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Meine Tage ergeben doch ein Leben

Zsuzsa Bánk
Weihnachtshaus
edition chrismon 2018

Es muss weiter gehen. An dieser Stelle in ihren angefangenen Leben stehen die beiden Frauen in diesem Kurzroman. Ein kleiner Roman in Rückblicken und Ausblicken. Der Tod des Mannes der Erzählerin, die wilde Zeit von Lilli im Rückblick. Und im Ausblick das gemeinsame Wochenendhaus im Odenwald, das die Betreiberinnen eines Cafés herrichten.

Ich habe oft gedacht, wie verrückt es ist, ein Stück Land zu kaufen und ein altes Haus wieder zum Leben zu erwecken, wie verückt von Lilli und mir, zwei Frauen mit zu vielen Verpflichtungen und zu wenigen Freiheiten, ausgerechnt wir nehmen uns vor, ein Haus auf dem Land zu besitzen.

Das Weihnachtshaus ist ein ebenso rührender wie unsentimentaler Roman, so kurz und knapp, wie es eben ist in solchen Situationen, in denen es weiter gehen muss. So heißt es an einer Stelle im Roman:

Ich hatte die Kinder damals angeschaut und gedacht, es geht weiter, mein Leben geht weiter, selbst ohne Clemens kann es weitergehen. Meine Tage ergeben doch ein Leben, trotz allem ergeben sie mein Leben. Ich hatte Lilli angeschaut und gedacht, sie dreht mein Leben weiter, sie dreht mein Leben ohne Clemens weiter.

Nachgeholte Herkunft

Dorothee Schmitz-Köster
Raubkind
Von der SS nach Deutschland verschleppt
Herder 2018

Wie schreibt man ein Sachbuch, das nicht allein die Sachlagen schildert, sondern zugleich das, was die Sachlagen für die Betroffenen bedeuten. Wenn Klaus B. als Zwanzigjähriger von seinen Eltern per Brief mitgeteilt bekam, er sein nicht ihr leibliches Kind, sondern aus der Nazieinrichtung Lebensborn stamme, ist die eigene Herkunft ohnehin schon ein Problem. Mit den Mitteln des Romans, der Fokalisierung um genau zu sein, gelingt es Dorothee Schmitz-Köster, die tiefe Verunsicherung, das Den-Boden-verlieren von Klaus B. zu vermitteln.

Denn das Buch setzt an dem Tag ein, als Klaus B. von einer Journalistin erfährt, dass diese Geschichte seiner Eltern nicht stimmen kann. Die ältere Schwester hatte inzwischen in einem Interview geschildert, wie Klaus B. in die Familie kam – abgemagert und verwahrlost gekleidet. Dieses Interview lesend, hat sie Zweifel an der Adoption von Klaus B. aus dem Lebensborn. Sie benachrichtigt ihn und vermutet, dass er ein Raubkind ist. Zehntausende Kinder aus Polen und anderen osteuropäischen Staaten wurden von sogenannten ‚Rassespezialisten‘ ausgewählt und von parteitreuen Familien adoptiert. Klaus B. entschließt sich zur Suche nach seinen Wurzeln.

Kaltblütig

Olivier Guez
Das Verschwinden des Josef Mengele
Roman
Aufbau 2018

Auf die besondere Form dieses Buches, das zwar ein Roman ist, aber gleichsam an sich hält, hat schon Frédéric Beigbeder hingewiesen. Denn Guez widmet Mengeles Perspektive auf die Welt der bundesrepublikanischen und der südamerikanischen 1950er Jahre nicht die poetische Kraft des Romans. Genau in dieser Hinsicht findet keine Aufwertung statt, bleibt das Buch kühl, knapp und sachlich, fast ein Sachbuch.

Die bedeutende Vorläufer ist Truman Capotes „Kaltblütig“ von 1965. Hier wie dort wird ein Blick in den Abgrund riskiert, der dokumentarische Genauigkeit und literarische Wucht vereint.

Dass man Josef Mengele nie fasste, hat etwas mit der gleichgültigen Bundesrepublik zu tun, die in Höfen die Landmaschinen ‚Mengele‘ stehen hatte, deren weltweiter Verkauf zugleich den Sohn finanzierte. Auch erfährt man, dass die mit Josef Mengeles Ergreifen befassten Institutionen, der Mossad, Nazi-Jäger Simon Wiesenthal und der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, über den Guez das Drehbuch zu „Der Staat gegen Fritz Bauer“ geschrieben hat, ihr Ziel aus zahlreichen Gründen geradezu aus den Augen verloren.

Das Verschwinden des Josef Mengele hat aber auch, und das zeigt dieses Portrait eindrücklich, etwas zu tun mit Mengele selbst, seiner fanatischen Akribie und fast schon physisch spürbaren Angst vor dem Gefasstwerden.