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Heimatkunde und Heimatkunden

Jörg Sundermeier
Heimatkunde Ostwestfalen
cadeau 2010

„Die Region Ostwestfalen ist“, schreibt Jörg Sundermeier, „wie jede Verwaltungseinheit, eine Erfindung.“ Eine gelassen hingeworfene Behauptung, die in ihrer Gegenstandsbildung weit ab von der Heimatkunde der Vorgeneration ist. Der Gegenstand der Liebe der Heimatkunden nur eine Fiktion, eine Einbildung?

In der älteren Heimatkunde ging es vor allem darum, die Würde des Gegenstands zu beweisen und jeden einzelnen Partikel, der auf uns gekommen ist, mit der vermeintlichen Bedeutung eines einzigartigen Weltkulturerbes zu behandeln. Als wäre Heimatkunde ohne Ehrenerklärung gegenüber den Heimatkunden undenkbar. Daher auch immer diese voluminösen Bücher.

Eine Erfindung ist OWL, die man, reist man häufiger dorthin, in diesem kleinen handlichen Buch sofort erkennt und liebt. Vielleicht muss man aber weggehen (vielleicht nach Berlin), um so schön Heimatkunde wie Jörg Sundermeier schreiben zu können.

Deutscher Sang

Bernt Ture von zur Mühlen
Hoffmann von Fallersleben
Biographie
Wallstein 2010

Dass man über Hoffmann von Fallersleben eigentlich mehr wissen müsste, als dass er der Verfasser der deutschen Nationalhymne ist, wird erst bewusst, wenn man sich mit Kindern beschäftigt. Dann wird im Gedächtnis gekramt und gesungen was sich noch findet: „Alle meine Entchen“, „Winter, ade“ oder „Morgen, Kinder, wird’s was geben“. Da das meistens nicht so ohne Nachschlagen klappt, stößt man in den Liederbüchern immer wieder auf Hoffmann von Fallersleben.

Wer dieser Heinrich Hoffmann war, der seinem Namen den Geburtsort Fallersleben anhängte, erfährt man aus dieser ersten Biographie von Bernt Ture von zur Mühlen. Von zur Mühlen ist dabei der ideale Biograph, da er nicht allein Hoffmanns dichterisches Werk in einen literaturwissenschaftlichen Fokus zu stellen vermag, sondern als Buchwissenschaftler die ökonomischen Bedingungen der Publizistik dieser Zeit genau übersieht. Dichter sind offensichtlich eben solche Konjunkturritter und Spekulanten wie ihre Zeitgenossen. Nach Ausbruch des französisch-österreichischen Krieges 1859, so liest man zum Beispiel bei von zur Mühlen, lässt Hoffmann schnell eine Neuauflage älterer nationaler Lieder drucken, die unbeachtet bleiben, denn einige Tage später ist der Krieg bereits beendet.

Aber von zur Mühlen ist auch der ideale Reisebegleiter des leidenschaftlichen Büchermenschen Hoffmann. Hoffmanns Lebensweg ist mit einer ganzen Reihe von bedeutenden Funden von Büchern und Handschriften in den Bibliotheken Deutschlands verbunden. Diese Funde machte er der Germanistik und Niederlandistik erstmals zugänglich. Dabei lässt Bernt Ture von zur Mühlen auch seine Leser nicht allein, gibt im Text alle Erklärungen über Orte und Namen, die heute ungeläufig sind, lässt im Anhang Anmerkungen und Literaturverzeichnis folgen und schließt den Band mit einem Register ab.

Für von zur Mühlen, das merkt man seinem Buch auf jeder Seite an, ist ein publiziertes Buch nicht einfach ein Text, sondern ganz entschieden auch ein Handelsprodukt. So antwortet der Verleger Campe dem Kritiker Heinrich Heine, der Hoffmanns Unpolitische Lieder von 1840 einfach nur „spottschlecht“ fand: „Ganz meine Ansicht. Aber sie gehen.“

Das Buch ist ein gemachter und hergestellter Gegenstand, der sich auf vielerlei Weise, gewiss nicht nur literaturwissenschaftlich, erfassen lässt. So erscheinen Bücher bei von zur Mühlen nicht nur irgendwo und irgendwann, sondern sie werden von jemandem hergestellt und gelagert, gezielt gewidmet oder anonym gedruckt, und sie werden von jemandem verkauft oder einfach nur losgeschlagen. Hier wird eine Seite des Dichtens und Forschens deutlich, die man sich für die Veröffentlichungen über unsere heutigen Schriftsteller und Wissenschaftler noch vergebens wünscht.

Dabei war man schon zu Zeiten der Begründung der deutschen Germanistik so weit. Wilhelm Scherer, der 1877 den ersten Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte erhielt, schrieb in seiner Poetik bereits, dass „eine Geschichte der Preise sehr wünschenswerth“ sei, und darunter verstand er ausdrücklich „eine Geschichte der Honorare“. Auch diese Geschichte, wie der im Deutschlandlied genannte „deutsche Sang“ von klingender Münze begleitet wird, diese Geschichte hat Bernt Ture von zur Mühlen großartig lesbar aufgeschrieben. Die deutsche Hymne, die erst 1922 national wurde, setzt von zur Mühlen übrigens genau in die Mitte seiner Biographie. Beim Namen Hoffmann von Fallersleben dreht sich noch heute alles um sie.

Plätze, Kampfplätze, Gemeinplätze. Die Philosophie und der Agon

Kurt Flasch
Kampfplätze der Philosophie. Große Kontroversen von Augustin bis Voltaire
Vittorio Klostermann 2008

Für sein Buch Kampfplätze der Philosophie erhält Kurt Flasch den Tractatus-Preis für philosophische Essayistik 2010. Die Jury hebt hervor, dass Flasch mit seiner anschaulichen Sprache zeige, dass das Denken immer aus lebendigen Kontroversen besteht und keine Angelegenhiet einer festgelegten Wahrheit sei. Die folgende Besprechung von Michael Buchmann erschien im Dezember 2008.

Weshalb verwenden Philosophen so häufig Metaphern aus der Sprache der Kriegskunst, wie „Selbstverteidigung“, „Schlagabtausch“, „Angriff“, „Kampf“, „Sieg“, „Wortschlacht“? Auch in als selbstverständlich verwendeten Fremdwörtern wie „Polemik“ und „Eristik“ ist der Agon direkt in der Bedeutung enthalten, sublimiert erscheint er auch in Begriffen wie „Dialektik“, „Immunisierung“ usw.

Diese Tatsache erscheint umso erstaunlicher, als – wie Flasch seinerseits in polemischer Absicht darstellt – einige Philosophen sich die „Philosophie als ruhige Weisheit oberhalb aller Parteiungen“ vorstellen. Sein neues Buch „Kampfplätze der Philosophie“ ist daher zweierlei: einmal eine hervorragende Darstellung vor allem der mittelalterlichen Philosophie anhand von Kontroversen, und dann eine lebhafte Streitschrift gegen eine Philosophiegeschichtsschreibung der „Synthese“.

Konzentrieren wir uns also statt auf Flaschs in herausragender Weise neuartige Darstellung mittelalterlicher Philosophie, die einen endlich verstehen lässt, wie die Philosophie im Mittelalter „funktionierte“, auf die für das Fach noch entscheidendere und stets unterhaltsame Auseinandersetzung des Autors mit seinem eigenen zeitgenössischen Gegner. Bevor er allerdings den Angriff startet, sichert er zuerst seine eigene Position (ein taktisches Vorgehen, das er von Sun Tzu gelernt haben könnte). Konkret bedeutet das, er beschreibt und rechtfertigt seine Methode, allerdings stets in Hinblick auf seine übergeordnete Strategie, die hegelsche Philosophiegeschichtsschreibung an ihren Schwachstellen zu treffen, die man kurzerhand zu den eigenen Stärken macht – die Brüche und Unvereinbarkeiten in Form von Konflikten und Auseinandersetzungen:

„Es [dieses Buch] zeigt die Philosophie als eine Serie von Konflikten. Es geht von gut dokumentierten Streitgesprächen aus, nicht von Begriffen oder Systemen. Philosophie als Polemik – das klingt garstig, kommt aber der geschichtlichen Wirklichkeit näher als die Erwartung harmonisierenden Tiefsinns. […] Daher sind Kontroversen der Philosophie immanent. Sie bilden nicht deren Außenseite. […] Da kämpften Autoren miteinander um das, was gut oder schlecht, wahr oder falsch sei, […] Ich zeige Kampfsituationen. Ich widerspreche einer früheren Forschungs- und Darstellungspraxis, die auf ‚Synthese‘ aus war. Ihre Weichzeichnerei hatte Methode, aber sie war unhistorisch.“

Diese Betonung auf die Ausrichtung nach konkreten Quellen ist rein fachlich durchaus problematisch: Natürlich wird der Interpretationsspielraum durch diese Praxis etwas geringer und damit die Genauigkeit höher. Aber nicht erst seit Nietzsche weiß man, dass auch sogenannte „Quellen“ oder „Tatsachen“ stets durch Interpretation vermittelt sind; die Interpretation steckt auch schon in der Auswahl der Quellen und der Zitierweise. All das weiß natürlich Flasch sehr gut, aber seine Art der Darstellung ist Teil seiner Auseinandersetzung mit seinem Gegner. Durch die wiederholte Betonung der alleinigen Ausrichtung auf gut dokumentierte Quellen macht er sich den Reiz des Faktualen und die Auffassung von der wissenschaftlichen Solidität positivistischen Vorgehens nutzbar.

Seine unbestrittenen Fachkenntnisse verschaffen ihm aber auch einen enormen Vorteil, da er dadurch über mehr taktische Mittel als der Gegner verfügt, sozusagen über einen absoluten Geländevorteil. So kann er von seiner Position aus in aller Ruhe, ja genüsslich die Stöße des Gegners gegen diesen selbst wenden – es stellt die Kryptomethode dieses Buches dar.

Da wäre zum Beispiel die Frage nach der Nützlichkeit und Anwendbarkeit philosophischer Erkenntnisse im Mittelalter. Der Topos, mittelalterliche Philosophie sei reine „Scholastik“, beinhaltet die Vorstellung, sie sei reiner Streit um Begriffe, zudem theologische, gewesen. Flasch dreht einfach die Selbstverständlichkeiten um: „Wofür brauchte Alkuin die Philosophie? Der Einfall, daß sie Selbstzweck sein könnte, konnte ihm nicht kommen in einem Europa, das aus Wäldern bestand […]“. Nachdem er dieses Herantragen des Vorwurfs der Nutzlosigkeit an die Philosophie dieser Zeit erstens als nicht aus ihr selbst folgend und damit als begründungsbedürftig herausgestellt hat, geht er selbst zum Angriff über, indem er nach der Herkunft dieses Vorurteils frägt:

„Suchen wir also in einer früheren Philosophie nicht die bloße Vorläuferin einer späteren, sondern die Funktion, die sie in ihrer Zeit erfüllt hat. […] Ihre Größe liegt in der Kraft, mit der sie die realen Bedingungen menschlichen Lebens analysierend durchdrangen. […] Die Frage, ob die ‚realen Lebensbedingungen‘ die ‚Basis‘ bilden und ob die Philosophie zum ‚Überbau‘ zählt, stellt sich hier nicht. Ich kenne nur geschichtliche Welten, in denen sich beides durchdrungen hat. Ich kenne aber viele schlecht-idealistische Geschichtsdeutungen, die dieses Durchdringen nicht erforschen, weil sie von der späten Idee der Autonomie der Kultur […] als von einer ewigen Wahrheit ausgehen.“

Der Terminologie „Basis“ und „Überbau“ kann man entnehmen, dass dieser Schlag der marxistischen Variante der hegelschen Geschichtsschreibung gilt: die Taktik besteht hier darin, die Annahmen der marxistischen Geschichtsschreibung als Idealisierung den konkreten Lebensbedingungen gegenüber- und dadurch als einengende, ungenügende und übervorteilende Abstraktion hinzustellen. Die Pointe ist an dieser Stelle, dass Flasch sozusagen die „Synthese“ hier für sich in Anspruch nimmt.

Flasch setzt sogar noch nach. So wie im Mittelalter philosophische Aussagen in theologischen Abhandlungen ihr Exil fanden, fänden sich heutzutage philosophische Aussagen eher in nicht-philosophischen Texten: „So wie heute philosophische Analysen in Büchern über die Farben oder über Richard Wagner, in Schriften zur Atombombe oder über die Psychoanalyse stehen – oft wichtigere als in den Werken der sog. ‚Fachphilosophie‘ –, […]“

Auch die Rezeption und Kanonbildung durch die Philosophiegeschichtsschreibung wird kritisiert: „Ihnen gefallen die Sieger, in unserem Fall: Augustin, nicht die Besiegten.“ Das ist umso problematischer, als in der Konzeption Flaschs sich die Positionen der „Sieger“ eben in der Auseinandersetzung mit den „Besiegten“ herausgebildet haben, und daher nur in diesem Zusammenhang verstanden werden können. Nach ihm verbindet der derzeitige Kanon beide Nachteile: die fehlende Reflexion von Konflikten bei gleichzeitiger – ebenfalls unreflektierter – Übernahme ihrer Resultate. Grandios ist auch ein weiterer Ansatz in Flaschs Polemik gegen die Kanonbildung, nämlich sein „Lob des mittelmäßigen Autors“:

„Man hat beim freien Lesen wie beim Studium der Philosophie gewöhnlich eine Vorstellung davon, wer die ‚Klassiker‘ und wer die ‚großen Philosophen‘ seien. Man denkt, die ‚besten‘ Autoren seien für einen selbst gerade gut genug. Wie die Liste der ‚Großen‘ zustande gekommen ist, fragt man nicht. Im selben Augenblick, da man sich den ‚großen‘ Überwindern der Vorurteile zugesellen will, verhält man sich konventionell.“

Dies zielt auf das Selbstverständnis der Leser philosophischer Texte ab. Die Entstehung des Kanons ist das eine, und zudem nach Flasch fragwürdig. Die unhinterfragte Rezeption das andere. Diese Kritiklosigkeit läuft eben diesem Selbstverständnis von kritischer Vernunft entgegen. Nachdem Flasch nun Angriffe gegen die hegelsche Geschichtsschreibung, die mangelhafte Anwendbarkeit philosophischer Erkenntnisse und die philosophische Fachliteratur geritten hat, bleibt ihm noch eine zu erstürmende Bastion: die Philosophie im Allgemeinen und als „Geisteswissenschaft“ im Besonderen:

„[…] ich wollte ihn [den Leser] einladen, über den Begriff ‚Philosophie‘ nachzudenken. Was ‚Philosophie‘ heißt, steht nicht überzeitlich fest. Es hängt ab von Traditionen, Sprachregelungen und Bedürfnissen, die alles andere als klar definiert sind. […] Genau genommen existierte sie [die Philosophie in der Spätantike und im Mittelalter] überhaupt nicht, und das hatte neben vielen Nachteilen auch den Vorzug: Die Philosophie sank nicht ab zur ‚Geisteswissenschaft‘.“

Er greift zu etwas, das zwar eine Tatsache, aber auch ein sehr geschickter Schachzug ist: die Erkenntnis, dass sich bei Auseinandersetzungen die Regeln selbst ändern lassen; in anderem Zusammenhang wurde dies „Spielstrategie“ getauft. Natürlich ist der Begriff „Philosophie“ das, zu dem man ihn macht. Die Frage ist nur, wer bzw. was die Deutungshoheit bzw. Definitionsmacht besitzt. Aber natürlich nimmt Flasch für sich in Anspruch, dies zumindest mit zu bestimmen.

Flasch versucht also seine zu Beginn des Buchs formulierte schwerwiegende These von der Immanenz der Kontroversen in der Philosophie durch Darstellung konkreter Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen „Philosophen“ zu illustrieren und in seinem Text selbst anzuwenden. Die im Vorwort postulierte These von philosophischen Aussagen als notwendigerweise polemisch kann er durch viele detaillierte und anschauliche Beispiele zwar nicht beweisen, aber seine These zumindest eindrucksvoll untermauern.

Ein Anfang ist gemacht – eine erste Schlacht erfolgreich geschlagen. Wir wünschen uns vom Autor eine Fortsetzung auf theoretischer Ebene, die seine These der Philosophie als Polemik beweist, seinem Gegner gleichsam nachsetzt, oder in den Worten von Clausewitz: „Aber für alle denkbaren Verhältnisse bleibt es wahr, daß ohne Verfolgen kein Sieg eine große Wirkung haben kann, und daß, wie kurz auch die Siegesbahn sein mag, sie immer über die ersten Schritte des Verfolgens hinausführen muß […]“. Leser, die diesen Artikel lasen, verfolgten auch alle weiteren Rezensionen dieses Autors.