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Jan Plamper
Geschichte und Gefühl
Grundlagen der Emotionsgeschichte
Siedler 2012
Warum ergreifen den griechischen Helden die Gefühle als außer ihm liegende Mächte? Wie packte man sich im 18. Jahrhundert bei der Ehre, vor allem aber wo? Was ist das Ehrgefühl überhaupt? Oder kann man auch als Migrant „German Angst“ entwickeln?
Die Gefühle haben eine Geschichte. Schon allein darin ist Plampers überaus umfangreiche Gesamtdarstellung all dessen was man über Gefühle wusste und weiß, überall aufschlussreich.
Es gibt kein Gefühl an sich, das man im einen Augenblick formulieren und dann wie einen 3-D-Ausdruck zur Hand nehmen und wie zum Beweis vorzeigen kann. Die Verdinglichung des einen Gefühls, das man da und da hatte, wurde in den letzten Jahren von der Topologie der Gefühle im Gehirn, dem sich die Neurowissenschaften widmen, abgelöst.
Plamper zeigt, dass das bildgebende Verfahren der Gefühlslokalisierung immer dann ziemlich sicher in die Irre führt, wenn sich Kulturwissenschaften darauf beziehen. Sie gehen dann ein wenig wie derjenige vor, der aus aus dem Wärmebild eines Hauses Rückschlüsse auf die Familienverhältnisse unternimmt.
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Ab 1929 wurden von den sowjetischen Machthabern Russlands im Komi-Gebiet weit im Norden eine Fülle von Lagern errichtet. Ein Gebiet, das in der Zarenzeit als unbesiedelbar galt – selbst für Verbannte. Stalin und die für die Lager zuständigen Geheimdienstchefs Jagoda, Jeschow und Berija sahen das anders. Verwaltungszentrum wurde das Lager Workuta.
Den kürzesten Bericht liefert Horst Bienek, aus dessen Nachlass ihn Michael Krüger herausgegeben hat. Ein Gedächtnisprotokoll, eher widerwillig entstanden. Bienek schreibt: „Ich habe in vielen Städten, auch im Ausland, aus der ‚Zelle‘ gelesen, und die Zuhörer sagten manchmal, wie schrecklich (…). Aber nach Workuta hat bisher keiner gefragt.“
Auf dem Weg von Moskau nach Workuta liegt der Ort Petschora. Dort ist Lew Mischtschenko interniert. Als Heimkehrer aus dem großen vaterländischen Krieg gegen Nazideutschland wird er, wie alle anderen Kriegsgefangene aus Deutschland auch, sofort verhaftet und zu einer jahrzehntelangen Freiheitsstrafe wegen Spionage verurteilt. Entgegen allen Vorschriften des Gulag gelingt es ihm und seiner Frau Swetlana weit über tausend Briefe auszutauschen.
Figes, der das Konvolut der Briefe entdeckt hat, erkennt sofort, dass sich in Lews Briefen ein einzigartiges zeitgenössisches Protokoll des Lagerlebens verbirgt. Zum Glück aber lässt der Historiker dem Romancier Figes genügend Platz für einen Brief-Roman.

Erwin Jöris Weg ist ein Weg durch das „Zeitalter der Extreme“, das sich durch die Herrschaft der Verbrecher auszeichnet. Denn Workuta wie Peschora, wie alle anderen Lager werden von Verbrechern, von Mördern, Dieben, Schlägern regiert – Bladnois wie man sie auf Russisch nannte. Eine Verrohung der Welt.
Andreas Petersen hat das Leben von Erwin Jöris aufgeschrieben, erläutert und kommentiert und daraus einen großen Lebensbericht werden lassen. Er reicht von den Straßenschlachten der Republik, dem Leben als Häftling in deutschen Lagern, von der Zeit der russischen Industrialisierung und des Terrors, von der Zeit als Soldat der Wehrmacht, in russischer Kriegsgefangenschaft, in der frühen DDR, um dann schließlich, verurteilt zu fünfundzwanzig Jahren Haft, nach Workuta verschleppt zu werden. Ein Leben im Mahlwerk der Regime.
Alle drei, Horst Bienek, Lew Mischtschenko und Erwin Jöris sind Überlebende, die der Verrohnung der Welt etwas entgegen zu halten haben: ihre Erinnerung.
Horst Bienek
Workuta
Wallstein 2013
Orlando Figes
Schick einen Gruß, zuweilen durch die Sterne
Eine Geschichte von Liebe und Überleben in Zeiten des Terrors
Hanser Berlin 2012
Erwin Jöris, Andreas Petersen
Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren
Ein Jahrhundertdiktat
Marix 2012
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Das Wagner-Jahr 2013 scheint sich weniger in Konzerthäusern als auf Büchertischen abzuspielen. Das kann dann aber auch bedeuten, dass es eine geben kann, die in Darstellung und Inhalt die klassische populäre Darstellung Wagners von Martin Gregor-Dellin von 1980 ersetzt.
Diese neue große Biografie Wagners stammt zweifellos von Martin Geck. Sie ist hervorragend geschrieben und handelt glücklicherweise von dem, was bei Wagner wichtig ist: Musik. Gleichwohl stand am Anfang das Drama, die Inszenierung und dann erst kam bei Wagner die Musik. Geck geizt nicht mit Musikbeispielen, die zeigen wie es gemacht ist. Der ganze geistesgeschichtliche Firnis, der die unübersehbare Wagneriana überzogen hat, ist damit erst einmal ausgewischt.
Der Firnis besteht manchmal auch nur aus einer Schicht Altfett. Bei Christian Thielemann erfährt man: „Die Wagners aßen gerne Wurstsalat.“ Das Buch geht aus Aufnahmen hervor. Irgendwer hat vergessen zu schneiden.
Dann doch lieber gleich Ludwigs Marcuses Wagner-Buch, das bereits 1963 erschien und die ganze Wagnerei durch die süß-saure Soße, die Marcuse drübergoss, erst halbwegs genießbar werden lässt. Immer noch lesbar, weil auf jeder Seite mit szenischer Genauigkeit. Das Inszenieren ist von jeher die Lieblingsbeschäftigung der Wagners. Wagner im niederländischen Malerkostüm: Kniehose mit seidenen Strümpfen, ein Rock aus Samt. Hollyreuth.
Neuere Biographien haben ja kein Problem mit dem Material. Es reicht längst. Jetzt geht es eher darum, die richtigen Schnitte zu setzen. Martin Geck, das zeigt sich auf jeder Seite, handhabt das Messer beherzt. Zwei Doppelbiografien – dies hier eingeschoben – sind außerdem erschienen, von Kerstin Decker über Nietzsche und Wagner, von Eberhard Straub über Wagner und Verdi.
Das Problem des Materials besteht darin, die Ausstrahlung des Künstlers zu begrenzen, die sich auf alles ausdehnt, seine trivialen Gewohnheiten und vollkommen belanglose Gegenstände. Im Umfeld des Künstlers, allemal dem, der tausendfach dargestellt wurde, erfährt nun jedes und alles etwas vom Abglanz der großen Persönlichkeit. Irgendwann wimmelt es nur noch von bedeutsamen Begebenheiten und wichtigen Gegenständen. Über den Dirigenten Thielemann erfährt man: „Ich mag keinen Wurstsalat.“
Kerstin Decker
Nietzsche und Wagner
Geschichte einer Hassliebe
Propyläen 2012
Martin Geck
Wagner. Biographie
Siedler 2012
Eberhard Straub
Wagner und Verdi
Klett-Cotta 2012
Ludwig Marcuse
Richard Wagner
Ein denkwürdiges Leben
Diogenes 2013 (zuerst 1963)
Christian Thielemann
Mein Leben mit Wagner
C. H. Beck 2012