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Die Carl Schurz Story

 

 

Andreas Kollender
Libertys Lächeln
Roman
Pendragon 2019

Carl Schurz war im 19. Jahrhundert Teil der großen Auswanderungswelle aus Deutschland, deren Ziel vor allem Nordamerika war. Der Grund war häufig, wie im Falle Schurz, politischer Natur, häufiger aber noch wanderten ganze Dörfer und Großfamilien wegen Hungersnöten aus. Deren Ursprung lag allerdings auch nicht selten in den politischen Verhältnissen.

Unter den Auswanderern, die man später die German-Americans nannte, waren für die amerikanische Wirtschaftsgeschichte so bedeutende Unternehmer wie Levi Strauss, Henry J. Heinz oder John Jacob Astor. Für die politische Geschichte wäre an erster Stelle Carl Schurz zu nennen. Er wird Senator und als erster deutscher Einwanderer Innenminister.

Blieben die einen der deutschen Herkunftskultur weiterhin treu und siedelten in eigenen Stadtteilen wie Little Germany auf Manhattan, fühlten viele sich doch rasch der amerikanischen Kultur der Vereinigten Staaten zugehörig und prägten sie zugleich. Was einem politischen Kopf wie Carl Schurz oft genug zum Vorwurf gemacht wurde, wovon der Anfang des Romans über Carl Schurz von Andreas Kollender zeugt. Carl Schurz steht für das andere Amerika.

Carl Schurz wurde in Liblar (Erftstadt) geboren, ging in Brühl und, untergebracht in einer Handwerkerfamilie, in Köln zur Schule. Kurz vor der 1848er Revolution begann er sein Studium an der Universität Bonn. Nach ihrem Scheitern flieht er über London nach Amerika. In London lernt er seine Frau Margarete Meyer kennen. Sie eröffnete 1856 den ersten Kindergarten in den USA.

Andreas Kollender lässt uns in seinem Roman an den bedeutenden und spannenden Stationen des politischen Lebens von Carl Schulz teilhaben, des Wahlkampfs für Lincoln, des Kriegseinsatzes im amerikanischen Bürgerkrieg, der Sklavenbefreiung, des Einsatzes für die Rechte der Indianer und, zusammen mit Mark Twain, der Gegnerschaft der neuen kriegerischen Außenpolitik der Ära Theodore Roosevelt.

Über die Bedeutung von Carl Schurz für uns heute kann also kein Zweifel bestehen. Zumal er auch noch ein Pionier in seinem Einsatz für die Umwelt und die Ressourcen der Vereinigten Staaten war.

Das Gesetz für flüssige Körper

 

 

Olga Forsch
Russisches Narrenschiff
Die Andere Bibliothek 2020

Er ist zu einer Welle im Meer anderer Wellen geworden. Branden diese gegen einen Felsen, zerschellen sie, nur um sich erneut zusammenzusetzen, meint Shukanez, alias Viktor Schlklowski. Er spricht über den Menschen und seine Bedürfnisse. Nüchtern repliziert Sochaty, alias Jewgeni Samjatin, darauf: Aber das ist ein Gesetz für flüssige Körper.

Die Replik zeigt, die Art der Übertragung wurde zwar verstanden, aber eben darum auch als unzulässige Übertragung abgewiesen. Dem pragmatischen Standpunkt der neuen russischen Gesellschaft, den Olga Forsch staatlichen Hyperbolismus nennt (siehe Lesung unten), kann literarisch nur noch mit assoziativer Phantastik begegnet werden. Olga Forsch wählt das Bild eines Narrenschiffs auf den Wellen einer sich neu formierenden Gesellschaft.

Das Vorbild dieses Narrenschiffs der Kunst ist das auf Maxim Gorkis Initiative zurückgehende Haus der Künste, das von 1919 bis 1922 bestand. Der Hafen, in den die Literatur ab 1934 auch offiziell, also staatlich verordnet einlaufen wird, ist der Sozialistische Realismus. Das Gesetz für flüssige Körper tritt in Kraft.

Zum Anhören: Olga Forsch, Russisches Narrenschiff. Übersetzt von Christiane Pöhlmann. Die Andere Bibliothek 2020. S. 138 – 141.

 

 

Schwierigkeiten mit der Heiligsprechung

 

 

Louise Erdrich
Die Wunder von Little No Horse
Aufbau 2019

Mit Liebeszauber (atb 3525) begann Louise Erdrich ihre Romane über das Chippewarereservat. Darauf folgte die Rübenkönigin und nun, von Gesine Schröder übersetzt, Die Wunder von Little No Horse.

Im Mittelpunkt des Romans steht Pater Damien Modeste, dessen Leben als Agnes DeWitt begann und die im Alter nun zur Heiligsprechung von Schwester Leopolda Stellung nehmen soll. Eine Schwester, die ihr Leben im Reservat als Pauline Puyat begann.

Die Welt der Ojibwe wird von Louise Erdrich so lebensecht gestaltet, dass sie den Verehrern der Indianer, die sie als bessere Menschen betrachten, vor allem was die Geschichten um Nanapush angeht, fast als Beleidigung erschien.

Der Erfolg der katholischen Mission unter den Stämmen der Reservate verdankt sich vermutlich der geografischen Verbindung nach Kanada, das französisch und daher katholisch beeinflusst ist. Hinzu kommt die Abgrenzung gegenüber den eher anglikanischen und freikirchlichen weißen Amerikanern, die wie Louise Erdrich an der Figur des rücksichtslosen Mauser zeigt, die Reservatsindianer wo es nur geht, um ihr Land betrügen.

Schließlich kommt die animistische Vorstellungswelt der Ojibwe den eher bunten katholischen Heiligenvorstellungen erheblich näher, als die farblose Strenge der Puritaner. Vielleicht könnte man sagen, dass seit Heinrich Böll nicht mehr so katholische Romane wie die von Louise Erdrich bei einem säkularen Verlag erschienen sind. Das Katholische ist in der Welt der Louise Erdrich allerdings ebenso weit gefasst, wie das Indianische menschlich.