//

// Bücher

Geschlecht und Gewalt


Édouard Louis
Das Ende von Eddy
Roman
S. Fischer 2015

Die Geschichte der französischen Dörfer ist noch nicht geschrieben. Aus der Perspektive unseren letzten Urlaubs in der Picardie ist die nicht zu erzählen. Louis erzählt sie. Jeder kennt dieses Dorf mit dem Gefallenendenkmal des Ersten Weltkriegs auf dem zentralen Platz, Kirche, Mairie und Schule darum. Der Bushaltestelle in der Nähe und den um nichts mehr als Alkoholnachschub besorgten Jugendlichen.

Darunter der schwule Eddy Belleguelle, der von Beginn an falsch geht und falsch spricht, nicht männlich und zur Zielscheibe gezielter, wiederholter Attacken der Jungen wird. Er schreibt: „Ich weiß nicht , ob die Jungen ihr Verhalten als brutal bezeichnet hätten. Die Männer im Dorf benutzten dieses Wort nie, in ihrem Mund gab es das nicht. Für einen Mann war Brutalität etwas Selbstverständliches, Natürliches.“

Vor dreissig Jahren studierte man bei diesem Schicksal Psychologie. Édouard Louis, gerade mal 22 Jahre alt, studiert jetzt Soziologie. Die Soziologie von Geschlecht und Gewalt im französischen Dorf, in dem einer wie er nur auf ein Ende seiner Zeit dort hoffen kann. So oder so.

// Bücher

Das beste Sachbuch und die besten Sachbücher 2014

Ausgezeichnet werden für das Jahr 2014 Bücher in den folgenden Kategorien: erzählendes naturwissenschaftliches Sachbuch, erzählendes historisches Sachbuch, Reportage, Essay, Biografie, Autobiografie und Ratgeber.

Die besten deutschsprachigen Sachbücher des Jahres werden bereits seit 2008 auf dieser Seite präsentiert. Zu den prämierten Büchern der vergangenen Jahre am Ende dieser Seite. Ein Preisgeld steht nicht zur Verfügung. Jury: Michael Schikowski.

———-

Kategorie bestes erzählendes naturwissenschaftliches Sachbuch

Eine populär geschriebene Beziehungsgeschichte, die keine Facette ausspart.

Christina Hucklenbroich
Das Tier und wir
Einblicke in eine komplexe Freundschaft
Blessing 2014

———-

Kategorie bestes erzählendes historisches Sachbuch

Müchlers schmales Buch widerrät hier einmal der verbreiteten Neigung zum Wälzer, die vor allem historische Schriftsteller befällt. Müchler erzählt ebenso knapp wie klar.

Günter Müchler
Napoleons Hundert Tage
Theiss 2014

———-

Kategorie beste Reportage:

Wolfgang Büscher beweist was atemberaubendes Erzählen gegenüber atemloser Benachrichtigung zu leisten vermag.

Wolfgang Büscher
Ein Frühling in Jerusalem
Rowohlt Berlin 2014

———–

Kategorie bester Essay:

Die glasklare Analyse der schweigenden Mehrheit, nicht aber die Erzählung, die sie zu ihrer Beruhigung benötigte.

Heinz Bude
Gesellschaft der Angst
Hamburger Edition 2014

————

Kategorie beste Biografie:

Susanne Kippenberger hat sich mit diesem wunderbar lesbaren Buch endgültig in den obersten Rang des deutschsprachigen Sachbuchs geschrieben.

Susanne Kippenberger
Das rote Schaf der Familie
Jessica Mitford und ihre Schwestern
Hanser Berlin 2014

———-

Kategorie bestes autobiografisches Buch

An einer Stelle spricht Strauß bei seinen Erinnerungssplittern an seine Kindheit in Bad Ems passend von “Prosascherben”. In der Sprache dieses Autors behalten alle diese Scherben ihre Farbe und Schärfe.

Botho Strauss
Herkunft
Hanser 2014

————-

Kategorie bester Ratgeber

Ein großartiges Hausbuch und notwendiges Familienlesebuch.

Udo Baer, Gabriele Frick-Baer
Das große Buch der Gefühle
Beltz 2014

Hier zum besten Sachbuch und den besten Sachbüchern der Jahre 2013,
2012
, 2011, 2010, 2009, 2008.

// Bücher

Witschs Welt

Frank Möller
Das Buch Witsch
Das schwindelerregende Leben des Verlegers Joseph Caspar Witsch
Kiepenheuer und Witsch 2014

In einer dem Buch mitgegebenen Nachbetrachtung schreibt Frank Möller, dass sein Buch ursprünglich auf 250 Seiten geplant war. Dass es dann über 700 Seiten wurden, ist allerdings nicht auf den Autor zurückzuführen, sondern auf uns, seine Leser:

„Vieles ließ sich auch nur schwer erklären, ohne Vorangegangenes zu berücksichtigen. Wie wollte man zum Beispiel Witschs rigiden Antikommunismus verstehen, wenn man die Jahre 1945 bis 1948 in Jena außer Acht lassen würde? Wie den Umgang mit nationalsozialistisch belasteten Autorinnen und Autoren, ohne Witschs eigene Geschichte als oberster Volksbibliothekar Thüringens zwischen 1936 und 1945 zu kennen?“

Man sieht schon, das kleinere Buch wäre ein ziemlich typisches Kiwi-Buch geworden, hell und schnell. Der vorliegende Wälzer nun ist eine auf der Grundlage umfangreicher Archivarbeit zugleich fundierte und überaus gut geschriebene buchwissenschaftliche Forschungsarbeit. Einerseits, denn andererseits hat Möller die Bücher, die Witsch wichtig waren, auch gelesen und bezieht diese literaturwissenschaftlichen Erkenntnisse in seine Darstellung mit ein.

Möller gelingt es, tief in die Mentalitätsgeschichte der Verlagswelt, den Bedingungen der verlegerischen Kulturarbeit zwischen 1930 und 1970 einzudringen. Verlegerische Arbeit, das wird hier besonders deutlich, ist dabei nicht allein Beziehungsarbeit, die darauf beschränkt wäre, das was in Gesellschaft und Politik geschieht, in Büchern festzuhalten und darzustellen, sondern sie ist selbst ein gesellschaftpolitischer Beitrag.

Der Umfang von Möllers Witsch zeigt auch, wie wenig – will man das Material nicht mit Rechts-Links-Etikettierungen zukleben – bekannt die historischen Voraussetzungen des letzten Jahrhunderts und wie tief vergangen die Bedingungen dieser Buchkultur sind.

Vielleicht ist das Buch Witsch auch ein Anlass, das Verhältnis von Geschichte und Buchkultur in den Blick zu nehmen. Vielleicht ist die heutige Geschichtsvergessenheit auch Grund für die Veränderungen der Buchkultur oder, umgekehrt, das Verschwinden einer lebendigen Buchkultur, Grund für den Rückgang historischen Wissens.