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Die Verrohung der Welt


Ab 1929 wurden von den sowjetischen Machthabern Russlands im Komi-Gebiet weit im Norden eine Fülle von Lagern errichtet. Ein Gebiet, das in der Zarenzeit als unbesiedelbar galt – selbst für Verbannte. Stalin und die für die Lager zuständigen Geheimdienstchefs Jagoda, Jeschow und Berija sahen das anders. Verwaltungszentrum wurde das Lager Workuta.

Den kürzesten Bericht liefert Horst Bienek, aus dessen Nachlass ihn Michael Krüger herausgegeben hat. Ein Gedächtnisprotokoll, eher widerwillig entstanden. Bienek schreibt: „Ich habe in vielen Städten, auch im Ausland, aus der ‚Zelle‘ gelesen, und die Zuhörer sagten manchmal, wie schrecklich (…). Aber nach Workuta hat bisher keiner gefragt.“

Auf dem Weg von Moskau nach Workuta liegt der Ort Petschora. Dort ist Lew Mischtschenko interniert. Als Heimkehrer aus dem großen vaterländischen Krieg gegen Nazideutschland wird er, wie alle anderen Kriegsgefangene aus Deutschland auch, sofort verhaftet und zu einer jahrzehntelangen Freiheitsstrafe wegen Spionage verurteilt. Entgegen allen Vorschriften des Gulag gelingt es ihm und seiner Frau Swetlana weit über tausend Briefe auszutauschen.

Figes, der das Konvolut der Briefe entdeckt hat, erkennt sofort, dass sich in Lews Briefen ein einzigartiges zeitgenössisches Protokoll des Lagerlebens verbirgt. Zum Glück aber lässt der Historiker dem Romancier Figes genügend Platz für einen Brief-Roman.

Erwin Jöris Weg ist ein Weg durch das „Zeitalter der Extreme“, das sich durch die Herrschaft der Verbrecher auszeichnet. Denn Workuta wie Peschora, wie alle anderen Lager werden von Verbrechern, von Mördern, Dieben, Schlägern regiert – Bladnois wie man sie auf Russisch nannte. Eine Verrohung der Welt.

Andreas Petersen hat das Leben von Erwin Jöris aufgeschrieben, erläutert und kommentiert und daraus einen großen Lebensbericht werden lassen. Er reicht von den Straßenschlachten der Republik, dem Leben als Häftling in deutschen Lagern, von der Zeit der russischen Industrialisierung und des Terrors, von der Zeit als Soldat der Wehrmacht, in russischer Kriegsgefangenschaft, in der frühen DDR, um dann schließlich, verurteilt zu fünfundzwanzig Jahren Haft, nach Workuta verschleppt zu werden. Ein Leben im Mahlwerk der Regime.

Alle drei, Horst Bienek, Lew Mischtschenko und Erwin Jöris sind Überlebende, die der Verrohnung der Welt etwas entgegen zu halten haben: ihre Erinnerung.

Horst Bienek
Workuta
Wallstein 2013

Orlando Figes
Schick einen Gruß, zuweilen durch die Sterne
Eine Geschichte von Liebe und Überleben in Zeiten des Terrors
Hanser Berlin 2012

Erwin Jöris, Andreas Petersen
Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren
Ein Jahrhundertdiktat
Marix 2012

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Deutscher Sang

Bernt Ture von zur Mühlen
Hoffmann von Fallersleben
Biographie
Wallstein 2010

Dass man über Hoffmann von Fallersleben eigentlich mehr wissen müsste, als dass er der Verfasser der deutschen Nationalhymne ist, wird erst bewusst, wenn man sich mit Kindern beschäftigt. Dann wird im Gedächtnis gekramt und gesungen was sich noch findet: „Alle meine Entchen“, „Winter, ade“ oder „Morgen, Kinder, wird’s was geben“. Da das meistens nicht so ohne Nachschlagen klappt, stößt man in den Liederbüchern immer wieder auf Hoffmann von Fallersleben.

Wer dieser Heinrich Hoffmann war, der seinem Namen den Geburtsort Fallersleben anhängte, erfährt man aus dieser ersten Biographie von Bernt Ture von zur Mühlen. Von zur Mühlen ist dabei der ideale Biograph, da er nicht allein Hoffmanns dichterisches Werk in einen literaturwissenschaftlichen Fokus zu stellen vermag, sondern als Buchwissenschaftler die ökonomischen Bedingungen der Publizistik dieser Zeit genau übersieht. Dichter sind offensichtlich eben solche Konjunkturritter und Spekulanten wie ihre Zeitgenossen. Nach Ausbruch des französisch-österreichischen Krieges 1859, so liest man zum Beispiel bei von zur Mühlen, lässt Hoffmann schnell eine Neuauflage älterer nationaler Lieder drucken, die unbeachtet bleiben, denn einige Tage später ist der Krieg bereits beendet.

Aber von zur Mühlen ist auch der ideale Reisebegleiter des leidenschaftlichen Büchermenschen Hoffmann. Hoffmanns Lebensweg ist mit einer ganzen Reihe von bedeutenden Funden von Büchern und Handschriften in den Bibliotheken Deutschlands verbunden. Diese Funde machte er der Germanistik und Niederlandistik erstmals zugänglich. Dabei lässt Bernt Ture von zur Mühlen auch seine Leser nicht allein, gibt im Text alle Erklärungen über Orte und Namen, die heute ungeläufig sind, lässt im Anhang Anmerkungen und Literaturverzeichnis folgen und schließt den Band mit einem Register ab.

Für von zur Mühlen, das merkt man seinem Buch auf jeder Seite an, ist ein publiziertes Buch nicht einfach ein Text, sondern ganz entschieden auch ein Handelsprodukt. So antwortet der Verleger Campe dem Kritiker Heinrich Heine, der Hoffmanns Unpolitische Lieder von 1840 einfach nur „spottschlecht“ fand: „Ganz meine Ansicht. Aber sie gehen.“

Das Buch ist ein gemachter und hergestellter Gegenstand, der sich auf vielerlei Weise, gewiss nicht nur literaturwissenschaftlich, erfassen lässt. So erscheinen Bücher bei von zur Mühlen nicht nur irgendwo und irgendwann, sondern sie werden von jemandem hergestellt und gelagert, gezielt gewidmet oder anonym gedruckt, und sie werden von jemandem verkauft oder einfach nur losgeschlagen. Hier wird eine Seite des Dichtens und Forschens deutlich, die man sich für die Veröffentlichungen über unsere heutigen Schriftsteller und Wissenschaftler noch vergebens wünscht.

Dabei war man schon zu Zeiten der Begründung der deutschen Germanistik so weit. Wilhelm Scherer, der 1877 den ersten Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte erhielt, schrieb in seiner Poetik bereits, dass „eine Geschichte der Preise sehr wünschenswerth“ sei, und darunter verstand er ausdrücklich „eine Geschichte der Honorare“. Auch diese Geschichte, wie der im Deutschlandlied genannte „deutsche Sang“ von klingender Münze begleitet wird, diese Geschichte hat Bernt Ture von zur Mühlen großartig lesbar aufgeschrieben. Die deutsche Hymne, die erst 1922 national wurde, setzt von zur Mühlen übrigens genau in die Mitte seiner Biographie. Beim Namen Hoffmann von Fallersleben dreht sich noch heute alles um sie.