, verlässt ihn nicht.

Sein Tagebuch gibt sein Enkel Hannes Sonntag in der Form eines Romans uns zur Kenntnis. Was davon als Dokument vorliegt, was fingiert ist, entzieht sich hier der genauen Nachprüfung. Fotos und faksimilierte Dokumente hätten ja nahe gelegen, sie fehlen. Was aber das Tagebuch enthüllt, begeistert auf zwei Ebenen. Die erste Ebene, die politische, sei hier ausgeplaudert, die andere, die persönliche bleibt im Buch – für die Leser.

Sandlitz beschreibt im seinen Tagebuch, unterstützt von Sonntag, der die Lücken füllt, Mutmaßungen anstellt und einige Sachverhalte zum Verständnis klärt, mehrere Reisen, die er von Berlin aus in den Osten zur Ahnenforschung unternimmt. Auf diesen Reisen lernt er einen beeindruckenden Herrn kennen, den er Renne nennt.

Ich muss es halblaut in mich hineinsagen: ich bin achtundsechzig. Ich möchte es nicht hören, es ist falsch, es ist ganz gegen mein Innerstes, aber immer noch bin ich achtundsechzig. Ich bin ohne körperliche Vorzüge (war nie in irgendeiner Hinsicht attraktiv), ich bin gebunden, ich bin inzwischen gut situiert, aber unendlich weit entfernt von allem, was man wohlhabend oder gar reich nennen könnte. Ich bin nicht weltläufig, wie Renne es in so hohem Maße ist, kann also auch keinen Charme ausstrahlen, der drauf fußt. Ich bin, und das ist alles, einsichtig und konsequenterweise besten Willens, was die tragischen Umstände in meinem Vaterland betrifft. Ja, und ich bin – der einzige Posten im persönlichen Plus – ich bin im klassischen alten deutschen Sinne gebildet, was für mich, vielleicht anachronistischerweise, immer noch etwas ganz und gar Lebendiges, sehr innig Gefühltes ist.

In Renne findet Sandlitz, den man sich vielleicht gegenüber Frau und erwachsenen Kindern, als intellektuell einsamen Mann vorstellen muss, einen Gesprächspartner, den er neidlos bewundert. Und es scheinen die Bildung und Kultur zu sein, auch ein wenig die Einsamkeit eines häufig versetzten Beamten, die ihn zu einem Gegner des Regimes machen. An einer Stelle im Tagebuch offenbaren sich Sandlitz und Renne, vorsichtig und langwierig, ihre Ablehnung des Naziregimes. Renne bittet Sandlitz, bei Ausreiseanträgen juristisch zu helfen. Über Mittelsmänner erhält er die Akten. Sandlitz‘ Frau verschweigt er den Kontakte zu Renne und den Flüchtenden.

All dies spielt sich in der Zeit vor und während der Olympiade 1936 ab, in der Sandlitz‘ Umfeld vor Begeisterung über die neue Zeit platzt. Er und Renne haben schon damals den Eindruck, nur verdeckt und konspirativ helfen zu können. Während der Olympiade lernt Sandlitz durch Renne eine Dame aus Schweden kennen. Anlässlich dieser Begegnung kommt es zu dem Eintrag oben, der ihn, den Fluchthelfer, bald darauf konkrete Fluchtpläne schmieden lässt.

 

// Leseabend

Heinrich Böll. Ein Leseabend mit Michael Schikowski

Lesung aus dem Werk von Heinrich Böll

boell-foto-2Heinrich Böll hat das Bild des Schriftstellers als kritischen Zeitgenossen wie kein anderer geprägt. Im Stil der Zeit sprach man von ihm lakonisch als Chronisten.

Seine politischen Einlassungen zu den Zuständen und Entwicklungen der Bundesrepublik Deutschland sind untrennbar mit seinen großen Romanen verbunden. An diesem Leseabend werden die wichtigen Romane Bölls im Mittelpunkt stehen. Sie alle, Billard um halb zehn (1959), Ansichten eines Clowns (1963), Gruppenbild mit Dame (1971) und schließlich Fürsorgliche Belagerung (1979) behandeln die zentralen gesellschaftspolitischen Themen der Republik: Vergangenheitsbewältigung, Kirche, Presse und den deutschen Herbst.

Heinrich Bölls Bücher entstammen einer Zeit, in der man von der Wirkung der Literatur überzeugt war. Auf sie konnte man hoffen. Vor ihr wurde aber auch, vor allem was Böll anging, ganz ernsthaft gewarnt. Mit Heinrich Böll blicken wir in eine Zeit zurück, in der die Literatur noch geholfen hat, eben weil man davon überzeugt war, dass sie schaden konnte.

Auf die Ereignisse der Gegenwart reagierte Böll nicht nur thematisch, sondern auch mit veränderten Schreibweisen. Bölls Satiren stehen dabei den sozialkritischen Romanen in nichts nach. 1972 erhielt Heinrich Böll den Nobelpreis für Literatur.

An diesem Leseabend wird das Beste von Heinrich Böll zu hören sein.

Mit freundlicher Unterstützung von dtv.
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Zu Michael Schikowski

Bücher zum Leseabend

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Weitere Leseabende: Jane AustenHonoré de Balzac – Vicky Baum – Heinrich BöllDie Schwestern Brontë – Iwan Bunin – Daniel Defoe Charles DickensFjodor DostojewskiGeorge EliotLouise Erdrich Hans Fallada – Patrick L Fermor –Lion FeuchtwangerGustave FlaubertTheodor FontaneGrimmelshausen – Georg Hermann – Heinrich Heine – E.T.A. Hoffmann – Victor Hugo Franz Kafka – Gottfried Keller – Irmgard Keun – Christine Lavant –  Jack LondonThomas MannMark TwainHerman Melville MultatuliAnna Seghers – Elizabeth Taylor – Gabriele Tergit –  Lew Tolstoi – Louise de Vilmorin

Musikalischer Leseabend: Über BeethovenÜber Mozart

Historischer Leseabend: Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71
Weitere: November 18. Texte zur Revolution in Deutschland„Heeresbericht“. Texte zum Ersten WeltkriegNapoleonOktober 17. Texte zur Russischen Revolution / Neuerscheinungen des Jahres