In einer kleinen erfundenen Geschichte

Catherine Lacey
Niemand verschwindet einfach so
Roman
Aufbau 2017

Elyria schreibt Soaps fürs Fernsehen. Sie wohnt mit ihrem Mann Charles Riley, einem Assistenzprofessor für Mathematik, an der Upper West Side von Manhattan. Dann bricht sie plötzlich nach Neuseeland auf und trampt durch das Land. Im Roman wird ihr gesagt:

Sie können sich vorstellen, dass andere Leute sich womöglich wundern und nicht verstehen, warum Sie beschlossen haben, einfach Ihre Sachen zu packen und zu gehen, ohne wenigstens Ihrem Mann zu sagen, wohin Sie wollten.

Es scheint ihr aber unmöglich, sich so verständlich zu machen wie es andere erwarten dürfen. Sie nennt ihre Beweggründe ein wildes Biest. Man soll sein wildes Biest, schreibt sie, nie provozieren oder ihm zuwiderhandeln, deshalb ging ich fort, und so lag es wohl an ihm, dass ich nicht richtig tickte, aber inwiefern es selbst nicht richtig tickte, war mir nicht ganz klar.

An einer Stelle im Roman liest Elyria das Buch von Evan S. Connell Fabelhafte Mrs. Bridge (Link zur Besprechung), das 1959 zuerst erschien. Elyria ist eine Tochter dieser Mrs. Bridge, über die es gleich im ersten Satz des Romans heißt: Ihr Vorname war India – sie konnte sich nie daran gewöhnen. Mrs. Bridge bleibt in ihrem entfremdeten Leben gefangen.

Elyria Riley muss aber feststellen, dass das entfremdete Leben vermutlich nicht auf etwas zurückzuführen ist, das sich Mrs. Bridge vielleicht nicht zutraut, dem sie in gewisser Weise ihr Leben lang ausweicht. Im Unterschied zu Mrs. Bridge tritt Elyria Riley aus ihrem Leben heraus, verschwindet und wird zur Beobachterin des Lebens selbst:

Den nächsten erinnernswerten Teil meines Lebens verbrachte ich damit, zu beobachten, wie die leicht wellige Oberfläche meines Kaffees zitterte, und mir wurde immer intensiver bewusst, dass jeder auf diesem Planeten die ganze Zeit ein klein wenig zittert. (…) Wir bemerken all dieses Zittern gar nicht, bis ein Moment kommt, in dem wir es plötzlich doch bemerken, und die meisten Menschen sind in der Lage, es für eine Weile zu vergessen, bis sie es wieder bemerken, aber ich kann nicht aufhören zu sehen, wie die Erde und alles, was sich darauf befindet, unablässig zittert.

Ihr Ziel ist unbestimmt und mehr oder weniger zufällig gewählt. Aus der Konvention des gegenseitigen sich Anlügens – aus Mrs. Bridge wird zitiert, wie Mrs. Bridge einen Selbstmord als einem Unfall erzählt – kommt auch Elyria Riley nicht heraus:

Und ich wusste, dass ich log, aber dieser Jemand schien es nicht zu wissen, es sei denn, er wusste mittlerweile genug über mich, um zu wissen, wann ich log, und wenn dieser Jemand das wusste, dann log er mich nun seinerseits an, indem er sagte, mach’s gut, und das war nett von ihm, uns weiter in einer kleinen erfundenen Geschichte leben zu lassen; manchmal denke ich, dass ich davon nicht genug im Leben bekomme, aber dann wieder scheint mir, ich bekomme mehr davon, als mir zusteht.

// Immer schön sachlich

// Bücher

Eisgang

22398277_22398277_xlTeffy alias Nadeshda Lochwizkaja
Champagner aus Teetassen
Meine letzten Tage in Russland
Aufbau 2014

Nadeshda Lochwizkaja (1872 – 1952) veröffentlichte ihre Feuilletons, Theaterstücke und Satiren im Zarenreich unter dem Namen Teffy. Ihre Flucht aus dem revolutionären Moskau, in dem Sicherheit und Ordnung komplett zusammenbrechen, schildert sie in diesem Buch. Sie flieht 1918 nach Kiew, nach Odessa und dann weiter nach Noworossik.

Über die Zustände in Moskau schreibt sie an einer Stelle: Diese letzten Moskauer Tage verliefen in nebulösem Durcheinander. Menschen tauchtem aus dem Nebel auf, wuselten herum, verschwanden im Nebel, neue tauchten auf. Wie wenn man in der Frühjahrsdämmerung auf den Eisgang schaut – man sieht dort etwas treiben, eine Fuhre Heu oder eine Hütte, auf einer anderen Eisscholle vielleicht einen Wolf und verkohlte Holzscheite. Es wirbelt herum, dreht ab und verschwindet mit der Strömung für immer. Und du weißt nicht, was es eigentlich war.

Im Süden des Landes formiert sich der Widerstand gegen die Bolschewiki. Die Ukraine ist autonom – nur für eine kurze Zeit. Gleichwohl geht auch dort der Kampf der Bolschewiki, der Weißen und der ukrainischen Nationalisten unvermindert weiter. Die Mittelmächte Deutschland und Österreich und die Entente mit Frankreich und England versuchen außerdem, ihren Einfluss zu sichern.

Wie viele tarnte Teffy ihre Flucht gegenüber den Bolschewiki als Lesereise, was zu einigen ebenso grotesken wie düsteren Episoden Anlass gibt. Die Flüchtlinge, die zu unfreiwilligen Gastspielen gezwungen werden und sich den Weg mehr oder weniger mit Rubeln freikaufen müssen, wissen nie, ob sie mehr von Banditen oder einem angebotenen Geleitschutz bedroht werden – überall sind sie Opfer von Gerüchten, Spekulationen und vor allem ihrer vagen Hoffnung auf eine Niederlage der Bolschewiken.

Wer flieht, hat diese Hoffnung endgültig aufgegeben. Mit einem Dampfschiff verlässt Teffy 1919 Russland von Noworossik aus für immer und lebt bis zu ihrem Tod in Paris. Dort gehört sie mit dem Schriftstellerpaar Sinaida Hippius und Dmitri Mereschkowski zu dem Kreis von russischen Emigranten, die vom Schreiben leben können.

Die in diesem Buch versammelten Texte erschienen zunächst 1928 als Feuilletons und kamen dann 1931 als Buch heraus. Feuilletons in der liberalen Presse des zaristischen Russland und der Presse der russischen Emigranten machen auch dem Umfang nach den Hauptteil des Werks von Teffy aus. Ihre Erinnerungen, so auch der ursprüngliche Titel, liegen hier erstmals in deutscher Sprache vor.

Link zum Leseabend: Oktober 17. Texte zur Russischen Revolution.

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Das erste deutsche Sachbuch

26052856_9783847700180_xlGeorg Forster
Ansichten vom Niederrhein von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich im April, Mai und Junius 1790
Die Andere Bibliothek 2016

„Forster“, so Jürgen Goldstein im Vorwort, „wendet auf die europäischen Staaten jenen kultur- und politikwissenschaftlichen sowie ethnologischen Blick an, den er während seiner Weltumsegelung ausgebildet und anhand exotischer Völker erprobt hat.“ Er sieht die uns selbstverständliche Umgebung mit den Augen, die einen Pinguin oder die Araukarie erstmals zu erkennen, zu erfassen und auschaulich zu beschreiben suchten. Längst ist uns der Pinguin aus dem Zoo vertraut und die Araukarie, ein aus Chile stammender exotischer Modebaum der 1960er Jahre, steht in vielen Vorgärten.

Aus seinen Briefen zum Buchprojekt geht hervor, dass Forster hier nicht allein, worauf Goldstein hinweist, eine Beschreibung der neuen, der revolutionären Zeit im Grenzbereich zu Frankreich zu schreiben unternahm, sondern dass er sich bewusst war, mit den Ansichten einen neuen Typ Buch zu publizieren. Es spricht viel dafür, dass es sich um einen Buchtyp handeln könnte, den man heute vielleicht als Sachbuch bezeichnet.

Dafür spricht zunächst, dass Forster in jedem Fall gelesen werden wollte, darum wählte er den „Briefton“, der von Seume und Börne bis hin zu van Ense und Fürst Pückler von Bedeutung für populäres Schreiben kennzeichnend bleiben sollte. Außerdem versprach er sich von dem Projekt erheblichen Erfolg und einige Einkünfte, die leider ausblieben.

Als Autor entspricht Forster ja ohnehin weniger dem Gelehrten als dem weitläufig gebildeten Intellektuellen, einem ebenso naturwissenschaftlich wie politisch gebildeten Kopf, der vom Schreiben zu leben versuchte. Verwirklicht wurde diese Lebensform in den deutschen Ländern allerdings erst einige Jahrzehnte später, vielleicht zu Beginn des Biedermeier, als Publizistik und beginnende Industrialisierung Autoren ein Auskommen bieten konnten.

Der umständliche Titel allerdings diente der Tarnung als „Expeditionsbericht“ (Goldstein), um an der Aufmerksamkeit der für revolutionäre Umtriebe zuständigen politischen Polizei vorbei, den Lesern „den politischen Wandel Europas“ vor Augen zu führen. Die Besetzung der Rheinlande durch die Armeen der Revolution und Forsters Engagement in der Mainzer Republik ließen das auf drei Bände berechnete Projekt, von dem zwei erschienen, als überholt erscheinen. So blieb es unvollendet.

Nur wenige Jahre nach Forsters Tod beschrieb Friedrich Schlegel den Autor der Ansichten als einen „gesellschaftlichen Schriftsteller“, womit er gewiss auch den Blick Forsters für das soziale Gefüge meinte, in der die Menschen, die Forster in den Ansichten schildert, arbeiten, essen, schlafen und hoffen. Forster gelingt es, die Selbstverständlichkeit, in der sie und mit der sie leben, wie mit fremden Augen zu sehen und zu befragen.

Und auch kann man die Ansichten das erste deutsche Sachbuch nennen, weil es, wie das Sachbuch generell, im Grunde kein Thema flieht, kein Thema des Interesses der Beschreibung für unwürdig ansieht.

 

// Bücher

I like to be in America

26053480_9783351050313_xlJohn Fante
1933 war ein schlimmes Jahr
Blumenbar 2016

John Fantes Roman 1933 war ein schlimmes Jahr erschien posthum 1985. Er liegt hier erstmals auf Deutsch vor, übersetzt von Alex Capus.

Fante erzählt darin die Geschichte von Dominic Molise, der mit seinem Arm, den er stets Den Arm nennt, Großes vor hat. Mit der einzigen Begabung, die dieser 17-jährige Junge besitzt, soll ihm nichts weniger gelingen, als ein Baseball-Star zu werden. Er trainiert hart und wird vermutlich als Sohn eines arbeitslosen Maurers doch nur das übliche Schicksal italienischer Einwanderer in einem Nest am Fuße der Rocky Mountains teilen.

In der Atmosphäre der amerikanischen Depression, einer verschneiten hinterwäldlerischen Kleinstadt, in der viel gebetet wird, hat die noch in Italien geborene Generation nichts als Spott für den amerikanischen Traum übrig.

Seine Schulaufgaben erledigt Dominic, der auf die Schule der Schwestern vom Orden der Heiligen Katharina geht, mit leichter Hand und vielleicht zeigt sich darin, dass doch mehr in ihm steckt, etwas, das weder die Familie noch das Umfeld von ihm erwarten. Auch nicht Schwester Mary Delphine, der er einen betörenden Aufsatz über den mystischen Leib Christi hinpfeffert.

Die Großmutter, eine Skeptikerin des modernen Lebens, meint nun denn auch: „Da sitzt er nun also, unser großartiger junger Amerikaner. Die Frucht eines amerikanischen Leibes, der Stolz seiner unterbelichteten Mutter, die Hoffnung kommender Generationen, und verbraucht Strom.“