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Douwe Draaisma
Das Buch des Vergessens
Warum Träume so schnell verloren gehen und
Erinnerungen sich ständig verändern
Galiani 2012
Bei bestimmten Sachen, dem Dreisatz beispielsweise, weiß man noch ganz genau, wer ihn erklärt hat. Da ist das Wissen im autobiografischen Gedächtnis aufbewahrt. Die allermeisten Informationen aber werden, wenn überhaupt, im semantischen Gedächtnis abgespeichert. Wissen ist in der Regel keine Erinnerung.
Wenn man vermeiden möchte, dass die eigene Idee, die man im Kollegenkreis erläutert, ins bloß semantische Gedächtnis abwandert, also, wie man bei Draaisma lernt, der Kryptomnesie zum Opfer fällt, dann lasse man sich etwas einfallen, das die Idee in einen ungewöhnlichen Kontext stellt: auf den Tisch hauen, sich die Haare raufen, den Sitznachbarn kneifen.
Draaismas Bücher sind so randvoll wunderbarer Beobachtungen. Wie schon in Geist auf Abwegen von 2008 und die Heimwehfabrik von 2009 ist auch dieses Buch von einer nahezu klassischen Abgeklärtheit. Den Beobachtungen zum Phänomen des Vergessens stellt er Erläuterungen an die Seite, wie man zur Probe etwas ans Licht hält, aber erst einmal beiseite legt, um es vielleicht später noch einmal zur Hand zu nehmen.
Selten will Draaisma etwas beweisen. Aus den historisch gewordenen Erklärungen der Psychologiegeschichte, für die er an der Universität Groningen einen Lehrstuhl hat, weiß er mit großer Gelassenheit zu berichten. Vielleicht weil er weiß, wieviel wir wieder vergessen?
Um Kryptomnesie zu vermeiden, kann man sich dieses Buch kaufen und an den Stellen, von denen man sicherstellen möchte, dass man sich erinnert, sie von Draaisma zu haben, ein Eselsohr machen.
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Horst Bredekamp
Leibniz und die Revolution der Gartenkunst
Herrenhausen, Versailles und die Philosophie der Blätter
Wagenbach 2012
Schon seit Jahren gibt Wagenbach besonders fein gestaltete großformatige kulturwissenschaftliche Essays heraus. Eine Lust am Buch, die sich sofort sinnlich mitteilt. In Horst Bredekamp hat der Verlag einen Autor, der die Reihe wesentlich lebendig hält.
In seinem neuen Buch beschreibt Horst Bredekamp die Gartenkunst in zwei Richtungen. Einerseits als das was, man damit ausdrücken möchte: Ruhe und Ordnung in wild wuchernder Natur. Andererseits als das , was sie in uns auslösen mag: Beruhigung und Harmonie. Die gängige Unterscheidung von disziplinierendem Barockgarten und die Blicke frei gebenden Landschaftsgarten hält Bredekamp aus dem historisch überlieferten Material nicht zu belegen.
So findet er in Leibniz‘ Briefen und Notizen zum Großen Herrenhausener Garten Belege für einige die Landschaftgärtnerei vorwegnehmende Überlegungen. Und von der von Leibniz mitgestalteten Gartenanlage selbst sieht er einen Einfluss ausgehen, in dem der Raum die Philosophie mit hervorbrachte. Ein Garten, der den, der ihn anlegt, mit hervorbringt.
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Tobias Quast
Der Tod steht uns gut
Vanitas heute
Nicolai 2012
Der Schädel, das war einmal der große Gleichmacher. Der Sozialist des Christentums. Denn ihm war nicht anzusehen, ob sein Träger schön oder hässlich, arm oder reich war. Einerseits. Denn andererseits bedeutete diese Gleichmacherei auch, dass man immer selbst gemeint war. Deshalb der Schrecken, den der Schädel bereitete.
Inzwischen hat der Schädel jeden Schrecken und auch alles irgendwie Anstößige, das ihm noch vor Jahrzehnten anhaftete, verloren. Das Anstößige bestand genau darin, dass der Schädel ein Zeichen war, das sich an den Einzelnen richtete, das ihm zeigte: „Es ist alles eitel.“ Nun klebt der Schädel überall und weist ins unbestimmte Allgemeine.
Wieviele facebook-Freunde, die man hat, sind schon tot? Wenn es mehr werden und immer weniger nachrücken, wie verhält man sich dann? Im Kapitel „Vanitas digital“ erläutert Quast, dass man das Profil eines Verstorbenen in einen Gedenkmodus bringen kann, bei dem der Freundeskreis eingefroren wird und nur noch dieser auf die Seite zugreifen kann. Ein Himmel digitaler Ewigkeit, statt der sprichwörtlichen Wolke, auf der der Verstorbene sitzt, nun die Cloud.
Tobias Quast, der über Funktion und Wandel der Vanitas im Werk von Alexander Pope promovierte, hat einen ebenso eleganten wie intelligenten Essay zum Vanitas-Motiv in Literatur, Theater, Film und Internet geschrieben. Darin zeigt er überzeugend, dass der übermäßige Gebrauch dieses Motivs ins Gegenteil umschlägt und, wie es bei Quast heißt, im Falle des Vanitas-Motivs in ein „Versprechen eines neuen Jenseits“ mündet.