// Bücher
Adam Zamoyski
1812
Napoleons Feldzug in Russland
C. H. Beck 2012
Das beste Buch über den Russlandfeldzug Napoleons schrieb natürlich Tolstoi mit Krieg und Frieden. Gar nicht so knapp dahinter ist Zamoyskis voluminöse Darstellung der Ereignisse. Manchmal geht einem beim Lesen solcher dicken Bücher durch den Kopf, dass man es vielleicht nicht so überaus genau wissen wolle. Doch hier, bei diesem Buch, da will man es ganz genau wissen. Und Adam Zamoyski verschafft Überblick, fasst zusammen und erklärt die Motive der einzelnen Protagonisten. Und er ist ein großartiger Erzähler aus den Quellen.
Tolstoi schaltet im neunten Teil des Romans eine historische Reflexion ein und schreibt: „Millionen Menschen mußten also, aller ihrer Menschengefühle und all ihres Menschenverstandes bar, von Westen nach Osten ziehen und ihresgleichen totschlagen“. Das ist so erstaunlich, so rätselhaft und im Grunde unerklärlich, dass die Erzählung davon, wie es dazu kam, wie es verlief und endete, nur im Geflecht eines umfangreichen Buches möglich ist, das Überblick über die großen Verläufe gibt und Einblick in die einzelnen Schicksale.
// Bücher
Tom Holland
Im Schatten des Schwertes
Mohammed und die Entstehung des arabischen Weltreichs
Klett-Cotta 2012
Tom Holland ist ein Historiker, der mit Persischem Feuer und Millenium Werke vorgelegt hat, die sich ganz ihrem Stoff hingeben – und ihren Lesern. Der Stoff schreckt ihn nicht, gerade dürftige Quellenlagen sind Holland Herausforderung genug verstehen zu wollen. Seinen Lesern bietet er immer wieder kleine anachronistische Wendungen und Bemerkungen, die seinen Texten die notwendige Würze verleihen.
Mit seinem neuen Buch über die Jahrhunderte der Entstehung des arabischen Weltreichs im 7. Jahrhundert schließt er zugleich eine Lücke in der Chronologie seiner bisherigen Veröffentlichungen. Eine Losung, die erstmals 685 oder 686 auf einer Münze geprägt wurde, ist es, die nach Holland eine „ungeheure Durchschlagskraft“ entfaltet. Eine bloß militärisch herbeigeführte Einigung hält nur solange die Klammer der Waffengewalt hält, sie bedarf der Verbindung mit Gott. Die Botschaft lautete: „Bismallah Muhammad rasul Allah“ – „Im Namen Gottes, Mohammed ist der Bote Gottes“.
// Bücher
Douwe Draaisma
Das Buch des Vergessens
Warum Träume so schnell verloren gehen und
Erinnerungen sich ständig verändern
Galiani 2012
Bei bestimmten Sachen, dem Dreisatz beispielsweise, weiß man noch ganz genau, wer ihn erklärt hat. Da ist das Wissen im autobiografischen Gedächtnis aufbewahrt. Die allermeisten Informationen aber werden, wenn überhaupt, im semantischen Gedächtnis abgespeichert. Wissen ist in der Regel keine Erinnerung.
Wenn man vermeiden möchte, dass die eigene Idee, die man im Kollegenkreis erläutert, ins bloß semantische Gedächtnis abwandert, also, wie man bei Draaisma lernt, der Kryptomnesie zum Opfer fällt, dann lasse man sich etwas einfallen, das die Idee in einen ungewöhnlichen Kontext stellt: auf den Tisch hauen, sich die Haare raufen, den Sitznachbarn kneifen.
Draaismas Bücher sind so randvoll wunderbarer Beobachtungen. Wie schon in Geist auf Abwegen von 2008 und die Heimwehfabrik von 2009 ist auch dieses Buch von einer nahezu klassischen Abgeklärtheit. Den Beobachtungen zum Phänomen des Vergessens stellt er Erläuterungen an die Seite, wie man zur Probe etwas ans Licht hält, aber erst einmal beiseite legt, um es vielleicht später noch einmal zur Hand zu nehmen.
Selten will Draaisma etwas beweisen. Aus den historisch gewordenen Erklärungen der Psychologiegeschichte, für die er an der Universität Groningen einen Lehrstuhl hat, weiß er mit großer Gelassenheit zu berichten. Vielleicht weil er weiß, wieviel wir wieder vergessen?
Um Kryptomnesie zu vermeiden, kann man sich dieses Buch kaufen und an den Stellen, von denen man sicherstellen möchte, dass man sich erinnert, sie von Draaisma zu haben, ein Eselsohr machen.