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Willem Frederik Hermans
Die Dunkelkammer des Damokles. Roman
Aufbau 2016
„Wie dieses Buch auf einen deutschen Leser wirkt, weiß ich nicht“, schreibt Cees Nooteboom im Nachwort zu diesem erstmals 1958 in den Niederlanden publizierten Roman. Das Buch wirkt auf den deutschen Leser zweimal.
Zunächst wirkt das Buch als historisches Dokument eines brutalen Überfalls und der Besetzung der Niederlande durch Nazideutschland. Überraschend aber die lange in den Niederlanden beschwiegene Kollaboration der Niederländer, die Hermans offensichtlich schon 1958 darstellt. Oder man vergaß sie einfach, wenn man mit Deutschen sprach.
Dann wirkt das Buch als verstörende Darstellung von Krieg und Widerstand, die überaus nah an der Perspektive der Protagonisten ist. Wie lässt sich diese Perspektive näher beschreiben? Dass der Widerstand gegenüber den Besatzern, wie der Krieg auch, in nichts weniger als Katastrophen und Niederlagen mündete.
Henri Osewoudt, der einen Tabakladen führt, wird von einem geheimnisvollen und ihm nur flüchtig bekannten Offizier Dorbeck für den Widerstand gegem die deutsche Besatzung gewonnen. Henri Osewoudt, dessen Mutter den Vater im Wahnsinn erstochen hat, entwickelt Initiative, konspiriert und wird zum mehrfachen Mörder und all dies im festen Glauben, dem Widerstand zu dienen und Dorbecks Anweisungen zu befolgen.
Hermans gelingt es wie in einem bösen Traum uns immer weiter in das Dickicht alltäglicher Irrtümer und Missverständnisse zu führen und das Ende der Besatzug als dringend gewünschte Befreiung, als Klärung und Beginn der Gerechtigkeit zu erwarten. Für Osewoudt endet der Krieg mit einer Anklage wegen Landesverrat.
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Patrick Modiano
Gräser der Nacht
Roman
Hanser 2014
Hat dieser Roman eine Handlung? Sofern sich der Erzähler, der junge Mann Jean daran erinnert. Sofern ihm an einem bestimmten Platz, einer bestimmten Metrostation in Paris etwas einfällt. Oder er eine Notiz in seinem schwarzen Notizbuch findet, das er vor etlichen Jahrzehnten füllte. Und dann gibt es noch dieses Buch, das dieser Jean gerade schreibt.
Eine Handlung findet an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit statt. In der Erinnerung aber ist die Einheit des Ortes und der Zeit stets aufgehoben, diese Metrostation erinnert an eine andere an einem anderen Ort, diese Bemerkung erinnert an eine andere zu einer anderen Zeit. Ihre Verbindung ist nichts als dieser überaus dünne Faden Erinnerung.
Jean begegnete in den 1970er Jahren der Studentin Dannie. Sie steht in Verbindung zu politisch aktiven Kreisen aus Marokko. Jean beobachtet diese Leute: „Sie standen nur wenige Zentimenter von mir entfernt hinter der Glasscheibe, und der andere, mit seinem Mondgesicht und seinen harten Augen, sah mich genauso wenig. Vielleicht war die Scheibe von innen undurchsichtig, wie Einwegspiegel. Oder es trennten uns ganz einfach zig Jahre, sie waren festgefroren in der Vergangenheit, mitten in diesem Hotelfoyer, und wir lebten nicht mehr, sie und ich, in derselben Zeit.“
In fast jeder Zeile dieses Romans sind die Handlung und die Personen zugleich diese, von der gerade gesprochen wird, wie auch die der Erinnerung. Und in Jeans Notizbuch ist die gerade geschilderte und stattfindende Handlung, das darin Gesagte und die Begegnung eine Erinnerung. In der Erinnerung sind die Handlungen alle zugleich, wie in diesem Augenblick der Erzählung, die Personen hinter der Glasscheibe stehen und zugleich in der Vergangenheit.
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Édouard Louis
Das Ende von Eddy
Roman
S. Fischer 2015
Die Geschichte der französischen Dörfer ist noch nicht geschrieben. Aus der Perspektive unseren letzten Urlaubs in der Picardie ist die nicht zu erzählen. Louis erzählt sie. Jeder kennt dieses Dorf mit dem Gefallenendenkmal des Ersten Weltkriegs auf dem zentralen Platz, Kirche, Mairie und Schule darum. Der Bushaltestelle in der Nähe und den um nichts mehr als Alkoholnachschub besorgten Jugendlichen.
Darunter der schwule Eddy Belleguelle, der von Beginn an falsch geht und falsch spricht, nicht männlich und zur Zielscheibe gezielter, wiederholter Attacken der Jungen wird. Er schreibt: „Ich weiß nicht , ob die Jungen ihr Verhalten als brutal bezeichnet hätten. Die Männer im Dorf benutzten dieses Wort nie, in ihrem Mund gab es das nicht. Für einen Mann war Brutalität etwas Selbstverständliches, Natürliches.“
Vor dreissig Jahren studierte man bei diesem Schicksal Psychologie. Édouard Louis, gerade mal 22 Jahre alt, studiert jetzt Soziologie. Die Soziologie von Geschlecht und Gewalt im französischen Dorf, in dem einer wie er nur auf ein Ende seiner Zeit dort hoffen kann. So oder so.