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Das Gesetz für flüssige Körper

 

 

Olga Forsch
Russisches Narrenschiff
Die Andere Bibliothek 2020

Er ist zu einer Welle im Meer anderer Wellen geworden. Branden diese gegen einen Felsen, zerschellen sie, nur um sich erneut zusammenzusetzen, meint Shukanez, alias Viktor Schlklowski. Er spricht über den Menschen und seine Bedürfnisse. Nüchtern repliziert Sochaty, alias Jewgeni Samjatin, darauf: Aber das ist ein Gesetz für flüssige Körper.

Die Replik zeigt, die Art der Übertragung wurde zwar verstanden, aber eben darum auch als unzulässige Übertragung abgewiesen. Dem pragmatischen Standpunkt der neuen russischen Gesellschaft, den Olga Forsch staatlichen Hyperbolismus nennt (siehe Lesung unten), kann literarisch nur noch mit assoziativer Phantastik begegnet werden. Olga Forsch wählt das Bild eines Narrenschiffs auf den Wellen einer sich neu formierenden Gesellschaft.

Das Vorbild dieses Narrenschiffs der Kunst ist das auf Maxim Gorkis Initiative zurückgehende Haus der Künste, das von 1919 bis 1922 bestand. Der Hafen, in den die Literatur ab 1934 auch offiziell, also staatlich verordnet einlaufen wird, ist der Sozialistische Realismus. Das Gesetz für flüssige Körper tritt in Kraft.

Zum Anhören: Olga Forsch, Russisches Narrenschiff. Übersetzt von Christiane Pöhlmann. Die Andere Bibliothek 2020. S. 138 – 141.

 

 

Schwierigkeiten mit der Heiligsprechung

 

 

Louise Erdrich
Die Wunder von Little No Horse
Aufbau 2019

Mit Liebeszauber (atb 3525) begann Louise Erdrich ihre Romane über das Chippewarereservat. Darauf folgte die Rübenkönigin und nun, von Gesine Schröder übersetzt, Die Wunder von Little No Horse.

Im Mittelpunkt des Romans steht Pater Damien Modeste, dessen Leben als Agnes DeWitt begann und die im Alter nun zur Heiligsprechung von Schwester Leopolda Stellung nehmen soll. Eine Schwester, die ihr Leben im Reservat als Pauline Puyat begann.

Die Welt der Ojibwe wird von Louise Erdrich so lebensecht gestaltet, dass sie den Verehrern der Indianer, die sie als bessere Menschen betrachten, vor allem was die Geschichten um Nanapush angeht, fast als Beleidigung erschien.

Der Erfolg der katholischen Mission unter den Stämmen der Reservate verdankt sich vermutlich der geografischen Verbindung nach Kanada, das französisch und daher katholisch beeinflusst ist. Hinzu kommt die Abgrenzung gegenüber den eher anglikanischen und freikirchlichen weißen Amerikanern, die wie Louise Erdrich an der Figur des rücksichtslosen Mauser zeigt, die Reservatsindianer wo es nur geht, um ihr Land betrügen.

Schließlich kommt die animistische Vorstellungswelt der Ojibwe den eher bunten katholischen Heiligenvorstellungen erheblich näher, als die farblose Strenge der Puritaner. Vielleicht könnte man sagen, dass seit Heinrich Böll nicht mehr so katholische Romane wie die von Louise Erdrich bei einem säkularen Verlag erschienen sind. Das Katholische ist in der Welt der Louise Erdrich allerdings ebenso weit gefasst, wie das Indianische menschlich.

Das Betriebssystem der Unterdrückung


Ernst Dronke

Berlin
Die Andere Bibliothek 2019

Ein Buch, das sofort, noch im Druck, 1846 von der Zensur verboten wurde. Dronke schildert Berlin in der Zeit der Industrialisierung unter den politischen Bedingungen der preußischen Unterdrückung. Den enormen sozialen Druck auf dem Kessel, den man im Vielvölkerstaat Österreich eher zu mildern trachtete, den hielt man in Preußen mit der Hilfe des Militärs gut aus. Damit die Grundstückspreise weiter steigen konnten, wuchs Berlin nur langsam, wurden die Wohnquartiere, die berüchtigten Berliner Hinterhöfe, stets enger und elender.

Dem Elend zu entkommen, war es naheliegend, die Aufstiegsmöglichkeiten über den Weg des Militärs zu nutzen. Womit das Elend diejenigen hervorbrachte, die die Elenden in Schach hielten. Ein Betriebssystem, in dem Elend und Unterdrückung sich gegenseitig regulierten. Die Titelillustration auf dem Buch kombiniert daher Elends- und Militärdarstellung in diesem Sinne.

Dronke schätzt, dass zu dieser Zeit mehr als die Hälfte der Berliner Bevölkerung von Prostitution und Diebstahl leben müssen. Ernst Dronke wurde in Koblenz geboren und starb, wie so viele der 1848er-Revolutionäre, in der Emigration. Er wird von der Bonner Universität relegiert. Er lebt in Berlin, wo er promovieren will und sein Buch entsteht. Mit zeitgenössischen Illustrationen versehen und im grauen Sackleinen des Elends gebunden, wird Ernst Dronkes große Sozialstudie wieder zugänglich gemacht.