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stw 666

Peter Fuchs

Der Papst und der Fuchs
Eine fabelhaft unaufgeregte Unterhaltung
Velbrück Wissenschaft 2012

Die Religion lässt sich nicht begrifflich fixieren, daher bringt sie uns in Bewegung. Daher auch Streit und Rauferei darüber. Die Ökumene, der Zusammenschluss der beiden christlichen Kirchen, scheitert ja nicht etwa an den Menschen, sondern an der Auslegungsmathematik der Theologen, nach denen die begriffliche Fixierung der jeweiligen Glaubenslehren noch nicht abgeschlossen ist.

Es ist nicht anzunehmen, dass man 2017 fertig würde, wenn der Thesenanschlag Luthers ins 500. Jahr geht. Ein unfertiges und freies Leben mit dem Unglauben, der Selbstbeschränkung der eigenen Überzeugungen, der Ermöglichung von Unglauben, des Unglaubens in uns selbst, ist den Theologen ein Gräuel. Schlimmer aber ist, eine theologische Position zu räumen, auf die Gehaltsansprüche bestehen.

Die christlichen Kirchen wurden im 20. Jahrhundert so weltoffen, wie nie zuvor. Man strömte in die Welt und ist ununterscheidbar und etwas konturlos in die Welt diffundiert. Nicht ganz ohne Substanzverlust, so scheint es zumindest. Die Kirchen haben die Welt in sich aufgenommen. Die Begründer der Klosterorden wussten von der Gefahr. Jetzt will jeder ins Kloster und keiner will bleiben. Derweil ruft der Papst zur Entweltlichung der Kirche auf.

Säkularisierung ist längst ein Phänomen der Kirchen selbst. Sie zeigt sich an der Differenzierung, der Trennung von Kirche und Staat, der Rationalisierung im Fernsehgottesdienst und der online-Beichte, der Individualisierung der Beerdigungszeremonie und einer ungeheuren Universalisierung des Kirchlichen im Kirchentag. All dies befeuert vom technischen Fortschritt.

Aber Vorsicht, da gleich die Auflösung von Innen her zu sehen. Der Gegenbeweis, dass unsere Säkularisierung nichts mit der Entwicklung der Konsumgesellschaft zu tun hat, wäre Amerika. Was ist der Grund? Es braucht zu einer religiösen Gesellschaft lediglich massive ökonomische Ungleichheit, extreme soziale Absturzgefahr und Schwäche des Sozialsystems. Dann ist es unerheblich, ob man in einem der reichsten oder ärmsten Land der Erde lebt.

In neuerer Zeit gibt es Mord und Totschlag, wenn zwei universal ansetzende Weltzugriffe aufeinander treffen. Nicht so beim Systemtheoretiker Peter Fuchs, der den Papst bei sich zu Hause zu Gesprächen zu Gast hatte.

„Jeder moralische Maßstab,“ heißt es einmal in diesem wunderbaren Buch, „der gelten soll, gilt nur unter der Prämisse, dass man sich dagegen entscheiden kann, wenn man will. Das heißt auch: Je mehr religiöse Organisationen auf gültige Moral setzen, desto mehr exponieren sie sich Gegenbeobachtungen, die auf Freiheit pochen, intern und extern.“

Dieser Gegenbeobachter, der auf Freiheit pocht, ist der Teufel, der in Niklas Luhmanns Hauptwerk Soziale Systeme eine bedeutende Rolle spielt. Das Buch erschien dann später in der Reihe suhrkamp taschenbuch wissenschaft mit der denkwürdigen Bandnummer 666. Luhmann hatte den Teufel, Fuchs hat den Papst im Buch. Und in diesem Buch lernt man fast alles, was man über Religion wissen muss; vom Gegenbeobachter natürlich.

In den Gemeinden, vom Papst zur Entweltlichung aufgerufen, herrscht Angst. Leisetreterei allerorten, ob man nicht, wenn doch alle so empfindlich geworden seien, in Theater und Musik die Provokationen einfach sein lassen könne. So ein Katholik oder Evangelischer, das war an dem Abend nicht zu erfahren, satt und besorgt, wie alle anderen, die an der Veranstaltung teilnahmen. Einer Veranstaltung zum zweiten Gebot: Du sollst Gottes Namen achten. Hier der Link.

Besonders gravierend: Das zur Dikussion geladene Christenvolk überraschte das Podium, das sich verabredet hatte, die Beschneidungsdebatte nicht selbst zu beginnen, damit, diese mit keinem Wort zu erwähnen. Der „Mohel“ bei der „Metzitzah B’peh“ genannten Zirkumzision saugt „Blut mit dem Mund aus dem beschnittenen Penis“. (FAZ Nr. 216, 15.09.2012) Man hätte sich überraschen können.

Denkste, Peter Fuchs, „Gegenbeobachtungen, die auf Freiheit pochen“ gibt es nicht. Weder wird gepocht, noch auch nur getippt. Gegenbeobachtungen werden zu Berücksichtigungen entschärft. Was müssen wir berücksichtigen? Religion, die sich vom Podium herab nicht begrifflich fixieren lässt, macht missmutig. Der Terror ist angekommen.

Die Teilnehmer stimmen darin mit ihren Enkeln, die wissen wollen, ob das Vorgetragene denn prüfungsrelevant sei, ganz überein.

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Die Maßnahme

Dieter Haselbach, Arnim Klein,
Pius Knüsel, Stephan Opitz

Der Kulturinfarkt
Von allem zu viel und überall das Gleiche
Knaus 2012

Wer sich der Kultur widmet, scheint aller kritischen Rückfragen enthoben. Selbst im Verriss, ja noch im Totalverriss, bleiben die Prinzipien der Kultur unangetastet. Wer aber in der Kulturpolitik die bloßen Beutelschneider, die Wichtigtuer und Blender von denen zu scheiden versucht, die sich dem Wahren, Guten und Schönen widmen, beißt sich die Zähne aus. Die Autoren des Kulturinfarkt unterliegen also dem erwartbaren analogen shitstorm der kulturellen Community, die gut sozialpädagogisch auszurufen scheint: „Wir lassen keinen zurück!“.

Die Kulturvermittlungsformate der alten und neuen Medien leben vom Nachschub der Kulturprodukte, die die Formate vermitteln. Das ist so und bleibt so bis der Nachschub ausbleibt, die sozialen Praxens wie Theaterbesuch einschlafen, der Mangel an Qualität für die Abnehmer unübersehbar geworden ist und die Vermittelungsformate nach und nach aus Mangel an Interesse abgeschaltet werden. Dass die Institute, Rollen und Praxen nun staatlich alimentiert werden, weiß man diffus, hätte man nur gern genauer erfahren.

Das heißt: Allzu viele Kulturleichen leben noch. Das Bild vom Kulturinfarkt ist also falsch. Hinsichtlich der Kulturvermittler sieht es eher nach einer Maßnahme aus, die Leute irgendwie zu beschäftigen und so vom Arbeitsmarkt, auf dem sie aufgrund ihrer Sozialformatierung in Amt und Würden ohnehin Schwierigkeiten zu bestehen haben, fern zu halten. Und weil das insgeheim so überaus deutlich von den Betroffenen gefühlt wird, sind die Verrisse dieses Buchs so verbiestert.

Für eine sachliche Rezeption, die dem Buch zu wünschen gewesen wäre, hätten die Autoren viel mehr schweres und kaltes Blut beweisen müssen: Konzentration auf Zahlen und Fakten. Da in ihren Adern aber das nährstofflose heiße Wasser des Feuilletons fließt, kommt nichts raus als Dampf und Blasen. In eigener Sache muss noch hinzugefügt werden, dass Sätze wie: „Die Preise der Bücher bleiben durch die Preisbindung hoch“, von grauslicher Ahnungslosigkeit zeugen.

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Dableiben

Michael Kohtes
365 Tage
Ansichten von K.
Greven 2012

Michael Kohtes hat ein Übungsbuch des Schlenderns und Schauens geschrieben. Seine „Ansichten über K.“ sind die Ergebnisse dieser Übung, sie sind was sich im Ergehen ergeben hat.

In der Bibliothek trifft Kohtes einen Kollegen. Der spricht ihm vom „Romanfetischismus in Deutschland“. Dieser führt dazu, dass solche Bücher, wie die von Michael Kohtes oder auch Karl-Markus Gauß, auf dem Förderband des Publikationsstroms als Nicht-Roman identifiziert werden und in die Kiste „Allerlei“ rumpeln, in der sich bunt durcheinander Essay, Reportage, Sachbuch und Erinnerung finden.

Aber was ist das für ein Buch? Ein Tagebuch, ein Bilderbuch, eine Aphorismensammlung (eigene und fremde), eine Schriftstellerreflexion, eine Reise in Kölner Viertel und die Kindheit und viel Volksvermögen (Rühmkorff), das der Flaneur Kohtes aufschnappt und notiert.

Ein Buch über eine Stadt wie Köln ist entweder ein Reiseführer oder ein Buch wie das von Kohtes. Er selbst will nichts, hat kein Ziel, schlendert und schaut und lässt die Stadt in seinem großartigen Buch einfach sie selbst sein.

Bei Kohtes lernt man so etwas wie Urlaub als unsinnige Ablenkung zu empfinden. Als Ablenkung, von dem was wirklich wichtig ist, weil es umme Ecke ist. Als Ablenkung von demjenigen, der gerade escht zu uns spricht. Das Einzige was man tun muss, ist dableiben. „Hören und Sehen“, schreibt Kohtes an einer Stelle, „meinen nicht selten: mit etwas aufhören und von etwas absehen.“