//

// Bücher

Der ganze Krieg

Jean Echenoz
14
Roman
Hanser Berlin 2014

Jean Echenoz zeigt, dass voluminöse Gesamtdarstellungen den Krieg verfehlen können, insofern ihre Autoren, irgendwie unentschieden darüber, was wirklich wichtig ist, alles zu Papier bringen, was ja noch anginge, wenn nicht dann auch der Verlag, unentschieden wie der Autor, sich entscheidet, einfach alles zu drucken, damit es nachher nicht heißt, dass etwas fehlt. Hier der Erste Weltkrieg in einer kurzen Erzählung von fünf Schicksalen, vollständig, kurz und schmerzvoll.

// Bücher

Fiesling, Fremdling, Freundling

Christoph Poschenrieder
Das Sandkorn
Roman
Diogenes 2014

Jacob Tolmeyn ist promovierter Kunsthistoriker in Rom am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Zusammen mit Beat Imboden ist er beauftragt, die unteritalienischen Provinzen, vor allem aber Apulien, kunsthistorisch zu erfassen.

Als Opfer einer Erpressung verschwindet Tolmeyn aus Berlin. Erpressung ist auf der Grundlage des Paragrafs 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, keine Seltenheit. Einer der stadtbekannten Erpresser, der auch Freundlinge genannten Homosexuellen, verunglückt in Berlin unter fragwürdigen Umständen.

Tomeyn ist an diesem Unglück nicht ganz unschuldig. Als er später zurück nach Berlin kommt und sich auffällig verhält, wird er verhaftet und verhört. Das Verhör findet durch einen weithin bekannten Ermittler in Fällen von Erpressung statt, dessen Erinnerungen an das Verhör von Tolmeyn in den Roman einmontiert sind.

Poschenrieder ist das Kunststück gelungen, einen faszinierenden Roman mit mehreren kulturpolitischen, geschichtspolitischen und geschlechtspolitischen Ebenen zugleich zu schreiben, Ebenen, die er ebenso voneinander abzuheben wie zu spiegeln vermag.

Der besondere Reiz dieses Romans ist, dass der Held eigentlich ein Rätsel für uns bleibt wie für diesen sein Begleiter Beat Imboden, ehemaliger Gardist der Schweizer Garde. Ein Rätsel wie die von ihm erforschte Zeit, in der das Castel del Monte in Apulien entstand und wie die entfachte Kriegskultur im fernen Deutschland.

„Wissen Sie,“ sagt er in der Vernehmung einmal, „dass jedes Sandkorn ein Gesicht hat?“ Der Kommissar kann nicht anders, als eine Augenbraue hochzuziehen. „Dass kein Sandkorn dem anderen gleich?“

// Bücher

Und wie läuft’s privat so?

Kristof Magnusson
Arztroman
Kunstmann 2014

Magnussons Buch ist ein Gegenwartsroman. Das bedeutet, dass er all das aufweist, was unsere Gegenwart gerade so hergibt. Viel Ordung und ab und an ein wenig Chaos, ein Ausfall, ein Absturz. Etwas, das immer rasend schnell wieder in Ordnung gebracht wird. Vom Notarzteinsatzfahrzeug zum Beispiel.

Die Verteilung ist dann häufig so: Im Beruflichen herrscht Ordnung, das Chaos bricht eigentlich nur im Privaten ein. Wer kennt das nicht?

So ist das auch bei Dr. Anita Cornelius, die im Notarzteinsatzfahrzeug zu den privaten Katastrophen der anderen fährt und in einer von Magnusson großartig genau beschriebenen Art und Weise die Anamnese und Rettung der Patienten organisiert. Immer Einsätze in das tiefste Privatleben der anderen. Berufliche Professionalität stößt auf sehr private Totalausfälle.

Und wie läuft’s so privat bei Anita? Sie ist geschieden und Mutter eines Sohnes. Der Sohn lebt beim Vater und seiner neuen Frau Heidi. Dort ist mehr Platz. Dort ist mehr Zeit. Dort ist ein neuer Einfluss auf den Sohn Lukas spürbar, der Einfluss der neuen Leistungsgesellschaft, die Schwäche unverzeihlich findet und Härte fordert.

„Heidi hatte gewonnen. Die Heidis dieser Welt gewannen immer. Sie sorgten vor, lebten gesund und dadurch länger als alle anderen, damit sie mehr Zeit hatten, ihren selbstoptimierten Wahnsinn unter die Leute zu bringen. Die Besserwisser wurden älter als die Lebenslustigen, so heidisierte sich die Welt.“

Magnusson erzählt von Arbeit und Familie. Er erzählt wie auch Anita der Ausgleich misslingt, in einer heidisierten Welt, die gewiss nicht ohne Grund an Heidi Klum erinnert – wie Familie in Arbeit und Arbeit in Familie übergeht, wie Familie zur Beziehungsarbeit wird, wie Arbeit etwas Familiäres bekommt.

Anita Cornelius ist die Heldin dieses ironisch Arztroman genannten, klug und klar erzählten Buches. Im Genre des Arztromans ist der Arzt noch Muster und Vorbild für Work-life-balance, die nur dann gelingt, wenn man Berufliches und Privates auseinanderhalten kann. War früher einmal das Private politisch ist es nun dienstlich.