Andrea Gerk
Lesen als Medizin
Die wunderbare Wirkung der Literatur
Rogner & Bernhard 2015
Die Literatur ist immer da und immer nah. Nur vorübergehend war zu befürchten, sie käme uns abhanden. Und gegenüber anderen Medien wird ihr nun immer seltender Eskapismus vorgeworfen – Hauptsache man liest.
Das Distinktionsmerkmal des guten Buchs kehrt gerade wieder zurück in die öffentlichen Verkehrsmittel und öffentlichen Orte. Und ihren guten Ruf als Universalheilmittel für Krankheiten des Leibes wie des Kopfes hat sich die Literatur bis heute nicht nur erhalten, sondern sogar noch steigern können.
Die Literatur heilt uns, wenn wir krank sind, sie belebt uns, wenn wir lebensmatt sind, sie befreit uns, wenn wir gefangen sind. Und, so lässt sich hinzufügen, sie belohnt uns, wenn es dazu eigentlich keinen Anlass gibt.
Andrea Gerk berichtet ebenso verständlich wie ausführlich über diese guten Wirkungen der Literatur. Eine Bibliotherapie für alle, die der wundersamen Wirkung der Literatur auf die Spur kommen wollen. Ein gut gebundener Beipackzettel für Ihre Bibliothek.
Armin Nassehi
Die letzte Stunde der Wahrheit
Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss
Murmann 2015
Wer nicht von seinen Gegnern lernt, der lernt eigentlich gar nichts. Da aber augenblicklich Zeiten der richtigen Seite – nicht etwa der linken, sondern der moralischen – sind, Zeiten, in denen es ausreicht, das Gute bloß zu wollen, zu behaupten und zu fordern, ist jeder Versuch irgendetwas zu durchdenken gefährlich.
Armin Nassehi scheut dieses gefährliche Fahrwasser nicht. In seinem wunderbar anregenden und um Missverständnisse unbesorgten Buch geht er der Auseinandersetzung mit dem rechten Denken nicht durch Herabsetzung aus dem Weg, sondern begegnet ihm mit Durchdenken.
Das setzt voraus, dass wir Komplexität nicht weiter reduzieren. Komplexität zu reduzieren, heißt an ihr zu scheitern. Es gibt zwei Arten: die sehr verbreitete Art des Scheiterns an Komplexität ist Moral. Die andere Art des Scheiterns ist Sichtbarkeit. In beiden Fällen erscheint Komplexität gar nicht mehr. Was erscheint, ist eine Gruppe von Menschen. Die Vereinfacher aus Moral wollen der Gruppe helfen, die Vereinfacher aus Dummheit lehnen die Gruppe ab.
„Es ist eine unmittelbare Reaktion auf die Komplexität einer Welt, die allenfalls abstrakt auf den Begriff gebracht werden kann, aber konkret gelebt werden muss – dies ist die Spannung, in der wir eben links reden und rechts leben.“
So ist es auch mit diesem Buch, das hier allenfalls auf den Begriff einer dringenden Leseempfehlung gebracht werden kann, konkret aber immer aufs Neue mit Gewinn gelesen werden kann.
Philipp Felsch
Der lange Sommer der Theorie
Geschichte einer Revolte 1960 – 1990
C. H. Beck 2015
In den letzten Jahren erschienen mit Ulrich Raulffs Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens, Helmut Lethens Suche nach dem Handorakel. Ein Bericht und schließlich auch Hans Magnus Enzensbergers Tumult ein Schub an Memoirenliteratur. In all diesen Erinnerungswerken haben Lektüren eine überragende Bedeutung.
Mit Philipp Felschs Buch Der lange Sommer der Theorie, das auf Enzensbergers Roman über Buenaventura Durruti, Der kurze Sommer der Anarchie, anspielt, liegt nun auch ein Buch vor, das die Zeit von 1960 bis 1990 aus dem Inneren der Buchproduktion erzählt. Ist diese Anspielung auf Enzensberger Roman schon fragwürdig, gerät der intellektuelle und politische Historie versprechende Untertitel entschieden zu breit. Denn zumindest durch den Untertitel hätte gesagt werden müssen, um was es sich bei diesem Buch eigentlich handelt: die wunderbare Erzählung des Merve-Verlags aus den Archiven der Theorie.
Der Merve-Verlag, als Kollektiv gegründet, dessen erste offizielle Publikation 1970 erschien, erhielt seinen Namen durch die Ehefrau Peter Gentes, Merve Lowien. Durch Heidi Paris, die Peter Gente 1974 kennenlernte, zerfallen Kollektiv und Ehe. Dieses Buch ist also nichts weniger als die Geschichte des Merve-Verlags, der sich, das nur nebenbei, auch als Gegenstück zur Suhrkampkultur begriff, deren farbliche Reminiszenz auf dem Umschlag also unglücklich ist.
„Dieses Buch“, schreibt Philipp Felsch in der Einleitung, „erzählt von Peter Gentes Bildungserlebnissen, von den Irrfahrten des Merve-Kollektivs und von den Entdeckungen des Verlegerpaares. Es folgt der Spur ihrer Lektüren, ihrer Dedatten und Lieblingsbücher – aber es dringt nicht ins Innere der Bleiwüsten ein.“
Am legendären Verlegerpaar Heidi Paris und Peter Gente wird deutlich, wie sehr das Büchermachen aus Bücherlesen hervorgehen kann. Das wird auch durch die von Felsch als Mitbringseln aus dem Archiv an den Anfang der Kapitel gestellten Faksimiles deutlich. Angerissen und mit handschriftlichen Notizen von Gente versehen, zeigen sie die Bücher des Verlegers, eigene und fremde, als interaktives Medium, das zur Modifizierung und Kommentierung einlädt, und aus dem neue, weitere Bücher hervorgehen.