Das Jahr der Frauen

Unda Hörner
1919
Das Jahr der Frauen
Ebersbach und Simon 2018

Unda Hörner erzählt aus jedem Monat des Jahres 1919, dem Jahr, in dem für die Frauen alles möglich schien. Trotzdem wäre es falsch die Vorarbeit der Frauen in Deutschland wie in England und der Vereinigten Staaten zu unterschätzen. In Preußen lag der Anteil der Frauen unter den Studierenden bereits bei fast zehn Prozent. Die Reformideen der Frauen in der Bildungs- und Sozialarbeit um 1900 trugen entscheidend zum Jahr der Frauen von 1919 bei.

Maria Juchacz hält als erste Frau eine Rede im Reichstag, Käthe Kollwitz wird an die Akademie der Künste berufen. Ereignisse, die freilich aus einem enormen Reformstau der Gesellschaft herrühren, die den Kriegszielen des Ersten Weltkriegs alles andere unterordnete. Dass auch danach der Kampf um die politische Neuordnung weiter tobt, zeigt der Mord an Rosa Luxemburg. Weiterhin erzählt Unda Hörner u.a. von Sylvia Beach, Marie Curie und Coco Chanel.

 

// Immer schön sachlich

// Bücher

Stellen von Nichts

Gianna Molinari
Hier ist noch alles möglich
Roman
Aufbau 2018

Eine Verpackungsfabrik, die fast schon abgewickelt ist. Innen wird sie mittels Überwachungskameras bewacht. Draußen ein Wolf am löchrigen Werkszaun. Stellen von Nichts überall, bei der Verpackung, im Zaun, im Bild der Kamera. Nichts erscheint. Arbeiten wir nicht alle in einer Verpackungsfabrik in der Abwicklung, in der der Chef, der uns eingestellt hat, den Eindruck vermittelt, er könne nicht von ihr lassen. Die literarische Parabel unseres Lebens.

// Leseabend

Heinrich Böll. Ein Leseabend mit Michael Schikowski

Lesung aus dem Werk von Heinrich Böll

boell-foto-2Heinrich Böll hat das Bild des Schriftstellers als kritischen Zeitgenossen wie kein anderer geprägt. Im Stil der Zeit sprach man von ihm lakonisch als Chronisten.

Seine politischen Einlassungen zu den Zuständen und Entwicklungen der Bundesrepublik Deutschland sind untrennbar mit seinen großen Romanen verbunden. An diesem Leseabend werden die wichtigen Romane Bölls im Mittelpunkt stehen. Sie alle, Billard um halb zehn (1959), Ansichten eines Clowns (1963), Gruppenbild mit Dame (1971) und schließlich Fürsorgliche Belagerung (1979) behandeln die zentralen gesellschaftspolitischen Themen der Republik: Vergangenheitsbewältigung, Kirche, Presse und den deutschen Herbst.

Heinrich Bölls Bücher entstammen einer Zeit, in der man von der Wirkung der Literatur überzeugt war. Auf sie konnte man hoffen. Vor ihr wurde aber auch, vor allem was Böll anging, ganz ernsthaft gewarnt. Mit Heinrich Böll blicken wir in eine Zeit zurück, in der die Literatur noch geholfen hat, eben weil man davon überzeugt war, dass sie schaden konnte.

Auf die Ereignisse der Gegenwart reagierte Böll nicht nur thematisch, sondern auch mit veränderten Schreibweisen. Bölls Satiren stehen dabei den sozialkritischen Romanen in nichts nach. 1972 erhielt Heinrich Böll den Nobelpreis für Literatur.

An diesem Leseabend wird das Beste von Heinrich Böll zu hören sein. Michael Schikowski ist Lehrbeauftragter der Universität Düsseldorf und seit vielen Jahren als leidenschaftlicher Vorleser unterwegs.

Mit freundlicher Unterstützung von dtv.
Bücherliste

 

Zu Michael Schikowski

Bücher zum Leseabend

Weitere Leseabende: Jane AustenHonoré de BalzacHeinrich BöllDie Schwestern BrontëDaniel Defoe Charles DickensFjodor DostojewskiGeorge EliotHans FalladaLion FeuchtwangerTheodor FontaneGrimmelshausenVictor Hugo Franz Kafka – Gottfried Keller Jack LondonThomas MannMark TwainHerman Melville MultatuliRomain Rolland Anna SeghersLew Tolstoi

Ein historischer Leseabend: Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71
Weitere: November 18. Texte zur Revolution in Deutschland„Heeresbericht“. Texte zum Ersten WeltkriegNapoleonOktober 17. Texte zur Russischen Revolution / Neuerscheinungen des Jahres

 

// Bücher

Erleben und verstehen

Daniel Höra
Was wir nicht wollten
Roman
Ueberreuter 2018

In ihrem Gartenprojekt in der reichlich herunter gekommenen Siedlung gehen die Freunde richtig auf. Wie unter Anleitung eines nicht existierenden Sozialprojektleiters findet jeder der fünf, Koko, Betty, Tomi, Scholle und der Erzähler einen Platz in der Gruppe und im Garten.

Gemeinsam bauen sie etwas auf. Bis ein Bagger alles platt macht. Ihre harmlos geplante Rache wächst ihnen über den Kopf, auch weil Heiner plötzlich auftaucht, der immer wieder einmal Nietzsche, den Verführer zur Verachtung, zitiert.

Wie ein Gegengift, ein analytisches allerdings, erläutert der dreizehnjährige Erzähler die Geschichte immer wieder aus dem Fundus der Erkenntnisse der Anthropologin Katje van Ripwinkel, deren Buch über Gruppenverhalten er gelesen hat. Ein seltenes und wunderbares Beispiel für ein Jugendbuch, das die Leistungsfähigkeit von Wissen in Situationen zeigt, die uns überfordern.

Und noch viel mehr, Höra zeigt, dass Lektüren einen Fundus an Erklärungen bereitstellen, die wir erst im Augenblick des Erlebens heranziehen. Hier erklären Texte nicht allein das Erlebte, sondern auch das Erlebte den Text.

Ripwinkel hatte den Jagdinstinkt mal als ‚Befreiung vom Denken‘ bezeichnet. Das hatte ich nie verstanden. Bis eben. Statt dem Kult des bloßen Erlebens zu frönen, durch das sich dann irgendwie alles von selbst versteht, zeigt Höra seinen Helden beim Versuch, die Ereignisse intellektuell zu verarbeiten. Ein grandioses Buch.