// Bücher
Willy Brandt
Links und frei
Mein Weg 1930-1950
Hoffmann und Campe 2012
Das Buch erschien zuerst 1983. Es ist ein Lehrstück über eine Jugend in Deutschland, die man, wenn man Sozialist war, nicht in Deutschland verbringen konnte. Das Buch ist einfach und klar. Umgeben von unglaublicher Angeberei und Schreierei wird ein junger Mann unpathetisch und bleibt reduziert bis zur Trockenheit.
An einer Stelle schreibt Brandt: „Obwohl die Sozialdemokraten die Hauptlast der politischen Auseinandersetzung mit den Kommunisten trugen, wurden sie als deren heimliche Komplizen denunziert.“ Vielleicht hat Peter Hintze, der Generalsekretät der CDU, diesen Satz zum Anlass genommen, seine „Rote-Socken-Kampagne“ von 1994 zu starten. Oder er kannte die Reflexe einfach.
Es ist recht unbillig vom Hoffmann und Campe Verlag, das Buch nach dreissig Jahren einfach unverändert nachzudrucken. Lediglich das Glossar wurde stillschweigend aktualisiert. Willy Brandts 100. Geburtstag wird im Dezember 2013 gefeiert. Eine kommentierte oder zumindest neu eingeleitete Ausgabe wäre höchst wünschenswert gewesen.
// Bücher

Bettina Hartz
Auf dem Rad
Eine Frage der Haltung
DVA 2012
Bettina Hartz hat über das Fahrrad gleich mehrere Bücher geschrieben, Reportage, Ratgeber und Kulturgeschichte. In den Erinnerungen und Erlebnissen mit dem Fahrrad gelingen Bettina Hartz schöne Betrachtungen und Wirkungen. All dies so kurzweilig wie ein Weg, den man gern mit dem Fahrrad zurücklegt. Vor allem so genau und in einem Tempo zu genießen, welches das Radfahren vom Autofahren unterscheidet. Ein Frischluftvergnügen. Auch als Buch, bei dem allerdings Kopf- und Fußsteg so schmal geraten sind, als parke der Buchgestalter ganz gern mal auf dem Radweg.
// Bücher
Christoph Bartmann
Leben im Büro
Die schöne neue Welt der Angestellten
Hanser 2012
Im Grunde hat Christoph Bartmann drei Bücher geschrieben. Das erste handelt mehr oder weniger von seinem Büroalltag. Das zweite Buch enthält ausgezeichnete Aufsätze zur historischen Entwicklung der Büroorganisation. Das dritte Buch erläutert unabweisbar genau, was das Büro aus uns gemacht hat. Leider nehmen diese drei Bücher kaum Bezug aufeinander und man hat den Eindruck, dass das irgendwie auch wieder typisch fürs Büro ist.
Ein viertes Buch im Buch, in dem dezidiert von denjenigen Wirtschaftsinstituten und sogenannten think tanks in Harvard, St. Gallen oder Gütersloh die Rede wäre, die die Schnittstellen von Wirtschaft und Poiltik formulieren und helfen in politische Programme umzugießen, dieses Buch hat Bartmann nicht geschrieben. Dazu hätte er raus aus dem Büro gemusst. Ansonsten besitzt Christoph Bartmann eine Neigung zum überaus langen Zitat, durch dessen Länge gelegendlich das aus dem Blick gerät, was gezeigt werden sollte.
Trotzdem schießen in diesem im übrigen hervorragend geschriebenen Buch gelegentlich alle Beobachtungen und Analysen zusammen, z. B. in genau dem Kapitel, in dem Christoph Bartmann die Bücher von Miriam Meckel erläutert. Er zeigt, wie sie Burnout als „Zusatzqualifikation“ nutzt.
Wer mit Symptomen reagiert, die man als Stress erkennt, hat zweimal verloren, er hat Stress und ist überfordert. Das quält von zwei Seiten. Burnout ist nach Bartmann dagegen „die unpeinlichste aller Krankheiten“. Daher lässt sich Burnout hervorragend im Büro erzählen, mit Burnout lässt sich angeben, denn diese Krankheit zeugt „von einer exzessiven Leistungsfähigkeit und – bereitschaft“. Burnout erscheint daher weniger als Problem, denn als Lösung.
An der Stechkarte, die mal den Schlendrian verhindern sollte, zeigt sich die Veränderung, denn heute dient sie der Einschränkung von Überarbeitung. Das Buch endet, wo das Büro nun angekommen ist, in uns selbst.