// Bücher

Hannes Sonntag
Solange es noch geht
Roman
Literatur der Zukunft 2019
Jakob Sandlitz ist ein distinguierter Herr, jahrelang treuer Staatsdiener, der bereits pensioniert wird, als im Deutschen Reich das anbricht, was sein Umfeld ab 1933, Frau und ehemalige Kollegen, als neue Zeit begrüßen. Sandlitz schreibt Tagebuch. Er ist allerdings auch darin überaus diskret und zurückhaltend. Der Habitus des preußischen Beamten, der geräuschlos funktioniert, verlässt ihn nicht.
Sein Tagebuch gibt sein Enkel Hannes Sonntag in der Form eines Romans uns zur Kenntnis. Was davon als Dokument vorliegt, was fingiert ist, entzieht sich hier der genauen Nachprüfung. Fotos und faksimilierte Dokumente hätten ja nahe gelegen, sie fehlen. Was aber das Tagebuch enthüllt, begeistert auf zwei Ebenen. Die erste Ebene, die politische, sei hier ausgeplaudert, die andere, die persönliche bleibt im Buch – für die Leser.
Sandlitz beschreibt im seinen Tagebuch, unterstützt von Sonntag, der die Lücken füllt, Mutmaßungen anstellt und einige Sachverhalte zum Verständnis klärt, mehrere Reisen, die er von Berlin aus in den Osten zur Ahnenforschung unternimmt. Auf diesen Reisen lernt er einen beeindruckenden Herrn kennen, den er Renne nennt.
Ich muss es halblaut in mich hineinsagen: ich bin achtundsechzig. Ich möchte es nicht hören, es ist falsch, es ist ganz gegen mein Innerstes, aber immer noch bin ich achtundsechzig. Ich bin ohne körperliche Vorzüge (war nie in irgendeiner Hinsicht attraktiv), ich bin gebunden, ich bin inzwischen gut situiert, aber unendlich weit entfernt von allem, was man wohlhabend oder gar reich nennen könnte. Ich bin nicht weltläufig, wie Renne es in so hohem Maße ist, kann also auch keinen Charme ausstrahlen, der drauf fußt. Ich bin, und das ist alles, einsichtig und konsequenterweise besten Willens, was die tragischen Umstände in meinem Vaterland betrifft. Ja, und ich bin – der einzige Posten im persönlichen Plus – ich bin im klassischen alten deutschen Sinne gebildet, was für mich, vielleicht anachronistischerweise, immer noch etwas ganz und gar Lebendiges, sehr innig Gefühltes ist.
In Renne findet Sandlitz, den man sich vielleicht gegenüber Frau und erwachsenen Kindern, als intellektuell einsamen Mann vorstellen muss, einen Gesprächspartner, den er neidlos bewundert. Und es scheinen die Bildung und Kultur zu sein, auch ein wenig die Einsamkeit eines häufig versetzten Beamten, die ihn zu einem Gegner des Regimes machen. An einer Stelle im Tagebuch offenbaren sich Sandlitz und Renne, vorsichtig und langwierig, ihre Ablehnung des Naziregimes. Renne bittet Sandlitz, bei Ausreiseanträgen juristisch zu helfen. Über Mittelsmänner erhält er die Akten. Sandlitz‘ Frau verschweigt er den Kontakte zu Renne und den Flüchtenden.
All dies spielt sich in der Zeit vor und während der Olympiade 1936 ab, in der Sandlitz‘ Umfeld vor Begeisterung über die neue Zeit platzt. Er und Renne haben schon damals den Eindruck, nur verdeckt und konspirativ helfen zu können. Während der Olympiade lernt Sandlitz durch Renne eine Dame aus Schweden kennen. Anlässlich dieser Begegnung kommt es zu dem Eintrag oben, der ihn, den Fluchthelfer, bald darauf konkrete Fluchtpläne schmieden lässt.
// Bücher

Mahir Guven
Zwei Brüder
Aus dem Französischen von André Hansen
Roman
Aufbau 2019
Ausgezeichnet mit dem Förderpreis zum Straelener Übersetzerpreis 2020 der Kunststiftung NRW.
Wozu sind Romane gut, als die Perspektive eines anderen einzunehmen. Wenn es die zwei Brüder nur mit Mühe schaffen, einander so verstehen, dass der eine nicht die Katastrophe des anderen wird, dann ist schon viel erreicht. Ist der Ältere mit dem Vater überkreuz, weil er nicht Taxi fährt, sondern bei Uber anheuert, ist der Jüngere derjenige, den die kommunistischen Überzeugungen des Vaters kalt lassen und der im Koran neue Überzeugungen gewinnt.
Beide wenden sich vom Vater ab und zugleich ihm zu, da sie sein Leben fortführen, in der Ideologie und im Berufsleben, nur mit einigen entscheidenden Änderungen. Beide erleben die Widrigkeiten der Kinder Pariser Banlieue, der Ältere kommt aus der kriminellen Karriere heraus – durch den Polizisten Le Guen, der ihn allerdings auch als Informanten aus dem Milieu verpflichtet.
Je mehr Zeit verging, umso mehr wurde ich wie der Alte, ein Arschloch von ‚Kom-mu-nist‘. Weil ich an der amerikanischen Traum geglaubt habe. Im fairen Wettbewerb ein Steak erringen. Aber das war dann schnell für den Arsch. Über einen Gast im Auto schreibt er: Er ist irgendwo bei Marx-Dormoy aus meinem Auto gehüpft. Wie ein Immobilienmakler hatte er versucht, mir sein Viertel zehn Minuten lang schmackhaft zu machen. So Dinger machen die Blassen, leben in einem Viertel voller Fixer und sagen, sie mögen den Mix hier.
Der Jüngere verschwindet nach ‚al-Scham‘, wie sie im Viertel sagen. Viele sprechen das Wort ängstlich aus. Andere – na ja, Einzelne – sind ganz ekstatisch. In der Welt der Normalen sagen sie Syrien, mit erstickter Stimme und ernstem Blick, als sprächen sie von der Hölle. Dort schließt sich der Jüngere der Kämpfern gegen Assad an, als Pfleger und später in der Funktion des Arztes. Den Emir des Gebiets, in dem das Krankenhaus betrieben wird, nennt er Blondbart.
Beide gewinnen neue Väter, die sie beeinflussen, und die sie verraten, verraten müssen, um sich zu retten. In „Zwei Brüder“ gewinnen beide auf unvorhergesehene Art und Weise die Herrschaft über ihr Leben zurück. Mahir Guven dringt tief ins Milieu ein, mit den Mitteln des Thrillers.
// Bücher
Barbara Frischmuth
Verschüttete Milch
Roman
Aufbau 2019
Im Jahre 1968 debütierte Babara Frischmuth mit dem Roman „Klosterschule“. Ein Buch, das es in Österreich bis zur Schullektüre brachte. Nun erzählt sie in „Verschüttete Milch“ die Vorgeschichte ihrer Heldin.
Dort wächst sie in den 1940er Jahren in einer Hoteliersfamilie in einem kleinen Ort im Salzkammergut auf. Die tiefen Eindrücke des Kindes, im ersten Teil stets die Kleine, dann Juli, schließlich Juliane. Juliane soll das Hotel übernehmen.
Es sind die Fotografien, nach denen sich ihre Heldin Juliane ihre Erinnerungen an ihre Kindheit aufruft. Mit den Fotos erinnert sie sich zahlreicher Details ihrer Kindheit. Und mitten im Buch greift die Erzählerin voraus: Ein englischer Adeliger kaufte das Haus Ende der fünfziger Jahre und ließ es abreißen, da ihm die Sanierung als zu aufwändig erschien. Wie sagt schon das entsprechende englische Sprichwort dazu: Who cries about spilled milk?